Der berühmt-berüchtigte amerikanische Jazz-Impressario Norman Grantz (1918 – 2001) hatte 1944 eine Vision: Die Einzigartigkeit und Kunstfertigkeit der improvisierten Musik mitten in der Gesellschaft verankern, den Musikern die Würde und Anerkennung zu Teil werden lassen, die ihnen zusteht, und durch die Kombination verschiedenerer Stilrichtungen und Spielhaltungen, spontan in ungewohnten Besetzungen, Neues entstehen lassen. Es konnte nur einen idealen Ort für dieses Vorhaben geben - einen klassischen Konzertsaal: „Jazz at the Philharmonic“ war geboren.
Kurator und Produzent Siggi Loch griff Norman Grantz bahnbrechende Idee auf und gründete zusammen mit der Stiftung Berliner Philharmoniker die Konzertreihe „Jazz at Berlin Philharmonic“: Bei „Jazz at Berlin Philharmonic“ ist das Programm der Star.
Jazz at Berlin Philharmonic XII: Sketches of MilesCD / Vinyl / digital
Theo Croker Quartet
Theo Croker trumpet & leader
Danny Grissett piano
Joshua Ginsburg double bass
Gregory Hutchinson drums
Magnus Lindgren conductor
Tenor saxophone on So What
Flute on All Blues
Members of the Berliner Philharmoniker
Michael Hasel & Egor Egorkin flute
Matic Kuder, Andraž Golob & Manfred Preis clarinet
Markus Weidmann bassoon
Andrej Žust & Sarah Willis horn
Guillaume Jehl, Lennard Czakaj & Marc Ullrich trumpet
Olaf Ott, Thomas Richter & Susann Ziegler trombone
Peter Kanya tuba
Guests: Matic Kuder, Marc Ullrich, Thomas Richter, Susann Ziegler
Karajan-Akademie: Lennard Czakaj, Peter Kanya
Wenn Louis Armstrong bis heute die wohl bekannteste Jazzlegende weltweit ist, dann gebührt Miles Davis der Titel des größten Genies und Erneuerers dieser Kunstform. Der 1926 in St. Louis geborene Trompeter war ein Charakterkopf, Visionär und Vordenker, der dem modernen Jazz seit der Erfindung des Bebop in den frühen 1940er Jahren, an der er als 19-jähriger schon beteiligt war, immer wieder neue, entscheidende Impulse gegeben hat. Der Hitze des Bebop setzte er 1949 den Cool Jazz entgegen. Als die bahnbrechenden Aufnahmen aus dieser Zeit, erst 1957, auf „Birth of the Cool“ veröffentlicht wurden, läutete Miles Davis zusammen mit dem kongenialen Arrangeur Gil Evans bereits die nächste kleine Revolution in Form des „modalen Jazz“ ein. In kurzer Folge entstanden zwischen 1957 und 1959 mit „Miles Ahead“, „Milestones“ und „Kind of Blue” drei epochale Alben in diesem Stil, wobei letzteres als das erfolgreichste Jazzalbum aller Zeiten in die Musikgeschichte eingehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war Miles Davis gerade Anfang 30 und er vermochte es mit Hard-Bop, Fusion-Jazz und Jazz-Rock seiner Kunst immer wieder neue Richtungen zu geben. Darüber hinaus hatte Davis ein untrügliches Gespür für Talente. Während seiner gesamten Karriere holte er sich stets die besten aufstrebenden Musiker in seine Bands. Sie wurden dann selbst zu Stars: John Coltrane, Sonny Rollins, Bill Evans, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Tony Williams, Ron Carter, Keith Jarrett, Joe Zawinul und viele mehr. Als er 1991 mit nur 65 Jahren in Santa Monica starb, war er zu einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts geworden.
In der Berliner Philharmonie ist Miles Davis 1964 beim ersten Jazzfest Berlin aufgetreten und war dort insgesamt achtmal der Stargast. In Erinnerung daran und 30 Jahre nach seinem Tod hat Siggi Loch, der Kurator von „Jazz at Berlin Philharmonic“, diesem genialen Musiker mit “Sketsches of Miles“ ein musikalische Denkmal gesetzt. Der Geist von Miles Davis wehte am 27. November 2021 erneut durch die heilige Halle und hat die Mitwirkenden dieses besonderen Konzertabends beflügelt. Große Fußstapfen, die das Theo Croker Quartet und die Mitglieder der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Magnus Lindgren zu füllen wussten und eine schillernde Hommage an die Jazz-Ikone auf die Bühne brachten. Wie alle “Jazz at Berlin Philharmonic“-Konzerte war auch diese Besetzung ein einmaliges Ereignis. Das zweiteilige Programm war im ersten Teil auf Highlights aus Miles Davis’ Band-Einspielungen fokussiert, ehe dann im zweiten Teil die Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit dem Theo Croker Quartet auf der Bühne standen, um gemeinsam drei eigens für den Abend arrangierte Suiten aus den Orchesteralben „Miles Ahead“, „Porgy and Bess“ sowie „Sketches of Spain“ aufzuführen. Als Trompeter an einer Hommage an Miles Davis mitzuwirken, kann einschüchternd sein. Doch Theo Croker meistert die Herausforderung eindrucksvoll. 1985 in Florida geboren gehört er heute zu den meistbeachteten Jazzmusikern seiner Generation. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn einen „Visionär des Post-Hip-Hop-Jazz“ und attestierte ihm ein „geschicktes Gespür für die gesamte afroamerikanische Musikgeschichte“. Croker bringt vieles mit, was Miles Davis auszeichnete. Im Rücken hat er an diesem Abend eine exzellente Band: Pianist Danny Grissett spielt unter anderem seit 2006 in der Band von Tom Harrell und hat bereits sechs eigene, vielbeachtete Alben veröffentlicht. Bassist Joshua Ginsburg ist seit fast zwei Jahrzehnten eine feste Größe der New Yorker Jazz-Szene. Der 51-jährige Schlagzeuger Gregory Hutchinson schließlich hat bereits mit fast allen Größen des Jazz gespielt und gilt dem Jazz Magazine zufolge als „der Drummer seiner Generation“. Offen für Neues sind auch die Mitglieder der Berliner Philharmoniker, die sich neben ihrer Arbeit beim „besten symphonischen Orchester der Welt“ immer wieder in unterschiedlichsten Kleinbesetzungen in neue musikalische Abenteuer stürzen. Unter der Leitung von Magnus Lindgren und an der Seite des Theo Croker Quartet lassen sie den „sinfonischen“ Miles Davis erklingen. Lindgren gilt als Spezialist für Jazz-Klassik-Crossover-Projekte. Erst kürzlich hat sich der Schwede in das Werk eines anderen Granden des Jazz eingefühlt. Mit der SWR Big Band und John Beasley hat Lindgren mit „Bird Lives“ Charlie Parker musikalisch auferstehen lassen. Auch zeichnet er sich als Arrangeur des Abends aus, in Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Hans Ek, bekannt als Schöpfer der E.S.T. Symphony. „Sketches of Miles“ - ein Abend mit Nachhall. Gemeinsam wandeln das Theo Croker Quartet, die Mitglieder der Berliner Philharmoniker und Magnus Lindgren auf den Spuren des Meisters und hinterlassen mit diesem Konzert ihre eigenen.Credits:
Music arranged by Magnus Lindgren (Tracks 01, 03, 04) and Hans Ek (Tracks 02, 03)
Curated and produced by Siggi Loch
Live at Philharmonie Berlin, 27 November 2021
Recorded, mixed and mastered by Klaus Scheuermann
Cover art by SHOSHU / ACT Art Collection
Jazz at Berlin Philharmonic XIII: Celebrating Mingus 100CD / digital
Magnus Lindgren baritone saxophone, bass clarinet, leader & arranger
Georg Breinschmid double bass, leader & arranger
Tony Lakatos tenor saxophone
Jakob Manz alto saxophone
Matthias Schriefl trumpet
Shannon Barnett trombone
Gregory Hutchinson drums
Danny Grissett piano
Camille Bertault vocals
