16.08.2016ACTIiro Rantala

JTI Trier Jazz Award für Iiro Rantala

Der finnische Pianist Iiro Rantala hat den mit 10.000 € dotierten "JTI Trier Jazz Award" erhalten. Rantala erhielt die Auszeichnung, die in diesem Jahr zum siebten mal vergeben wurde, im Rahmen des Preisträgerkonzertes am 2. August in Trier. Die Laudatio hielt Jurymitglied und Jazzjournalist Ralf Dombrowski.
 
Iiro Rantala gehört zu den erfolgreichsten und vielseitigsten europäischen Jazzmusikern unserer Zeit. Er wurde bereits mit dem ECHO Jazz, dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik und dem finnischen Grammy "EMMA" ausgezeichnet.
 
Am 26. August erscheint sein neues Album "how long is now", seine erste "klassische" Jazz-Pianotrio seit seiner Erfolgsband "Trio Töykeät". Dabei sind der schwedische Meisterbassist Lars Danielsson und die US-Schlagzeuglegende Peter Erskine.
 
Laudatio von Ralf Dombrowski
 

Meine Damen und Herren,

an einer Stelle wie dieser bietet es sich an, die Erinnerungen ein wenig schweifen zu lassen. Und denke ich an Iiro Rantala, fällt mir als erstes ein Stück namens „Gadd A Tee“ ein, Gadd geschrieben wie Steve Gadd, der wohl meistbeschäftigte Schlagzeuger und Trommelstoiker der späten Siebziger und Achtziger, Tee geschrieben wie Richard Tee, ein zu Unrecht weitgehend vergessener Studiokeyboarder aus New York, dessen Vorliebe für Fusionsklänge und melodische Phrasierungen der Kritik immer als Argument galt, ihn als George Duke light abzutun. Beide waren und sind Stilisten, die einen wiedererkennbaren Sound geprägt haben, und sie tauchten mit ihren musikalischen Eigenheiten unverkennbar in diesem Stück auf, das mir mit offensivem Frohsinn aus den Boxen meiner Anlage entgegen flockte. Ein Blick auf das Plattencover und siehe da, es waren nicht Gadd und Tee, die sich eine Portion gute Laune gönnten, sondern der Schlagzeuger Rami Eskelinen, der Bassist Eerik Siikasaari und der Pianist Iiro Rantala. Fröhliche Finnen, die sich Trio Töykeät nannten, was so viel hieß wie Trio der Grobiane.
  
Ich war fasziniert. Denn das passte alles so gar nicht mit den ästhetischen Klischees zusammen, die damals die Runde machten. Sie erinnern sich vielleicht: Finnland, das was in der deutschen Kulturwahrnehmung Kaurismäki-Land, ein rätselhaftes Terrain im Norden voll melancholischer Charaktere, die minutenlang bis zum nächsten Filmschnitt auf Wodka-Gläser starren konnten, oder sich mit rettichartigen Haartollen und postsozialistischen Elvis-Uniformen auf Traktoren sitzend in Richtung Amerika aufmachten. Wahlweise tanzten sie noch Tango, in einer nur mäßig modifizierten Kaffeehausvariante der Zehnerjahre auf Tanzböden weitab des Polarkreises, oder wälzten sich hautgerötet im Schnee, nachdem sie kurz vorher ihren Organismus in kleinen Holzparzellen schweißtreibend überhitzt hatten. Mit anderen Worten: Finnen waren die schrägen Vögel, die randeuropäischen Freaks mit einer ans Enigmatische grenzenden Sprache voller „Äs“, denen man Metal-Bands mit Cello-Rockern oder eine Weltmeisterschaft für Luftgitarre zutraute, aber kein Klaviertrio voll kalifornischer Leichtigkeit.  

