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radio.string.quartet.vienna
Radiodream

Cynthia Liao, Igmar Jenner, Asja Valcic, Bernie Mallinger - ©ACT / Nancy Horowitz
Cynthia Liao, Igmar Jenner, Asja Valcic, Bernie Mallinger - ©ACT / Nancy Horowitz
Cynthia Liao, Igmar Jenner, Bernie Mallinger, Asja Valcic - ©ACT / Nancy Horowitz
Cynthia Liao, Igmar Jenner, Bernie Mallinger, Asja Valcic - ©ACT / Nancy Horowitz

Produktinformationen

Besetzung

Bernie Mallinger / violin, vocals
Igmar Jenner / violin
Cynthia Liao / viola, (erhu on 04)
Asja Valcic / cello


Aufnahmedetails

Produced by radio.string.quartet.vienna
Executive Producer: Siggi Loch

Recorded by Christoph Burgstaller at Clipwerk, Vienna, March 2011

02, 05, 06, 07, 08 & 09 sound design by Martin Koller. Other tracks mixed by Christoph Burgstaller, final sound design & special effects by Martin Koller. On 11: Sound design, remix, rearranging and “Mr. Wolf” (for vocal production) by Martin Koller, all sounds created with violin, viola, cello, vocals & transistor radio noise.


Es ist schwer, in Wien zu leben, ohne irgendwann auf Sigmund Freud zu stoßen. Auch das radio.string.quartet.vienna hat sich bei der Vorbereitung zu seinem neuen Album mit dem berühmten Psychoanalytiker und Traumdeuter auseinandergesetzt. Denn „Radiodream“ ist eine musikalische Expedition durch das Reich unserer Träume – umgesetzt vom derzeit wohl innovativsten zeitgenössischen Streichquartett.

„Wie könnte eine ganze Nacht klingen?“ – So formuliert der Geiger und Komponist Bernie Mallinger den Ausgangspunkt des Traum-Projektes. Eine Nacht voller verborgener Empfindungen und Sehnsüchte, Fantasien und Alpträumen. Und die nächste Frage: „Finden wir für all diese Szenarien eine eigene Sprache?“ „Radiodream“ ist zu einer imaginären Reise mit 14 höchst unterschiedlichen Stationen geworden. „Die Musik schöpft ihre emotionale Kraft aus den Schichten des Unterbewussten. Das ist dem Vorgang des Träumens sehr ähnlich“, erklärt Bratschistin Cynthia Liao. „Neben den eigenen Bildern im Kopf, etwa den Liebesträumen oder unseren Ängsten, gab es viele andere Inspirationen. Mal war es ein Kunstwerk von Salvador Dali, mal ein Film oder auch ein Musikstück“, so Cellistin Asja Valcic.

Der Traum beginnt mit einer flirrenden wie wuchtigen Overtüre namens „Inception“, die sich auf den gleichnamigen Mystery-Kino-Thriller bezieht. Es ist der Eintritt in einen vielschichtigen Kosmos, bei dem die Klangfarben permanent wechseln, Stücke nahtlos verschmelzen, der Zuhörer zwischen Aufgewühltheit und Ergriffensein pendelt. Dazu gehört eine melancholische „One Night in Vienna“ (Valcic) wie das beunruhigende „Saint Paul`s Nightmare“ (Mallinger), findet der zart interpretierte „Liebestraum“ von Franz Liszt seinen Platz neben dem „Moon River“ (Henry Mancini), einem Hollywood-Evergreen, dem tatsächlich noch neue Reize entlockt werden können. Das Arrangement des Radiohead-Songs „Nice Dream“ geht direkt über in Billie Holidays legendäre Blues-Klage „Strange Fruit“. Bernie Mallinger: „Vom unschuldigen Klang eines Kinderliedes in den schlimmsten Abgrund, den das Thema des Textes von „Strange Fruit“ von der Musik verlangt – solche schnellen Wechsel der verschiedenen Traumwelten musikalisch logisch zu gestalten war eine große Herausforderung bei unserer Arbeit.“ Die Mallinger/Dickbauer-Komposition „Song „ (Untertitel: „Ode an den Freud“) ist mit rund neun Minuten nicht nur das längste Stück des Albums, sondern auch ein Spiegelbild der außergewöhnlichen Ensemblearbeit von Bernie Mallinger (Violine), Cynthia Liao (Bratsche), Igmar Jenner (Violine) und Asja Valcic (Cello). Alle Vier steigen mit einem eigenen, für ihr Instrument charakteristischen Thema ein, bevor sich das Ganze zu einem melodisch unwiderstehlichen Sog verdichtet. Jenner: „Wenn man so will, ist das unser eigener großer Traum, nämlich die Verschmelzung zu einem Klangkörper.“