Am 22. April 2022 wäre Charles Mingus 100 Jahre alt geworden. Obwohl der Kontrabassist selten in einem Atemzug mit Louis Armstrong, Charlie Parker oder Miles Davies genannt wird, ist seine Bedeutung für die improvisierte Musik nicht geringer zu schätzen. Er konnte wütend, sogar gewalttätig sein, aber auch liebevoll und zärtlich, und all diese Aspekte seines komplexen Charakters hört man in seiner Musik. Mingus sagte einmal selbst über sich: „Ich versuche, die Wahrheit dessen zu spielen, was ich bin. Das ist deshalb so schwierig, weil ich mich ständig verändere.“ Extreme der Emotionen sind der Kern von Mingus' Musik und sie spiegeln sich in seinen sechs Kompositionen wider, die hier auf „Jazz at Berlin Philharmonic XIII - Mingus 100“ zu hören sind. Das Konzert am 13. April 2022 war eine der Hauptveranstaltungen anlässlich des Künstlerjubiläums und fand in der von Siggi Loch kuratierten Konzertreihe statt. Die neun Musiker, die auf der Bühne standen und die sich vor diesem Projekt größtenteils nicht kannten, haben ihr ganzes musikalisches Wesen in dieses Projekt eingebracht und sind dabei dem Geist von Mingus und seiner einzigartigen Art, Trotz und Widerspruch auszudrücken, treu geblieben. Die ersten Klänge des Live-Mitschnitts stammen von dem österreichischen Bassisten Georg Breinschmid. Er ist einer der Co-Leader des Projekts und stellt in Mingus-Manier unverblümte Attacke und streichelnde Zärtlichkeit einander gegenüber, wenn sein Bass „Jelly Roll“ einleitet. „Georg ist ein wunderbarer Kommunikator und ein hervorragender Bassist“, sagt der andere Leiter des Abends, der schwedische Multiinstrumentalist und Arrangeur Magnus Lindgren. Breinschmids Geschichte ist bemerkenswert: Bis zu seinem 25. Lebensjahr ist er einen traditionellen Weg gegangen. Als junger, hochkarätiger klassischer Kontrabassist war er bereits ordentliches Mitglied der Wiener Philharmoniker geworden, eine Rolle, die ihm ein Leben lang sicher war. Aber dann kehrte er dieser Welt den Rücken und geht seither seinen eigenen Weg als Musiker, der im Jazz und in der Wiener Popularmusik verwurzelt ist. Seine Leidenschaft für Mingus wurde schon früh geweckt und hat ihn bis heute nicht losgelassen. „Als ich als Vierzehnjähriger mit dem Bassspielen anfing, haben mich sein Sound, die Kompositionen, das Gesamtpaket sehr geprägt. Es kommt so vieles zusammen“, sagt er. Breinschmid und Magnus Lindgren hatten zuvor noch nicht zusammengearbeitet, aber ihr gegenseitiges Verständnis und ihr Respekt wuchsen im Laufe der Zusammenarbeit: „Magnus ist ein großartiger Musiker“, sagt Breinschmid. „Ein virtuoser Multiinstrumentalist, ein erfahrener Arrangeur, ein großartiger Künstler. Er hat immer ein Gespür für das gesamte Ensemble und dafür, wie es am besten funktionieren wird.“ Lindgren, der eher für das Alt- und Tenorsaxofon sowie die Flöte bekannt ist, ist hier hauptsächlich auf seinem alten Selmer-Baritonsaxophon zu hören, aber auch auf der Bassklarinette. Wie Breinschmid fühlte sich Lindgren ebenfalls schon früh zu den Kompositionen von Mingus hingezogen, was durch eine enge Zusammenarbeit mit Steve Slagle, einem der führenden Köpfe der Mingus Big Band in den 1990er Jahren, noch verstärkt wurde. Über seine Rolle als Instrumentalist der Mingus-Hommage sagt der Schwede: „Ich liebe Pepper Adams - und es macht Spaß, Bariton zu spielen.“
„Wenn Charlie von Lester spricht...“ Es war Joni Mitchell, die Mingus' wunderschönes Klagelied zum Tod von Lester Young, „Goodbye Pork Pie Hat“, auf ihrem „Mingus“-Album in englische Worte fasste. Der Kontext ist hier ein anderer, ebenso wie die Sprache. Aus dem Mingus'schen polyphonen Chaos erhebt sich die eindringliche Gesangsstimme des französischen Gesangsstars Camille Bertault. Die von ihr geschriebenen Lyrics beschwören die Verlustgefühle von Charles Mingus herauf. Dann erhebt sich ihre Stimme wie von Zauberhand wortlos, und wenn sie den letzten Ton ganze fünfzehn Sekunden lang hält, ist das eine atemberaubende Tour de Force an Gelassenheit und Kontrolle. Sie ist auch für die neuen und aufreizend rätselhaften Worte für „Self-Portrait in Three Colours“ verantwortlich. „Jazz at Berlin Philharmonic XIII – Celebrating Mingus 100“ präsentiert weitere starke Stimmen. Zwei US-Amerikaner bilden das Herz der Band: Pianist Danny Grissett ist seit fast zwei Jahrzehnten in der New Yorker Jazzszene aktiv und war Mitglied der Mingus Big Band. Schlagzeuger Gregory Hutchinson hat in unzähligen Kontexten gearbeitet, nicht zuletzt im Joshua Redman Quartet von 1998 - 2001. Daneben sind zwei Musiker vertreten, die Deutschland zu ihrer Heimat gemacht haben: Der Tenorsaxophonist Tony Lakatos ist seit seiner Übersiedlung von Ungarn nach Deutschland im Jahr 1980 auf über 300 Alben zu hören und war bis 2021 eine feste Größe in der hr-Bigband. Der starke Ton und die Improvisationsfähigkeit der in Australien geborenen und heute in Köln lebenden Posaunistin Shannon Barnett erweisen sich in diesem Kontext ebenfalls als ideal. Die deutsche Heimmannschaft des Abends bilden der Trompeter Matthias Schriefl und der junge Saxophonist Jakob Manz. Voller Hingabe, überbordender Energie und mit waghalsigen Spielfertigkeiten werfen die beiden alle Klischees über deutsche Ordnung und Disziplin über Bord. Dies ist leidenschaftliches Musizieren auf höchstem Niveau.
Mingus Musik war ein Wechselbad der Gefühle und Stimmungen. All die menschlichen Emotionen von Wut, Angst und Traurigkeit bis hin zu Hoffnung, Freude und Liebe finden sich bei ihm wieder. Das macht sein Schaffen heute immer noch aktuell. Während Mingus' Asche dem Ganges anvertraut wurde, erwachte sein unverwüstlicher Geist in einem bewegenden Konzert in Berlin zu neuem Leben.Credits:
All music composed by Charles Mingus arranged by Magnus Lindgren (02, 03, 05 & 06) and Georg Breinschmid (01 & 04) French lyrics for Goodbye Pork Pie Hat and Self-Portrait in Three Colors written by Camille Bertault Live at Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal, 13.04.2022 Recorded, mixed and mastered by Klaus Scheuermann Curated and produced by Siggi Loch Cover art by Soshu
Jazz at Berlin Philharmonic X: East - WestCD / digital
Majid Bekkas guembri & vocals Nguyên Lê e-guitar NES Nesrine vocals & cello Matthieu Saglio cello & vocals David Gadea percussion Black String Yoon Jeong Heo e-guitar Geomungo Jean Oh e-guitar Aram Lee daegeum & yanggeum Min Wang Hwang ajaeng & janggu
Ost trifft West - eine spannende Beziehung
East meets West – das war das Lebensthema von Nesuhi Ertegün (1917-1989). Wuchs er doch als Sohn des ersten Botschafters der türkischen Republik in Washington auf. Um selbst zu einem Botschafter zu werden, zu einem der bedeutendsten Förderer und und Orient. Von der Renaissance bis heute kann man im Westen Wellen der Begeisterung für die östliche Kultur beobachten. Auch der Jazz hat seit seiner Entstehung vor gut hundert Jahren stets Elemente anderer Kulturen aufgenommen und in sein Stilvokabular übernom-men. Andererseits haben KünstlerInnen östlicher Kulturen den Jazz umarmt, mit ihrer Tradition fusioniert und so neue Ausdrucksformen dieser ursprünglich rein afroamerikanischen Musik gefunden.
