13.01.2017Im FokusAndreas Schaerer

Andreas Schaerer "The Big Wig"

Mit der Veröffentlichung des Albums "The Big Wig" begrüßt ACT den Schweizer Sänger und Komponisten Andreas Schaerer in seiner "Family Of Artists"
 
Es gibt gleich einige gute Gründe, warum Andreas Schaerer derzeit einer der interessantesten Gesangskünstler der Musikszene weltweit ist. Was damit beginnt, dass der Preisträger des ECHO Jazz 2015 in der Sparte „Gesang international“ (und damit direkter Nachfolger von Gregory Porter) weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt. Schaerer ist vielmehr ein Stimm-Jongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern damit auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Beatbox-Schlagzeug imitieren und auf buchstäblich unglaubliche Weise polyphon übereinander türmen kann. Er ist darüber hinaus ein glänzender Komponist und Improvisator, der diese Fähigkeiten für die verschiedensten Projekte variabel einsetzen und rhythmisch wie melodisch virtuos gestalten kann. Und er verfügt schließlich in reichem Maße über Bühnen-Charisma und die in der „ernsten Musik“ eher seltene Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard Lernt Fliegen zur Geltung kommt.
 
So ist es folgerichtig, dass Schaerer mit Hildegard Lernt Fliegen beim, in der Klassikwelt große Strahlkraft besitzenden, Lucerne Festival ins Spiel kam, lautete doch das Festivalmotto 2015: Humor. Dramaturg Mark Sattler, beim Festival für zeitgenössische Projekte zuständig, fragte Schaerer, ob er nicht einen Hildegard-Auftritt mit einer 20-minütigen Komposition für das Lucerne Festival Academy Orchestra kombinieren wolle, jenem Klangkörper für junge Talente, der 2004 von Pierre Boulez ins Leben gerufen wurde. Schaerer ergriff mehr als nur den gereichten Finger und schrieb gleich ein ganzes Orchesterwerk mit sechs Sätzen für 66 Musiker: Nach harter Kompositionsfron, Arrangement- und Orchestrierungs-Feinschliff sowie intensiven Proben wurde „The Big Wig“ am 5. September 2015 im Luzerner KKL der Öffentlichkeit präsentiert. Das Werk riss die Zuschauer von den Stühlen und selbst die üblicherweise nüchterne Schweizer Presse wurde euphorisch. Sie hörte ein Konzert, das als Fazit nur ein Adjektiv zuließ: „gigantisch“, wie das Kulturmagazin KultUrteil schrieb. Und die Neue Luzerner Zeitung merkte an: „das Verrückte war, wie sich hier orchestrale Komplexität mit Grooves verband, wie es die zeitgenössische Musik in der Regel nicht kennt.“
 
Glücklicherweise schnitt das Schweizer Radio (SRF) die Uraufführung mit. Auch ein Kamerateam war vor Ort. Und so ist der außergewöhnliche Konzertabend nun auf CD und DVD dokumentiert: Andreas Schaerer „The Big Wig“ Hildegard Lernt Fliegen meets the Orchestra of the LUCERNE FESTIVAL ACADEMY.
 
Paradoxerweise, hält man sich das Festivalmotto vor Augen, hat man wohl noch keinen „seriöseren“ Schaerer-Auftritt erleben können als bei „The Big Wig“. Was aber nur die logische Konsequenz daraus ist, dass Schaerer seine Chance beim Schopf packt und alle Möglichkeiten des sinfonischen Rahmens ausschöpft. Denn damit treten er und seine Mitstreiter sozusagen ins zweite Glied, um sich in den orchestralen Gesamtklang einzufügen. Die drei adaptierten und erweiterten Hildegard-Kompositionen „Zeusler“, „Seven Oaks“ und „Don Clemenza“ gewinnen so einen neuen Fluss und enorme, mitunter filmische Kraft. Ravel und Bernstein kommen einem ebenso in den Sinn, wie Ellington oder Stan Kenton; die rhythmisch verschobenen Staccati in „Don Clemenza“ lassen einen gar nachhaltig an Strawinsky denken. Und auch die eigens geschriebenen Stücke wie „If Two Colossus“, „Wig Alert“ und „Preludium“ ergeben inspirierte Sinfonik mit einem Esprit und einer stets zugänglich bleibenden Experimentierlust, der den meisten neuen Werken dieses Genres fehlt. Das junge, mit überragenden und eben nicht nur der reinen Klassik zugewandten Talenten aus aller Welt gespickte und vom Dirigenten Mariano Chiacchiarini lässig, aber präzise instruierte Orchester, hat hörbar seinen Spaß. Dieses lässt sich sogar gänzlich auf Jazz-Abwege führen, wenn Schaerer bei „If Two Colossus“ kurzerhand das Dirigentenpult entert. Wann hat man je ein Sinfonieorchester kollektiv improvisieren gehört, und das packend und hinreißend dazu?
 
Oft genug ist die Kombination aus klassischem Orchester und Jazzband missglückt. Hier ist es eine befruchtende und begeisternde Symbiose, bei der nichts Beiwerk oder Hintergrund bleibt, sondern jedes Instrument und jede Stimme substantiell in Szene gesetzt ist, bis hin zu den zwei Harfen und den zwei Marimbas. So entsteht eine Sinfonie neuer Art, die Genre- oder Stilgrenzen nicht sprengt, sondern sie gar nicht mehr wahrnimmt. „The Big Wig“ ist das Meisterstück des Multitalents und Stimmwunders Andreas Schaerer, mit dem er sich endgültig in die Riege der wichtigsten Komponisten und Interpreten zeitgenössischer Musik seiner Generation einreiht.
 

 

 

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