01.03.2022SpotlightDieter Ilg

Wonnen und Kämpfe – eine Melange in der Arena des Solobassspiels

Wie gewonnen so zerronnen ? Von wegen.
Von Wegen der Erkenntnisfindung gibt es zentnerweise Bücher in den haptischen Bibliotheken respektive ellenlange .pdfs in den Untiefen des Internets. Erkenntnisfindung und Menschenverstand sind durchaus miteinander verwandt. Schwestern und Brüder im Geiste. Geisteswissenschaften zeigen auch Wege auf.
Jeder sucht und findet Wege, zum einen die großen, bekannten Wege und die kleinen, eher unbekannten oder individuell abgeschmeckten. Auch Geschmack ist bekanntlich verschieden.
Und da Wissenschaft zu immer wieder neuen und verschiedenen und auch altbewährten wie neu unbewährten Lösungen findet, so offenbart sich im Forscherdrang der eigene Geschmack. Der kleine, individuelle, differenzierte Weg als gemeinsames großes Ganzes. Das ist ganz nach meinem Geschmack.
 
So finden sich Wonnen im Sein des Gewonnenen. Doch selbst ein Kampf kann ein Gewinn sein; völlig unabhängig, ob dieser gewonnen wird oder zwischen den Händen zerrinnt. Nichts ist ewig.Verlust kann Gewinn sein, Gewinn kann Verlust sein. Es kann sogar Lust machen zu verlieren, z.B. wenn ich jemanden gewinnen lasse und er sich freut. Freude ist gewinnend; somit gewinnt auch der „Verlierer“. Natürlich offenbart sich dem Verlierer auch sein Verlust. In der Freude mit dem Gewinner empfindet er den Verlust als Lust. Lust statt Frust bei Verlust. Und oft ist nicht klar, wer der Gewinner und wer der Verlierer des Ganzen darstellt.
 
Wohin führt mich das ? In das Abwägen, in das Ausjustieren und in die Erkenntnis zu spüren. Eine Spurensuche also.
 
Auf der Spur des Solobassspiels ist der Kontrabass meine Loipe. Viersaitig in diesem Falle, normale Orchesterstimmung wie so gesagt wird. Keine Solostimmung – in der klassischen Literatur ist die sogenannte „Solostimmung“ einen Ganzton höher als die Orchesterstimmung. Die Solostimmung, in Form der Stimmungslage fürs Solospielen, sie führt mitten durch mich durch – Orchesterstimmung hin, Orchesterstimmung her. Ein Orchester unterhält viele Personen als Mitglieder, ein Einmannorchester respektive ein Einfrauorchester respektive ein Einpersonenorchester logischerweise nur einen Menschen. Gut, es gibt auch Wolfschöre, aber das tierische lasse ich einmal bewusst außen vor.
 
Die Wahl Kontrabass spielen zu lernen war gleichzeitig die Wahl des Kontrabasses selbst – er wählte mich als Spieler – sowie die meiner Person und dem was ich damit verband, was mich als 13jähriger in Stimmung versetzte, zu diesem Instrument zu greifen. Abgesehen davon, daß es Monate brauchte, bis ich die dicken Darmsaiten mit meiner linken Hand aufs Griffbrett runterzudrücken vermochte, blieb ich am Ball. Ich steckte meine Fussballtorwarthandschuhe an den Nagel, nur um mich mir selbst und dem Kontrabass zu widmen. Vornehmlich alleine, also solo. Bis auf die wöchentlichen Unterrichtsstunden an der Musikschule. Solobassspiel ist immer ein Teil meiner musischen und musikalischen Tätigkeit gewesen und ist es selbstverständlich in der Gegenwart immer noch. In jeder Übestunde liegt die Konzentration des Bewusstseins auf mir und dem Kontrabass. Ein gegenständliches Duo spielt solo. Nicht mehr und nicht weniger.
 
Konzertant war es Axel Klauschke vom Domicile in der „Goldstadt“ Pforzheim, der mich als Siebzehnjähriger in einer Band namens „Whoopee Makers“ am Rande des Schwarzwaldes hörte und zu einem kleinen Auftritt bei sich verpflichtete, mit dem Wunsch an mich, solo zu spielen. Egal ob ich das schon einmal öffentlich getan hatte oder nicht. Ob es ein Kampf oder eine Wonne war, im Vorfeld ein solches Soloprogramm zu entwerfen, weiß ich nicht mehr. Es war wohl definitiv kein Verlust sondern eher ein Gewinn. Ein rituelles Ereignis im Musikkosmos. Eine sprichwörtliche Initiation.
 
Um auf vorhin zurückzukommen: Trotz Orchesterstimmung trieb es mich nicht ins klassische Orchester sondern in die offenen Arme des Jazz. Ich stieß ins oft so beschriebene Ungewisse, ins Reizvolle und Leidenschaftliche; ohne Rücksicht auf Verlust. Verlust von was ? Routine, Kontrolle, gesellschaftlichem Wunsch und dem Bestreben nach einem „sicheren“ Beruf ? Keine Ahnung, mit 16 Jahren entschied ich für mich, Jazzbassist zu werden. Punk.t.
 
Nun, die Beziehung eines Instrumentalisten mit seinem Instrument, kann eine sehr besondere sein. Leidenschaft ist das eine. Das andere ist Kampf. Als Fussballtorwart war ich dafür zuständig, daß das Runde nicht ins Eckige flog. So schien ich wohl gerüstet für den Kampf, die Wonnen und die Vermengung von denselben. Unzufriedenheit mit mir und Unzufriedenheit mit meinem Instrument (von Klang bis Bespielbarkeit, der ganze unendlich scheinende Kanon...) vermengten sich ab und an zu einer kapriziösen Melange, die den einen oder anderen meiner Weggefährten forderte, sowie den ein oder anderen Kontrabassreparateur in die nächstbeste Therapie fliehen ließ. Und wieviel Instrumente durch meine Hände gingen, intensivst analysiert, gespielt und durchleuchtet wurden, ist kaum zählbar. Unwiderstehlich.
 
Ein liebevoller Widerstand fühlt sich für mich elastisch und beweglich an. In der Auseinandersetzung diversester Standpunkte verbleibt so spielerischer Raum, dem ich mich im Solospiel widmen kann. Dabei kommen automatisch alle meine musikalischen Erfahrungen zum Zuge. Reflexe sind spielbildend. Im freien Spiel gibt es keine Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich kommuniziere mit mir selbst und meinem Bezugsinstrument Kontrabass im Jetzt. Mit dem Ziel: jeder Ton eine Widmung. Positief.
 
Dieter Ilg
 

 

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