Mit zwei Ensembles; NES und Black String, sowie zwei herausragenden Stilisten ihrer Instrumente, Nguyên Lê und Majid Bekkas, ging Jazz at Berlin Philharmonic nun auf Spurensuche, nach der fruchtbaren musikalischen Begegnung zwischen Ost und West: Das südkoreanische Quartett Black String der Geomungo-Spielerin Yoon Jeong Heo trägt die eineinhalb Jahrtausende umspannende koreanische Musiktradition mitreißend und kunstvoll in die Moderne. Heo hat das Instrument von alten Meistern gelernt, doch sie verharrt nicht in der Tradition. Zusammen mit dem in Paris und New York ausgebildeten, bereits an der Seite von John Scofield, Uri Caine oder Steve Coleman zu sehenden Gitarristen Jean Oh, mit Aram Lee an den Bambusflöten Daegeum und Yonggeum sowie mit Min Wang Hwang an der zweifelligen Trommel Janggu und der Webbrettzither Ajaeng erweitert sie das tonale Spektrum der traditionellen koreanischen Instrumente mit dem Mitteln aktueller westlicher Stile zu einer völlig neuen, eigenen Mu-sik. Das Trio NES der charismatischen Sängerin, Mandolinen-Spielerin und Cellistin Nesrine Belmokh hat in kurzer Zeit Kritik und Publikum im Sturm genommen. Die drei schöpfen aus dem musikalischen Schmelztiegel der Mittelmeer-Region ihren eigenen Sound, verbinden nordafrikanische Arabesken und andalusischen Flamenco mit klassischer Virtuosität, der Ausdruckskraft von Pop oder Chanson, dem Soul von R’n‘B sowie der Freiheit des Jazz. Etwa im hypnotischen „Bye Bye“, dessen Textzeile „Music is my exorcism“ man Belmokh sofort glaubt. Dieser Mitschnitt ist zugleich das Dokument der vorerst letzten Aufnahme, da die drei sich nun Solo-Projekten zuwenden. Und als perfektes Bindeglied fungiert der französisch-vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê, ein Pionier der Vermittlung zwischen Jazz, Rock und asiatischer Volksmusik. Der Mann, der erst mit 16 als Autodidakt zur Gitarre griff, darauf seinen völlig eigenen Stil entwickelte und ihn, von der Karibikband Ultramarin über das Orchestre National du Jazz bis zum Trio E_L_B und vielen anderen eigenen Projekten, in die unterschiedlichsten Zusammenhänge stellte, spielt beim letzten Stück von Black String und der ersten beiden von NES mit. Und steuert dazwischen mit „Origin“ seinen eigenen Beitrag zum Thema des musikalischen Austauschs der Kulturen bei. In diesem Zwischenspiel stößt auch noch der marokkanische Oud- und Gimbri-Spieler Majid Bekkas dazu, der den Gnawa-Blues seiner Heimat schon oft in die verschiedensten Projekte eingebracht hat - von der „folklore imaginaire“ bis zum Avantgarde-Jazz, etwa mit dem Trompeter Flavio Boltro und vor allem im bahnbrechenden, vielfach preisgekrönten Trio mit Joachim Kühn und Ramon Lopez.
Jahrhundertealte Musikkultur, filigrane Klänge und volles Brett, Exotik und Verblüffendes – East meets West auf dem Impro-Terrain: Der Jazz at Berlin Philharmonic-Abend sorgte für einen mitreißenden Clash der Kulturen. Nesui Ertegün wäre von dieser Begegnung von Ost und West sicher begeistert gewesen.Credits:
Recorded live in concert by Klaus Scheuermann at the Berlin Philharmonie (KMS), November 20, 2019 Mixed and mastered by Klaus Scheuermann Curated and produced by Siggi Loch Cover art by Philip Taaffe, Isfahan (2009), by courtesy of Jablonka Galerie Cologne
Jazz at Berlin Philharmonic IX: PannonicaCD / digital
Iiro Rantala piano & leader Dan Berglund bass Anton Eger drums Angelika Niescier alto saxophone Ernie Watts tenor saxophone Charenée Wade vocals Manchmal sind es nur Momente, die ein Leben für immer verändern. So auch jenes der jüdischen Baroness und Millionenerbin Pannonica (Nica) de Koenigswarter (1913 - 1988), geborene Rothschild. Als diese auf einer Reise nach New York Thelonious Monks „Round Midnight“ hört, ist sie derart gefangen von der Musik, dass sie Anfang der 50er Jahre ihre europäische Heimat und all den Glamour ihres bisherigen Daseins zurücklässt und zu einer der größten Förderinnen des amerikanischen Jazz wird.
Auch das Leben des Musikproduzenten Siggi Loch nahm durch ein solches Erweckungserlebnis eine entscheidende Wende: Im Alter von nur 15 Jahren hört er ein Konzert von Sidney Bechet und beschließt, sein Leben fortan dem Jazz zu widmen. Ein Entschluss, der, besonders seit der Gründung von ACT 1992, tiefe Fußspuren in der europäischen Geschichte dieser Musik hinterlassen hat.
Es ist diese Seelenverwandtschaft, die Siggi Loch dazu animierte, Pannonica am 6. Februar 2019, dreißig Jahre nach ihrem Tod, einen ganzen Abend in der seit 2012 von ihm kuratierten Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ zu widmen. Im Mittelpunkt stehen Stücke von Musikern, welche die „Jazz-Baronin“ über viele Jahre mit Geld, Unterkunft, Rat und Freundschaft unterstützt hat und die ihr oft zum Dank eigene Kompositionen widmeten: Thelonious Monk, Horace Silver, Bud Powell und Sonny Rollins.
Musiker aus fünf Nationen wirkten an dem Abend mit: Die Leitung übernahm der finnische Pianist Iiro Rantala, ein Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne. Er bildet zusammen mit Bassist Dan Berglund aus Schweden und dem norwegischen Schlagzeuger Anton Eger das musikalische Fundament. Dazu kommen drei herausragende Solisten: Der amerikanische Saxofonist Ernie Watts, der selbst noch mit Thelonious Monk auf der Bühne stand, die deutsche Saxofonistin Angelika Niescier und die New Yorker Sängerin Charenée Wade. Zusammen legen sie eindrucksvoll Zeugnis davon ab, dass Momente nicht nur Biografien verändern können, sondern auch die Kraft haben, Kontinente, Kulturen und Zeiten zu überstrahlen.Credits:
Recorded live in concert by Klaus Scheuermann, at the Berlin Philharmonie (KMS), February 6, 2019 Mixed and mastered by Klaus Scheuermann Curated and produced by Siggi Loch Produced by Siggi Loch
Jazz at Berlin Philharmonic VII - Piano NightCD / Vinyl / digital
Leszek Możdżer piano, Fender Rhodes on Summertime Iiro Rantala piano Michael Wollny piano All three play Fender Rhodes, in turn, on La Fiesta „Drei Männer, drei Flügel, ein Gefühl - Jazz“: So fasste das ZDF heute journal den Pianogipfel vom 31. Mai des vergangenen Jahres im ausverkauften großen Saal der Berliner Philharmonie zusammen, der nun exklusiv auf Vinyl nachzuerleben ist. Und ging hymnisch ins Detail: „Iiro Rantala, Leszek Możdżer, Michael Wollny - jeder Einzelne eine Klasse für sich. Spielen sie zusammen, wird es magisch.“ Ein Erlebnis mit Déjà-vu-Charakter, denn diese drei Größen des Jazzpianos hatten drei Jahre zuvor, im Dezember 2012, bereits den fulminanten Startschuss für die von Siggi Loch kuratierte Konzertreihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ im berühmten Klassiktempel der Hauptstadt gegeben.Mit Leszek Możdżer, Iiro Rantala und Michael Wollny traten nun also zum zweiten Mal drei herausragende, vielfach preisgekrönte und etablierte Vertreter des europäischen Jazz gemeinsam an. Eine Generation, die ihr Instrument auch klassisch erlernt hat und schon deshalb um die eigene Musiktradition weiß; die auf diesem Weg den Jazz und seine Freiheit kennen und lieben gelernt hat; und die schon wegen ihrer Jugend sozusagen zwangsläufig mit Rock- und Popmusik aufgewachsen ist. Musiker also, die, mit ihren Erfahrungen in allen Genres und Stilen, schlicht „Musik machen“, und dies jenseits spieltechnischer Limits „in the spirit of Jazz“, wie das Credo von ACT lautet.Nach einem guten Dutzend stets ausverkaufter und umjubelter „Jazz at Berlin Philharmonic“-Konzerte, bei denen sie einzeln auch in anderen Konstellationen spielten, war es spannend, zu hören, was sich bei den Dreien seitdem entwickelt hat:Der Finne Iiro Rantala hat nach dem Ende seines 18 Jahre bestehenden, unkonventionellen Trio Töykeät seit 2011 ganz neue Farben in sein Spiel integriert. „Melodien voller Klarheit und Schönheit“, wie es der Stern unlängst festgestellt hat, stehen seitdem im Fokus seiner Kunst.
