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Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris
Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris
Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris
Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris

Produktinformationen

Besetzung

Vincent Peirani / accordion, accordina, clarinet, keyboards, music box, glockenspiel & voice
Federico Casagrande / guitar
Ziv Ravitz / drums


Aufnahmedetails

Recorded by Etienne Clauzel at Studio Black Box, Noyant-la-Gravoyère (France), October 2021
Mixed by Tony Paeleman & Vincent Peirani at Swome, Ivry sur Seine
Mastered by Chab at Chabmastering Paris

Produced by Vincent Peirani

Cover art by Sengai Gibon (1750-1837): “The Universe”


Lacquer Disc Cutting by Sidney Claire Meyer at Emil Berliner Studios Berlin

Joker: Einmal mehr mischt Akkordeonist Vincent Peirani die Karten neu. Typisch für ihn, denn eines hat der Franzose im Laufe seiner Karriere immer wieder bewiesen: In seiner grenzenlosen musikalischen Welt ist der nächste Schritt genau der, den man am wenigsten von ihm erwartet. Die Initialzündung für sein neues Projekt „Jokers“ war eine Carte Blanche des NDR, um auf zwei Konzerten etwas ganz Neues auszuprobieren. Peirani entschied sich für das Trio, ein im Jazz nahezu heiliges Format mit langer Geschichte. Aber wie es für Peirani typisch ist, dient dieser Rahmen nur dazu, mit seinen Konventionen gleich wieder zu brechen. Seine Mitstreiter, der Italiener Federico Casagrande an der Gitarre und Israeli Ziv Ravitz am Schlagzeug, erweisen sich dafür als ideale Partner. Beide verfügen, wie Peirani, neben ihrem starken Jazz-Background, über einen weiten musikalischen Horizont und ein besonderes Faible für Rock und elektronische Musik. Diese Einflüsse, und speziell der Zuspruch von Ziv Ravitz waren es auch, die Peirani dazu brachten, den Sound seines Instruments erstmals um elektronische Effekte zu erweitern. Auf zahlreichen Konzerten erforschte und verfeinerte die Gruppe ihre klanglichen Möglichkeiten und entwickelte schnell ein ziemlich unwiderstehliches Zusammenspiel und einen ebensolchen Sound.

Als es jedoch an der Zeit war, über ein Album nachzudenken, beschloss Peirani, die Karten einmal mehr komplett neu zu mischen und entschied: „Wir nehmen dieselben Musiker, fangen aber noch einmal ganz von vorne an, mit einem Repertoire und einem Sound, der sich von den Live-Auftritten völlig unterscheidet.“ Die lange Zeit der Pandemie, gab ihm, der sonst an die 200 Konzerte pro Jahr auf der ganzen Welt spielt, Zeit für die Neuerfindung von „Jokers“. Er experimentierte viel mit den Möglichkeiten elektronischer Klänge und tauchte tief in die Rolle des Produzenten ein. Das im Trio aufgenommene Material gestaltete er im Produktionsprozess des Albums immer wieder um, feilte an Details und Stimmungen und gab den Stücken ein neues Gesicht, von dem Casagrande und Ravitz oft keinen Schimmer hatten - doch sie vertrauten ihrem „Regisseur“.

„Jokers“ beginnt mit „This is the New Shit“, ein Remake eines Stücks der amerikanischen Metal-Band  Marilyn Manson. Man erwartet eine Ansage, einen Ausbruch roher Energie. Doch so ist das mit den Erwartungen… Peirani lässt eine Spieluhr-Melodie erklingen, zeichnet das Bild eines Kindes, welches sich eine geheimnisvolle Fantasiewelt erträumt und uns dabei an der Hand nimmt. Das Stück ist eine Art Vorspann, nach dem sich der Rest des Albums wie ein Film entfaltet: Mit Spannung, Poesie, Rhythmus, (übernatürlichen) Schauplätzen, Fantasie, virtuosen Ausbrüchen und intimen Momenten. Und in einem Ton, der an einen Film Noir gemahnt – bis das Trio die Leinwand in Flammen aufgehen lässt. Es ist wundersame Musik, die mit ihren unvorhersehbaren Wendungen und Windungen die Sinne gleichermaßen verwirrt und verzaubert. „Circus of Light“ imaginiert ein Polarlicht auf den Gewässern des Mittelmeers und schickt Nino Rota in die Milchstraße. In „River“, das einen Pop-Hit von Bishop Briggs aufgreift, hallen die Lieder der „Chain Gangs“ des amerikanischen Südens wider. „Copy of A“, ursprünglich von Nine Inch Nails, einer von Peiranis Lieblingsbands, beschwört den grotesken Vibe einer außerirdischen Karnevalsparade. Bis hin zum Abspann, mit „Ninna Nanna“, einem nachdenklichen Spaziergang durch Italien, lässt „Jokers“ immer neue Bilder und Räume entstehen und Peiranis Akkordeon wird zu einer Kameralinse in der sich die Motive, die es erfasst, Kaleidoskop-haft brechen.

Bei allen Einflüssen aus anderen Genres und der starken Produktions-Komponente, ist „Jokers“ am Ende doch klar ein Jazzalbum geworden. Im Kern steht die Interaktion. Die drei Musiker hören einander intensiv zu, kommunizieren und erwecken so das musikalische Ausgangsmaterial zum Leben. Und sie wandeln auf verschlungenen Pfaden, die erst im Moment des Zusammenspiels entstehen und sich immer wieder neu verzweigen. Dies könnte auch eine Metapher auf Vincent Peirani und seine Musik sein: Man weiß nie, wohin er als nächstes geht, aber man freut sich immer, ihn dabei zu begleiten.