Auf diesem Weg hat das r.s.q.v. bislang schon Außergewöhnliches geleistet. Das Album „Celebrating the Mahavishnu Orchestra“ (2007), mit dem das 2004 gegründete Quartett seinen Label-Einstand bei ACT feierte, wurde von der Kritik wie vom begeisterten Live-Publikum als musikalische Sensation gefeiert. „Hier bekommt Jazz durch ein klassisches Konzept Präzision und Tiefe, ohne an Swing zu verlieren“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ über die vitale Neu-Interpretation des 70er-Jahre-Fusion-Sounds. Die Musik des Quartetts sprengt alle typischen Genregrenzen. Nach den groovigen , kraftvollen Mahavishnu-Tönen haben die experimentierfreudigen Wahlwiener ihre Ausdruckspalette durch jedes ihrer Projekte konsequent erweitert. Mit dem Gitarristen Ulf Wakenius erarbeiteten sie wunderschöne Interpretationen von Stücken des verstorbenen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson („Love Is Real“). Im Zusammenspiel mit dem Akkordeonisten Klaus Paier klangen neben den jazzigen Arrangements verstärkt traditionelle Folk-Elemente an („Radiotree“). Und schließlich lieferten r.s.q.v. und die Sängerin Rigmor Gustafsson den Beweis dafür, dass Liebessongs, Saiten-Virtuosität und Vocal-Jazz eine neue, aufregende Verbindung eingehen können („Calling You“).

Die Protagonisten der neuen Wiener Streicherschule eint vor allem eines – die Leidenschaft für neue Sounds. Den kammermusikalischen Ansatz haben sie aus der Klassik mitgebracht, vom Jazz haben sie den absoluten Freiheitsgedanken adaptiert. Stilistisch ist ihr Horizont aber sehr viel weiter geöffnet. Bernie Mallinger: „Bei manchen Stücken sind wir dem Rock oder Pop sehr viel näher. Überhaupt: wenn etwas gut klingt, darf man alles tun.“ Der eigene, typische Klang des r.s.q.v. basiert auf einer beeindruckenden rhythmischen Vielfalt. Die Musiker streichen nicht nur über die Saiten, sondern übernehmen gleichzeitig den Part von Schlagzeug oder Bass – zupfend, schlagend und voller perkussiver Raffinesse. „Man kann sich das als Strahlen jedes einzelnen vorstellen“, betont Asja Valcic, „und diese werden dann im Gruppenprozess gebündelt und an die Zuhörer weiter gegeben.“ Das hat auch bei der Namensgebung eine Rolle gespielt. Denn das Wort Radio leitet sich aus dem Lateinischen „Radius“ (=Strahl) ab.

Keiner der Musiker stammt im Übrigen gebürtig aus Wien. Doch die „Südösterreicher“ Bernie Mallinger und Igmar Jenner, die Taiwanesin Cynthia Liao und die Kroatin Asja Valcic fühlen sich der Stadt, diesem kulturellen Schnittpunkt zwischen Ost, West und Balkan, sehr verbunden. Mallinger: „Wien ist für uns wirklich eine Traumstadt. Die große musikalische Tradition, das kulturell Bunte der Stadt, die Melancholie aber gleichzeitig auch diese Unbeschwertheit – all das inspiriert uns und hat auch sehr viel mit unserer Musik zu tun.“