Die beiden Soloalben „Lost Heroes“ (2011) und „My Working Class Hero“ (2015), seine Hommage zum 75. Geburtstag John Lennons, katapultierte ihn endgültig ins internationale Rampenlicht. Die dort bewiesene künstlerische Aufrichtigkeit, der Respekt vor der Kraft der Melodien und die im Solo liegende Freiheit, das alles bringt Rantala auch hier beispielsweise bei seiner Komposition „Freedom“ zusammen.Seine künstlerische Freiheit hat auch Michael Wollny gefunden, nachdem er zehn Jahre hart dafür gearbeitet hatte. Mit „Weltentraum“ (2014) und „Nachtfahrten“ (2015) aber sprach sich allgemein herum, dass es in Deutschland einen einmaligen Pianisten gibt; einen „vollkommenen Klaviermeister“ (FAZ), der für jedes musikalische Theorem eine eigene, stets überraschende Lösung findet. Wie hier im Duo mit Iiro Rantala bei „White Moon“, ein Stück seines frühen Entdeckers und wichtigsten Lehrers Chris Beier.Bleibt das polnische „Phänomen“ (Süddeutsche Zeitung) Leszek Możdżer, der große Romantiker unter den europäischen Jazzpianisten. Seine „filigran schattierte Virtuosität ist faszinierendes Entertainment ohne Konkurrenz im gegenwärtigen Klavier-Handwerk“, stellte die FAZ fest. Możdżers Fähigkeit, das Leichte mit dem Schweren zu kombinieren, exerziert er bei Jazz at Berlin Philharmonic unübertrefflich vor, beim bildhaften, fast filmmusikalischen „She Said She Was A Painter“.Wenn dann beim großen Finale alle drei gemeinsam unwiderstehlich über George Gershwins „Summertime“ und Chick Coreas „La Fiesta“ improvisieren, dann wird der Geist beschworen, der die „Jazz at Berlin Philharmonic“-Reihe von Anfang an geprägt hat und auch in Zukunft prägen wird: Sich bei außergewöhnlichen Künstler-Begegnungen der Jazztradition zu erinnern und sie individuell nutzbar zu machen für die Gegenwart und für einmalige, einzigartige Konzertmomente.
Jazz at Berlin Philharmonic VII - MediterraneoCD / digital
Stefano Bollani piano Jesper Bodilsen bass Morten Lund drums Vincent Peirani accordion & accordina Members of the Berliner Philharmoniker Geir Lysne arranger & conductor
Den „Sound of Europe“, die Verbindung aus Jazz mit den unterschiedlichsten Einflüssen der europäischen Musik, einem breiten Publikum zu präsentieren, ist eines der wichtigsten Anliegen der von Siggi Loch kuratierten Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“. Vom Aufspüren der „Celtic Roots“ über eine Wanderung durch die „Norwegian Woods“ bis zur Reise durch den Süden mit „Mediterraneo“.
Viele Wurzeln der europäischen Musik liegen in Italien. Hier wurde die Oper geboren, eine reiche Folkloretradition wird bis heute begeistert gepflegt und die Lieder der „Cantautore“ sind die Hymnen des Landes. Auch in der Filmmusik setzt Italien Akzente: Nino Rotas und Ennio Morricones film scores sind heute weltbekannt. Aus alledem bedient sich „Mediterraneo“, die umjubelte 17. Ausgabe von „Jazz at Berlin Philharmonic“ und einer der Höhepunkte der Reihe.
Im Mittelpunkt: Stefano Bollani, 1972 in Mailand geboren und einer der renommiertesten, erfindungsreichsten und wandelbarsten Jazzpianisten unserer Zeit. Von Jazz-Größen wie Chick Corea, Pat Metheny und natürlich sein langjähriger Partner und Förderer Enrico Rava über Avantgardisten wie Michel Portal oder Martial Solal bis zu Weltmusikern wie Caetano Veloso und Richard Galliano reicht die Bandbreite seiner Zusammenarbeiten. Auch für „Mediterraneo“ war es ihm wichtig, den stilistischen Bogen möglichst weit zu spannen.
So stand neben Monteverdi, Rota und Morricone, sowie Puccini und Rossini sogar der durch Adriano Celentano bekannt gewordene Evergreen „Azzurro“ auf dem Programm.
Bollani entpuppt sich als idealer Reiseführer für diese italienische Nacht. Mit Witz, Können und Leichtigkeit führt er den Hörer durch die Musik seiner Heimat. Eng an Bollanis Seite: Die zwei Dänen seines bestens eingespielten Trios, Jesper Bodilsen am Bass und Morten Lund am Schlagzeug, sowie 14 wagemutige Mitglieder der Berliner Philharmoniker, die ihre außerordentliche Klang- und Spielkultur in ein ganz neues Umfeld stellen.
Das Ensemble komplettiert der aus Nizza stammende Akkordeonist Vincent Peirani, eine der Schlüsselfiguren des aktuellen Jazz aus Frankreich. Die Arrangements des Abends schrieb der Norweger Geir Lysne, der auch das Konzert leitet. Ein idealer Partner für Bollani mit dem er schon eine ECHO Jazz prämierte Aufnahme mit der NDR Big Band veröffentlichte und dessen große stilistische Offenheit und Vielseitigkeit teilt.
Auf „Mediterraneo“ zeigt sich die verbindende Kraft des Jazz – Folklore, Klassik, Filmmusik, Lied und Improvisation verschmelzen zu einem so überraschenden, wie beglückenden Hörerlebnis.Credits:
Recorded by Nanni Johansson live in concert at the Berlin Philharmonie, Großer Saal, June 12, 2017 Mixed by Klaus Scheuermann with Geir Lysne & Roberto Lioli Mastered by Klaus Scheuermann Curated and produced by Siggi Loch Cover art by Federico Herrero, Landscape, 2017 by permission of the artist and Sies + Höke, Düsseldorf
Jazz at Berlin Philharmonic - Jazz at Berlin Philharmonic VI: Celtic RootsCD / digital
Knut Reiersrud guitars, Weissenborn lap steel & harmonica Ale Möller mandola, trumpet, shawm (“skalmeja”), overtone flutes, hammered dulcimer & harmonium Fraser Fifield soprano sax, low whistle & Scottish border pipes Tuva Syvertsen vocals, Hardanger fiddle & harmonium Aly Bain fiddle Eric Bibb vocals & guitar Olle Linder percussion & double bass
Keltische Stilkreuzung
Von Anfang an hat sich die von ACT-Inhaber Siggi Loch
erfundene und kuratierte Reihe „Jazz at Berlin
Philharmonic“ zum Ziel gesetzt, die Entwicklung vor
allem des europäischen Jazz in den vergangenen Jahren
zu spiegeln. Jedes Konzert führt dabei Musiker in neuen
Konstellationen zusammen, die sich einem Motto widmen – was
immer einen besonderen, einmaligen Abend ergibt. Dass aus dem
Wagnis inzwischen „ein Erfolgsformat geworden ist, das einem
Sternstunden beschert“, wie der RBB befand, bezeugen nicht nur
viele ähnlich euphorische Pressestimmen, sondern auch die stets
ausverkauften Konzerte. Und ein weiterer Beleg ist die sechste
CD, die diese Reihe dokumentiert: „Celtic Roots“.
Die Suche nach den Spuren, die die keltische Musik auf
ihrem Weg über die europäische Musik in den Jazz
hinterlassen hat, ist das Thema des Abends. Hat sich doch
nicht erst mit dem Aufkommen der Ethno- und Weltmusik ein
enormes Spektrum moderner keltischer Musik ergeben. Schon
lange vor dem „folkloristic turn“ wurde der Jazz von keltischer
Musik beeinflusst: Nach den Auswanderungswellen aus Irland und
Schottland im 19. Jahrhundert fanden ihre Elemente Eingang in die
Entstehungsgeschichte des amerikanischen Country und Blues,
vor allem in den amerikanischen Südstaaten, später aber auch in
New York.
Auf diese Fährten begaben sich bei „Jazz at Berlin
Philharmonic“ mehrheitlich Musiker, die sich eher nicht
dem Jazz zurechnen. Dass „Celtic Roots“ unter der
Federführung skandinavischer Musiker das Licht der Welt
erblickte, ist kein Zufall. Gehört doch die (Wieder-)Entdeckung
und Verarbeitung erst der eigenen, dann anderer Volksmusik zur
DNA ihrer jüngeren Musikgeschichte. So auch beim norwegischen
Gitarristen Knut Reiersrud, dem die künstlerische Leitung oblag.