Ich ließ mich belehren, hörte Konzerte des Trio Töykeät, wann immer es sich in den Süden Deutschlands verirrte. Und ich wurde zum Fan von Iiro Rantala. Denn der Pianist aus Helsinki hatte etwas Besonderes. Sein samtener, kontrollierter Anschlag unterschied sich grundlegend von dem der meisten anderen Jazzpianisten seiner Generation, ebenso die geschmeidige Art zu phrasieren, das Perlende der Läufe, das Wogende der Akkorde. Ich brauchte einer Weile, um zu verstehen, dass das einerseits mit seiner Ausbildung zusammenhing, die ihn am Sibelius-Konservatorium in seiner Heimatstadt mit viel Jazz und an der Manhattan School Of Music in New York mit ebenso viel Klassik zusammengebracht hatte. Darüber hinaus aber lag es an der Haltung, mit der Iiro sich seinem Instrument und dessen Tradition näherte. An erster Stelle stand eine Form der Demut, mit diesem wunderbaren Instrument agieren zu dürfen, das im Laufe der Jahrhunderte Genies von Beethoven bis Monk begeistert hatte. Unmittelbar darauf aber folgte eine spitzbübische Neugier, mit der er die Möglichkeiten des Klaviers erforschen wollte, und eine Form von Ehrgeiz, sich nicht vom Instrument beherrschen zu lassen, sondern selbst dessen Meister zu sein.

Außerdem fehlte ihm das fundamental Zweifelnde, das uns Deutsche so oft davon abhält, mal etwas ganz Anderes auszuprobieren. Deshalb bezog er sich eben nicht auf die modischen Mehldaus und Jarretts, an denen man sich ästhetisch von der Publizistik ungestraft anlehnen durfte, sondern auf einen Richard Tee, einen Michel Petrucciani, Oscar Peterson, Jaco Pastorius, Luciano Pavarotti. Deshalb durfte auch mal gerockt oder gefunkt werden, lange bevor das in jazzenden Kleinbesetzungen wieder üblich wurde. Vor allem durfte die Musik auf unbekümmerte, aber technisch hochprofessionell servierte Weise Spaß machen. Humor im Jazz, wo gab es das denn, wenn nicht ausgerechnet bei Finnen!

Nun, die Tage des Trio Töykeät waren irgendwann in den Nullerjahren gezählt. Für Iiro Rantala begann eine schwierige Phase. Zu einen erlaubten sich von The Bad Plus bis e.s.t. inzwischen viele Trios einen Haltungswechsel und integrierten eine Prise Rockmusik, etwas Grunge oder auch ein paar Electronics ins Konzept. Rantala versuchte es auf Profilsuche daher ein Zeitlang zusammen mit einem Beatboxer und einem Gitarristen, doch dieses Trio scheiterte kläglich. Sein Ausflug in die Crossover-Klassik mit seinem Concerto für Klavier und Orchester in G Kreuz Major As amüsierte die Spezialisten, stieß aber ansonsten auf wenig entgegenkommendes Verständnis der Szene.

So war es ein Segen, dass ihn 2009 der Münchner Produzent Siggi Loch unter Vertrag nahm und zu einem Solo-Album verdonnerte. Denn Loch erkannte als alter Hase der Geschäfts Rantalas ebenso lust- wie humorvolle Befähigung zum euphorischen Eklektizismus. Er ließ den Pianisten sich musikalisch vor dessen „Lost Heroes“ verbeugen, vor großen und entschwundenen Koryphäen der eigenen Stilsozialisation.

Das war wiederum der Startschuss für den Iiro Rantala von heute. Denn mit Mitte vierzig ist die Phase der frechen und ein wenig unbedarften Querschläger des ästhetisch Gewohnten vorbei, dafür deutlich mehr Hintersinn gefragt. Iiro Rantala spielt mehr denn je, was ihm Spaß macht. Die Reife seines Anschlags ist betörend, die Fähigkeit zur klanglichen Feindifferenzierung ein Hörgenuss, der melodische Einfallsreichtum seiner Linien ein Erlebnis. Rantala kann mitreißen, er kann Clown und Magier sein, Charmeur und Virtuose, Querdenker und Humorist. Vor allem aber lässt er seine Mitspieler und sein Publikum an seinem großen Projekt teilhaben, seiner Verbeugung vor einer allumfassenden positiven Kraft der Musik, die uns Menschen bei den Gefühlen packt.

Das ist wunderbar und deshalb ist es mir einen große Ehre, Iiro Rantala hier auf der Bühne zum JTI Trier Jazz Award 2016 zu gratulieren. Iiro, du bist großartig, vielen Dank für deine Musik!

 
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(C) Ralf Dombrowski
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