Seit ihn seine Helden Buddy Guy und Muddy Waters mit 18
persönlich nach Chicago einluden, reist er als Bluesgitarrist von
Weltrang, aber mit offenem Blick für alle Arten der Musik, durch
die Welt. Dabei hat er nicht nur zehn Saiteninstrumente von der
Mandoline bis zur Oud erlernt, er hat auch die Musik seiner
Stationen von Indien, Nepal oder dem Iran bis nach Afrika in
seinen eigenen Mix aus norwegischer Volksmusik und klassischem
Delta Blues importiert. Seine Neugier und stilistische Offenheit
wurde nun zum Leitpfad für seine Begleiter bei „Celtic Roots“.
Da ist zunächst der schwedische Multiinstrumentalist Ale
Möller, der nach Ausflügen in die griechische und andere
Weltmusik heute als einer der besten Interpreten schwedischer
Volksmusik gilt. Seit Jahren in einem Trio mit Ale Möller und schon
deswegen eine logische Besetzung für „Celtic Roots“ ist der
schottische Fiddle-Spieler Aly Bain.
Als Saxofonist nahezu zwangsläufig der einzige
„richtige“ Jazzer des Abends ist der Schotte Fraser
Fifield. Er ist aber nicht nur Holzbläser, sondern auch ein Piper,
wie in Schottland nicht nur Flötisten oder Sackpfeifenspieler,
sondern vor allem Dudelsack-Bläser heißen. Diese Kombination
aus nationaler Spezialität und universeller Klangsprache hat Fifield
zu einem Solitär gemacht, der in der Folkwelt ebenso zu Hause ist
wie bei Jazzfestivals und in den Clubs und Konzertsälen von New
York über Buenos Aires bis Mumbai. Solche Reiseziele kennt auch
der Singer/Songwriter und Bluesgitarrist Eric Bibb, der vielleicht
bekannteste Name dieses „Jazz at Berlin Philharmonic“-Abends.
Der Neffe des weltberühmten Jazzpianisten John Lewis ist ein
Grammy-nominierter Vertreter des klassischen akustischen, von
Gospel, Rhythm & Blues und Soul gespeisten und mit einem
eigenen Fingerpicking-Style interpretierten US-Blues - zugleich
aber auch Teil des Aufbruchs der schwedischen Weltmusikszene,
lebt er doch schon seit vielen Jahren in Stockholm. Eine tragende
Rolle bei „Celtic Roots“ kommt auch dem Schweden Olle Linder
zu. Ebenfalls ein Multiinstrumentalist ist er hier als Schlagzeuger
und Perkussionist der Taktgeber des Abends. Last, but not least
darf auch eine weibliche Stimme nicht fehlen. Trotz ihrer erst 33
Jahren ist die Sängerin und Multiinstrumentalistin Tuva Syvertsen
bereits ein etabliertes Mitglied der norwegischen Folkszene, wohl
am bekanntesten als Frontfrau der „Valkyrian Allstars“.
Hört man, wie diese illustre Schar von Ausnahmemusikern, die von Fraser Fifields „Psalm“ am
Dudelsack hymnisch eingeführte Tradition Stück für
Stück mit Innovation verbinden, wie „Willie Murray’s Reel“
vor allem durch verschiedenste Gitarrensounds eine völlig neue
Gestalt gewinnt, wie ein „Lament For The Children“ zu einem
vielschichtigen und wechselvollen Improvisationsstück wird, oder
wie sich der alte Standard „St. James Infirmary“ durch einen echt
keltischen Schlussteil mit völlig neuer Kraft auflädt, dann überträgt
sich die Begeisterung des Berliner Publikums sofort auf den Hörer
der CD. Und man spürt augenblicklich, dass das Kalkül bei
diesem „Jazz at Berlin Philharmonic“ wieder aufgegangen ist: Dass
auch die „Celtic Roots“ vom Jazz Spirit der musikalischen Freiheit
und des Miteinander-Musizierens durchdrungen sind. Credits:
Curated, produced by Siggi Loch Recorded live in concert at the Berlin Philharmonie, March 8, 2016 Recorded, mixed and mastered by Klaus Scheuermann Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker
Jazz at Berlin Philharmonic V - Lost Hero - Tears for EsbjörnCD / digital
Iiro Rantala piano Viktoria Tolstoy vocals Ulf Wakenius guitar Lars Danielsson bass Morten Lund drums Der 2008 bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommene Schwede Esbjörn Svensson hat mit seiner Musik den europäischen Jazz der letzten 15 Jahre entscheidend geprägt. Der Form des Klaviertrios, der klassischsten aller Jazz-Besetzungen, hat er neues Leben eingehaucht, indem er es wie eine Rockband betrachtete: Vom Erscheinungsbild, über den Zusammenhalt als feste, ganz auf ihr Projekt konzentrierte Gruppe bis zur musikalischen Formel: genial einfachen Melodien durch schleifenförmige dynamische Varianz eine sogartige Wirkung zu verleihen. Konsequenterweise ist Svensson so zum Popstar des Jazz geworden. Zahllose Bands haben die Grundmuster von e.s.t., des Esbjörn Svensson Trios, übernommen, und von Svenssons stilübergreifenden Ansatz sind heute zahlreiche zeitgenössische europäische Jazzpianisten beeinflusst.
Auch der finnische Pianist Iiro Rantala zählt Svensson zu seinen Inspirationen, hat aber freilich technisch wie kompositorisch seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Dazu gehört eine ausgeprägte Kunst der musikalischen Heldenverehrung, Diese beweist er aktuell mit der John Lennon-Jazz-Hommage „My Working Class Hero“. Begonnen aber hat diese Vorliebe bereits 2011, mit seinem ACT Debüt „Lost Heroes“. Auf diesem unter anderem mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik und dem ECHO Jazz ausgezeichneten Solopiano-Album zollt er seinen persönlichen musikalischen Vorbildern von Jean Sibelius über Bill Evans und Michel Petrucciani bis hin zu Luciano Pavarotti Tribut. Und eben auch seinem schwedischen Kollegen Esbjörn Svensson mit der ergreifenden Komposition „Tears For Esbjörn“.
Aus einem Stück hat sich nun ein ganzer Konzertabend entwickelt und Iiro Rantala hat prominente Musiker-Unterstützung bekommen: Am 1. Oktober erinnerte „Jazz at Berlin Philharmonic“ in einem umjubelten aber auch sentimentalen Konzert an den „verlorenen Held“, Esbjörn Svensson. Alle Musiker dieses Konzertabends stehen in Svenssons Fußstapfen, was die Überwindung der Genregrenzen angeht.
Sogar eine Weggefährtin war die Sängerin Viktoria Tolstoy, die man mit einigem Recht Esbjörn Svenssons Stimme nennen könnte. Neben Nils Landgren war sie die einzige, für die Svensson das Diktum brach, sich ganz auf e.s.t. zu konzentrieren.
Schon 1997 nahm er die damals 22-Jährige für ihr Debüt „White Russian“ unter seine Fittiche, schrieb mit ihr die melodiösen Pop-Jazz-Songs und produzierte das Album; e.s.t. wurde Tolstoys Begleittrio und ging mit ihr auch auf ihre erste große Tour durch Deutschland. Und noch für ihr ACT-Debüt „Shining On You“ 2004 schrieb und arrangierte Svensson alle Stücke und übernahm für die Aufnahme (unter dem Pseudonym Bror Falk) den Klavierpart.
Auch der Gitarrist Ulf Wakenius hat eine besondere Beziehung zu Svensson: Als großer Bewunderer seines Landsmanns hat er schon 2008 als erster ein komplettes Hommage-Album mit dessen Musik eingespielt. Die letzten zwei der All-Star-Besetzung des Abends wiederum waren bereits Rantalas Begleiter auf „My History of Jazz“ und sind auch mit allen anderen Beteiligten über Kreuz verbandelt. Einmal Lars Danielsson, die ragende Gestalt unter den europäischen Jazz-Bassisten und -Cellisten; und schließlich der dänische Schlagzeuger Morten Lund, der schon bei gut 60 Alben zahlreicher internationaler Stars oder auch Mitgliedern der ACT-Musikerfamilie von Cæcilie Norby bis zu Adam Bałdych oder eben Rantala beteiligt war.
In wechselnden Besetzungen, Stimmungen und Interpretationsansätzen widmen sich Rantala und seine Mitstreiter hier nun einigen der bekanntesten e.s.t.-Stücken, die inzwischen Eingang in das Great European Songbook gefunden haben: Vom ersten e.s.t. Hit, dem „nordisch“ verhangenen „From Gagarins Point Of View“ über das dramatische, als modernes Improvisationsstück und reines Gitarrentrio angelegte „Seven Days Of Falling“ bis hin zum alles mitreißenden „Dodge The Dodo“, das seinerzeit eine Art Erkennungsmelodie der e.s.t.-Konzerte war. Quasi als Prolog ist mit „Tears For Esbjörn“ Rantalas titelgebende Komposition, hier im Trio mit Danielsson und Wakenius interpretiert, vorangestellt. Und als Epilog erklingt „Imagine“ von John Lennon, dessen optimistische Utopie man hier auch auf die verbindende Kraft von Esbjörn Svenssons Werk beziehen darf.
Und dann ist da natürlich noch „Love Is Real“, Svenssons wohl emotionalstes, bereits zum Jazz-Standard gewordenes Stück. Von Tolstoy berührend gesungen, darf sich der Albumtitel „Tears for Esbjörn“ hier beim Publikum erfüllen. Niemand braucht sich da zu schämen, Tränen der Trauer über den unersetzlichen Verlust Svenssons zu vergießen. Und Tränen der Freude über die Musik, die er uns hinterlassen hat.Credits:
Curated, produced by Siggi Loch Recorded live in concert at the Berlin Philharmonie, (KMS), October 1, 2015 Recorded, mixed and mastered by Klaus Scheuermann Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker
Jazz at Berlin Philharmonic - Jazz at Berlin Philharmonic IV - Accordion NightCD / digital
Klaus Paier accordion Asja Valcic cello Régis Gizavo accordion & vocals Nguyên Lê guitar Stian Carstensen accordion Adam Bałdych violin Vincent Peirani accordion Emile Parisien soprano saxophone Bei „Jazz at Berlin Philharmonic“ ist das Programm der Star. Bei der stets ausverkauften Konzertreihe im Kammermusiksaal geht es Kurator und Produzent Siggi Loch darum, bisher ungehörte Musikerkonstellationen unter einem thematischen Fokus zusammenzustellen. Am 13. Februar 2015 stand das Akkordeon im Rampenlicht:
Von der Musette in Paris über die Schrammelmusik in Wien und der Sinti- und Roma-Musik aus den Balkanstaaten bis hin zum Tango in Buenos Aires. Das Akkordeon ist vor allem in der populären Musik beliebt, ein gern gesehener Begleiter in der Haus- und Volksmusik, das „Orchester des kleinen Mannes“. In der Klassik und auch im Jazz ist es aber bis heute immer noch ein Exot, auch wenn die Crossover- und Weltmusikwelle ab Anfang der 80er Jahre das Instrument stärker in den Fokus rückte. Vor allem der Argentinier Astor Piazolla mit seinem Tango Nuevo und, auf Seiten des Jazz, dessen Schüler, der Franzose Richard Galliano, machten das Akkordeon hoffähig und ließen es in die sogenannte Hochkultur aufsteigen. Die Entwicklung des europäischen Jazz der letzten zwei Dekaden gab dem Instrument einen festen Platz, suchte er doch vor allem nach einer eigenen Identität durch die Verschmelzung mit der länderspezifischen traditionellen Musik.
Dass das Akkordeon bis heute trotzdem noch ein zu Unrecht oft verkanntes Instrument ist, verdeutlicht eine Anekdote von Vincent Peirani, der heute das Instrument „virtuos modernisiert“ (3sat Kulturzeit): „Ich wollte als Kind immer Schlagzeug lernen, das Akkordeon war ein Instrument für Großeltern, aber mein Vater hat mich dazu gezwungen […] Als ich Mendelssohn und Bach darauf spielen gelernt habe, da habe ich erst die Vielseitigkeit des Instruments kapiert und dann habe ich es adoptiert oder es mich…“ Es sind diese Klangvielfalt, der Facettenreichtum und die musikalischen Entfaltungs-möglichkeiten die „Jazz at Berlin Philharmonic IV“ präsentiert. Unter den Fingern von vier weltweit gefeierten Protagonisten wurde das Akkordeon im ausverkauften Kammermusiksaal zur Wunderkiste: Vincent Peirani aus Frankreich, der Österreicher Klaus Paier, Stian Carstensen aus Norwegen und Régis Gizavo aus Madagaskar.
Der klassisch ausgebildete Klaus Paier ist ein abenteuerlustiger Klangraumforscher, der mit seiner langjährigen Duopartnerin, ebenfalls aus der abendländischen Kunstmusik kommenden, Asja Valcic am Cello mitreißend arrangierte Grenzgänge zwischen Jazz, Klassik, Musette und Weltmusik, kurz: „Eurojazz vom Besten“ (Der Spiegel) entstehen lässt. Bei Jazz at Berlin Philharmonic zaubern sie einen wilden Tango Nuevo („Tango Loco“) aufs Parkett.
„Peirani kann am Akkordeon fast alles“, stellte die FAZ unlängst fest. Die Entdeckung des Jahres 2014 in Frankreich (Victoire du Jazz) gilt laut Fono Forum als „Jahrhunderttalent“ und großer Erneuerer seines Instruments. Mit seinem Alter Ego, Emile Parisien, bildet er ein Traumpaar, das unlängst mit dem ECHO Jazz 2015 für die beste internationale Ensemble-Leistung (für das Album „Belle Époque“) ausgezeichnet wurde.
"Connecting the unexpected" - überraschende, nicht selbstverständliche künstlerische Begegnungen können magische Momente entstehen lassen: An diesem Abend initiierte Siggi Loch zwei Duos, die erstmals aufeinandertrafen: Der Hansdampf in allen Genres, Stian Carstensen, bekannt aus seiner multistilistischen Paradeband „Farmers Market“ trifft auf den polnischen Geigen-Wizard Adam Bałdych. Mit zwei Stücken zeichnet er auf „Jazz at Berlin Philharmonic IV“ ein musikalisches Bild seiner skandinavischen Heimat. Régis Gizavo ist ein Exot am Akkordeon, als einziger der vier ein Autodidakt und ohne klassische Ausbildung. Sein Handwerk hat er auf den Straßen Madagaskars gelernt, bei Feiern seines Dorfes und in Kneipen. Gizavo schnappte alles auf, was ihm zu Ohren kam, von der heimischen Volksmusik bis zu portugiesischen und südafrikanischen Klängen, vor allem durch die Radiosender des benachbarten Mosambik. Mit Nguyên Lê, seitjeher eine Gallionsfigur für weltmusikalische Klänge und ein musikalischer Wanderer zwischen Europa, Asien und Afrika, findet er den perfekten Partner an seiner Seite. So virtuos und eigenwillig erweitert haben traditionelle madagassische Klänge noch nie geklungen. Den krönenden Abschluss der „Accordion Night“ bildet Astor Piazollas „Libertango“, das Paradestück für Akkordeonisten schlechthin. Von allen Künstlern zusammen interpretiert, hat man diesen ewigen Klassiker in dieser Besetzung sicher noch nie gehört. Und so findet erneut ein denkwürdiger und umjubelter „Jazz at Berlin Philharmonic“-Konzertabend ein fulminantes Ende.Credits:
Recorded live in concert at the Berlin Philharmonie (KMS), February 13, 2015 Recorded, mixed and mastered by Klaus Scheuermann Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker Produced & curated by Siggi Loch
Jazz at Berlin Philharmonic - Jazz at Berlin Philharmonic IIICD / digital
Leszek Możdżer piano Lars Danielsson bass & cello Zohar Fresco percussion Atom String Quartet: Dawid Lubowicz violin Mateusz Smoczyński violin Michał Zaborski viola Krzysztof Lenczowski cello
Jazz bedeutet, die Dinge immer zum ersten Mal zu machen: Auch die Konzertprogramme von „Jazz at Berlin Philharmonic“ sind diesem Credo verpflichtet. Einzigartig, überraschend und mit offenem Ausgang erklingen im Kammermusiksaal bisher ungehörte Musikerkombinationen und Grenzen überschreitende Projekte. Nicht zuletzt deshalb sind die seit November 2012 stattfindenden und fast immer ausverkauften Konzerte Highlights in der Berliner Musiklandschaft.
Am 7. Mai 2014 machte sich „Jazz at Berlin Philharmonic“ zu einer musikalischen Reise in den Osten, in die Jazz-Hochburg Polen, auf. Spricht man vom aktuellen polnischen Jazz, dann kommt man an Leszek Możdżer nicht vorbei. Der 1971 geborene Tastenvirtuose ist in seiner Heimat ein Popstar des Jazz, seine Alben sind durchweg in den polnischen Charts zuhause und verdrängen, wie „Komeda“ 2011, schon mal Sting oder Beyoncé von der Spitze.
Możdżers Musik ist tief in der polnischen Musiktradition verwurzelt, aber zugleich auch Aufbruch zu neuen Ufern. In seinem Spiel versöhnt er das Leichte mit dem Schweren. Bei ihm ist alles drin: Klassik, Jazz und Pop. Alles durchdrungen, sich befruchtend: Eine klassische Klavier-Ausbildung ist die Basis, um mit virtuoser Technik eigene Klangwelten zu erforschen. Chopin, der Nationalheld der polnischen Musik, ist bei ihm stets eingewoben. Aber auch moderne polnische Komponisten bis in den Pop hinein inspirieren ihn, ein Witold Lutosławski etwa, der komplexe sinfonische Werke ebenso schrieb wie publikumswirksame „Hits“. Oder ein Krzysztof Komeda, der Begründer einer eigenwillig lyrischen, genuin polnischen Klangsprache im Jazz.
Ohne Możdżers musikalische Freunde wäre der Konzertabend nur die Hälfte wert gewesen: Im Duo mit dem schwedischen Bassisten und Cellisten Lars Danielsson oder erweitert zum Trio mit dem israelischen
Perkussionisten Zohar Fresco gehen Virtuosität und Musikalität Hand in Hand. Zwei Seelenverwandte, mit denen Możdżer seit nunmehr 10 Jahren eng zusammenarbeitet.
Mit dem Atom String Quartet treffen die drei erstmals auf ein Streichquartett, wie es weltweit einmalig ist und das internationalen Vorgängern wie dem amerikanischen Kronos Quartet in nichts nachsteht. Herausragende klassische Technik und stupendes Improvisationstalent ermöglichen diesen vier, ihre Instrumente mit bislang ungekannter Bandbreite zu nutzen.
Aus dem Zusammentreffen dieser hochkarätigen Ausnahmemusiker entstehen abwechslungsreiche und dabei stets spannungsgeladene Klanggeflechte: Sind es bei „Praying“, einer bereits auf dem Duo-Album „Pasodoble“ enthaltenen Komposition, die intimen Dialoge zwischen Możdżer und Danielsson, die rhythmische Energie bei „Gsharim“ oder das farbenreiche Wechselspiel zwischen Klavier und Streichern bei „Love Pastas“.
Gemeinsam zaubern Leszek Możdżer & Friends, die Protagonisten im ausverkauften Kammermusiksaal, einen umjubelten Konzertabend aufs Parkett, der abermals zeigt, dass die Melange aus Jazz, Klassik und Volksmusik wichtige Impulse für die Zukunft des europäischen Jazz liefert - und Polen hier mit Możdżer am Klavier gehörig seine Finger im Spiel hat.Credits:
Produced by Siggi Loch & Leszek Możdżer Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker Recorded live in concert at the Berlin Philharmonie (KMS) by Klaus Scheuermann and Piotr Taraszkiewicz Mixed and mastered by Grzegorz Czachor and Klaus Scheuermann. Additional mixing by Marek Heimbürger
Jazz at Berlin Philharmonic- Jazz at Berlin Philharmonic II: Norwegian WoodsCD / digital
Solveig Slettahjell vocals Bugge Wesseltoft piano & synths (except 2 & 5) Knut Reiersrud guitars & harmonica In The Country: Morten Qvenild piano & synths (except 4 - 6) Roger Arntzen bass Pål Hausken drums
Eine Bluesgitarre führt die Melodie ein, verhalten, elegisch, aber doch verspielt und energiegeladen; eine klare Frauenstimme übernimmt, deren Kraft durch die eigentümliche Ruhe des Gesangs noch potenziert wird; ein Klavier versammelt das Thema noch einmal, bevor es von allen plus einem dazu stoßenden Trio durch eine mächtige dynamische Schleife geführt wird, bis es am Schluss fast ins Nichts ausklingt. „Ingen Vinner Frem Til Den Evige Ro“ heißt das alte norwegische Kirchenlied, das Knut Reiersrud, Solveig Slettahjell, Bugge Wesseltoft, Morten Qvenild und sein Trio In The Country am 11. März 2014 im ausverkauften Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie so faszinierend in eine moderne nordische Hymne verwandelten.
Es war wieder einer dieser magischen Momente, welche die 2012 ins Leben gerufene und von Siggi Loch kuratierte Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ so sicher generiert. Einmalige Abende sollen es jeweils werden: durch thematische Konzentration, vor allem aber durch spannende, oft erstmalige Begegnungen von herausragenden Musikern. Wie schon beim, ebenfalls auf CD dokumentierten, Auftakt im Dezember 2012 mit dem zaubernden Pianisten-Trio Michael Wollny, Leszek Możdżer und Iiro Rantala oder eben auch beim hier dokumentierten vierten Abend unter dem Motto „Norwegian Woods“. Die Aufnahmen waren nur als Dokumentation und für Rundfunkzwecke gemacht worden aber das musikalische Ergebnis war so überzeugend, dass die beteiligten Künstler selbst eine CD-Veröffentlichung wünschten. Lediglich die Beiträge von Mathias Eick konnten aus rechtlichen Gründen letztlich nicht verwendet werden.
Der Mitschnitt veranschaulicht nicht nur beim eingangs beschriebenen Einstieg, wie unter einem Brennglas, auf welche Weise ein Land mit gerade einmal fünf Millionen Einwohnern zum Epizentrum des europäischen Jazz werden sowie über einer der spannendsten Jazzszenen der Welt verfügen kann. Und das weit abseits der alten Zentren des Jazz. Zum einen liegt es an der Besinnung auf die eigenen Wurzeln, also auf die norwegische Volksmusik und Klassik von Johann Nesenus bis Edvard Grieg. Anfangs gar nicht einmal freiwillig – das Land der Fjorde lag einfach zu weit ab von den Tour-Routen amerikanischer Jazzer – half sie, ein eigenes Vokabular zu entwickeln, den typischen „nordic sound“, wie ihn Jan Garbarek und andere Anfang der Siebziger populär machten und wie er noch heute quasi zur DNA des norwegischen Jazz gehört.
Der zweite Schlüssel des Erfolgs ist eine nahezu bedingungslose Aufgeschlossenheit für Einflüsse aller Art: In der überschaubaren norwegischen Musikszene arbeiten Jazzer ohne Scheu mit klassischen Musikern und Kollegen von Pop und Rock zusammen, was auch beim „Norwegian Woods“-Stelldichein mit bezwingenden Ergebnissen zu bewundern war.
Natürlichkeit und lyrische Sammlung einerseits, kraftvolle Eruptionen und kunstvoller Ausdruck andererseits zeichnen die Stimme des musikalischen Fixpunktes des Abends aus, jene von Solveig Slettahjell. All das und mehr setzt die Erfinderin der gesanglichen Entschleunigung und Verwesentlichung bei ihrer Version von Tom Waits „Take It With Me“ ein. Unterstützt wird sie dabei von ihrem langjährigen Partner vom Slettahjells Slow Motion Quintet, Morton Qvenild. Der geniale Universalist des jungen norwegischen Jazz hat von Pop bis Metal schon alles ausprobiert. Seit 2003 aber spielt sein Trio In The Country mit Drummer Pål Hausken und dem Bassisten Roger Arntzen unangefochten die Hauptrolle. Die hier erprobten Gestaltungsprinzipien - Soundscapes wachsen zu fein differenzierten Dialogen, mächtige Klangdome münden in pastellenen Kammerjazz oder elektronisch verzierte Hörbilder – kommen bei „Norwegian Woods“ insbesondere bei „Can I Come Home Now“ zur Geltung.
Der soeben 50 gewordene Pianist Bugge Wesseltoft, einer der Wegbereiter der jungen norwegischen Jazz-Generation, repräsentiert die wichtigsten beiden Stränge des modernen norwegischen Jazz. Beides datiert auf das Jahr 1997: Einerseits brachte Wesseltoft mit „It’s Snowing On My Piano“ seine kontemplative Seite und damit den elegischen norwegischen Jazz auf einer radikal reduzierten, zeitlosen Solo-Piano-Weihnachtsplatte (bis heute mit über 120.000 Einheiten das meistverkaufte ACT-Album überhaupt) zur Vollendung. Gleichzeitig wandte er sich mit „New Conception of Jazz“ der Elektronik zu, mit dem wegweisenden neuen Ansatz, aktuelle Pop-Elemente von Deep House, Ambient Music, Drum’n’Bass, Big Beat bis zu Soul und Funk aufzunehmen. Wie spannend er bis heute beides weiterentwickelt, führt er bei „Norwegian Woods“ unter anderem mit dem lyrischen Solo „Chicken Feathers“ und der effektvoll schillernden Jam-Version von John Hiatts Rock-Klassiker „Have A Little Faith“ vor.
Und schließlich ist da noch der Gitarrist Knut Reiersrud, der älteste, am weitesten gereiste und doch bei uns unbekannteste Musiker dieser JABP-Ausgabe. Sein Kraftfeld ist der Blues, in den er mit 18 in den USA von Buddy Guy und Otis Rush eigeführt wurde. Seitdem spielte er mit Stars wie Dr. John, Joe Cocker, Stevie Ray Vaughn oder den Five Blind Boys of Alabama. Doch wäre Reiersrud kein Norweger, dann hätte er neben dem amerikanischen Blueserbe auch nicht diese Sehnsucht nach den eigenen heimatlichen Klangtraditionen sowie diese, durch Aufenthalte in Afrika, Indien, Nepal oder Iran beförderte, unstillbare Neugier auf andere Sphären. Sein JABP-Solo „Jargo“ ist das beste Beispiel dafür.
Die norwegischen Individualisten präsentieren sich bei diesem in der Tat einmaligen Abend als starke Gruppe und ihr Land immer noch als Speerspitze des europäischen Jazz. Dieser hat sich schon lange vom Mutterland USA emanzipiert und entscheidende Entwicklungen in Gang gesetzt. Credits:
Recorded live in concert at the Berlin Philharmonie (KMS) Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker Recorded, mixed, edited and mastered by Klaus Scheuermann
Jazz At Berlin Philharmonic - Jazz At Berlin Philharmonic ICD / digitaliiro rantala, michael wollny & leszek możdżer / piano & Fender Rhodes (on 06 & 08)Die Rückkehr einer Legende:Der berühmt-berüchtigte amerikanische Jazz-Impressario Norman Grantz (1918 – 2001) hatte 1944 eine Vision: Die Einzigartigkeit und Kunstfertigkeit der improvisierten Musik mitten in der Gesellschaft verankern, den Musikern die Würde und Anerkennung zu Teil werden lassen, die ihnen zusteht, und durch die Kombination verschiedenerer Stilrichtungen und Spielhaltungen, spontan in ungewohnten Besetzungen, Neues entstehen lassen. Es konnte nur einen idealen Ort für dieses Vorhaben geben - einen klassischen Konzertsaal: „Jazz at the Philharmonic“ war geboren. 20 Jahre lang hatte Grantz Konzertreihe, die später auch auf Reisen ging, einen großartigen Erfolg beim Publikum. Er stellte die prominentesten Jazzmusiker der Epoche vor, etwa Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie, Oscar Peterson und Lester Young. Der Jazz wurde sophisticated.
Jazz at Berlin Philharmonic: Die neue Konzertreihe im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin greift Norman Grantz bahnbrechende Idee auf. Das dem Jazz mehr Aufmerksamkeit zusteht, davon war die Stiftung Berliner Philharmoniker überzeugt, als ACT-Inhaber Siggi Loch sich der „Jazz at the Philharmonic“-Konzertreihe erinnerte und solch ein Konzept für Berlin vorschlug. Und bei der Premiere von „Jazz at Berlin Philharmonic“ am 11. Dezember 2012 zeigte sich gleich: Der Jazz ist ein gern gesehener Gast. Erstmals in seiner 25-jährigen Geschichte war der Kammermusiksaal bei einem Jazz-Konzert mit 1200 Besuchern restlos ausverkauft. 3 Pianisten - Iiro Rantala, Leszek Możdżer und Michael Wollny - bewiesen solo, in Duos und im Trio, dass der Jazz verrostete Schubladen, die zwischen E und U Musik trennen, sprengen kann. Sie führten einem vorwiegend klassisch orientierten Publikum plastisch vor, dass Klassik und Jazz alles andere als Gegensätze sind. Ein Ereignis „mit Seltenheitswert für Berlin“ schrieb der Tagesspiegel und das ZDF urteilte: „Das war großartig, um nicht zu sagen: Weltklasse".
Der Live-Mitschnitt “Jazz at Berlin Philharmonic I” liefert Zeugnis davon ab, was passieren kann, wenn Musiker in ungewohnten Konstellationen aufeinandertreffen, die so bislang noch niemals miteinander aufgetreten sind. Rantala, Wollny und Możdżer gelangen eine Sternstunde, bei der sich „Jazz und Klassik auf Augenhöhe“ begegneten (Tagesspiegel).
Kein Wunder, sind doch alle drei stilistische Grenzgänger. Michael Wollny, das immer noch erst 34-jährige Aushängeschild des jungen deutschen Jazz, holt sich seine Inspiration ebenso von Schubert oder Mahler wie von Björk oder Kraftwerk. Was sich dann zu wuchtigen Meisterwerken rundet wie „Hexentanz“, dem Solo-Stück Wollnys auf diesem Album, einem chromatisch wogenden, harmonisch funkelnden und rhythmisch alles mitreißenden Füllhorn seiner unerreichten individuellen Ausdruckskraft.
Der Pole Leszek Możdżer kommt von seiner Ausbildung her explizit aus der Klassik, für ihn ist der Austausch zwischen den wichtigsten Strömungen der Kunstmusik ohnehin selbstverständlich, wie sein impressionistisches Solo „Incognitor“ belegt. Wie man im Duett „Suffering“ hören kann, ist der Finne Iiro Rantala ein Geistes- und Seelenverwandter.
Der aktuelle Echo Jazz-Preisträger im internationalen Klavierfach steht mit an der Spitze der innovativen Eklektiker, die an die alte Jazztradition anknüpfen, die großen Erfinder der Klaviermusik zu studieren, zu verehren und für eigene Ideen zu verwenden. Es ist so gesehen logisch, dass die Aufnahme mit ihm beginnt: Mit Rantalas Version der Aria und der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, dem Ausgangs- und Endpunkt jeder swingenden und improvisierenden Musik, hier vorbildlich behutsam in die Gegenwart überführt. Und ebenso wenig ist es Zufall, dass er und Wollny mit „Tears For Esbjörn“ folgen, der ergreifenden Hommage an einen der einflussreichsten Jazzpianisten der letzten 20 Jahre, dem 2008 verstorbenen Esbjörn Svensson. Ohnehin sind es die überwältigenden Duette, die klar machen, dass alle drei im Zusammenspiel die gleiche Qualität haben wie als Solisten. Schließlich haben alle zunächst in Bands Karriere gemacht, Wollny mit seinem Trio [em], Rantala mit dem Trio Töykeät, und Możdżer in diversen Besetzungen, zum Beispiel an der Seite von Lars Danielsson. Wie sie bei „Jazz At Berlin Philharmonic“ am Schluss alle zusammen bei Chick Coreas „Armando‘s Rumba“ loslegen, bleibt erwartungsgemäß kein Auge trocken. Und doch ist selbst bei dieser tosenden, hochvirtuosen Latin Party ein klassisches Fundament herauszuhören.
Und spätestens nach dem „fulminanten Start“ (Tagesspiegel) der ersten „Jazz At Berlin Philharmonic“-Ausgabe war klar, dass weitere folgen müssen. Am 25. März treffen sich die Pianisten Joachim Kühn und Yaron Herman mit Michel Portal an der Bassklarinette und dem Geiger Adam Baldych zu einem Abenteuer der freien Improvisation, des musikalischen Dialogs ohne Netz und doppelten Boden. Norman Grantz hätte seine Freude daran gehabt. Credits:
Recorded live in concert at the Berlin Philharmonic (Kammermusiksaal), December 11, 2012 Recorded, mixed and mastered by Walter Quintus Presented by Stiftung Berliner Philharmoniker in cooperation with ACT Produced by Siggi LochACT would like to thank: Sir Simon Rattle, Martin Hoffmann and Alfred Brendel.