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Vincent Meissner
Bewegtes Feld

Produktinformationen

Besetzung

Vincent Meissner / piano
Josef Zeimetz / bass
Henri Reichmann / drums


Aufnahmedetails

Recorded by Johannes Kellig at Bauer Studios Ludwigsburg, January 15 -17, 2021, except 01, 02, 04 & 15 recorded by Nico Raschke at Hansahaus Studios Bonn, February 17 -19, 2020

Mixed by Johannes Kellig
Mastered by Klaus Scheuermann

Produced by Michael Wollny

Cover by Siggi Loch


Das ist die Musik eines Zwanzigjährigen. Und der Schlagzeuger ist noch jünger. Als Vincent Meissner 2019 Vertreter Sachsens bei Jugend jazzt war, wohin jedes Bundesland seinen talentiertesten Vertreter entsendet, wurde das zur Initialzündung. Der Pianist sinnierte für seine Präsentation über einen neuen Ansatz. Er wollte nicht wie bisher aus kleinen Skizzen Stücke wachsen lassen, sondern ein zusammenhängendes Programm wie eine Suite kreieren. Inzwischen hat Vincent schon den Bechstein Klavierwettbewerb gewonnen, den Konzertpreis der Jazzopen Stuttgart, den Förderpreis der Deutschen Jazzunion, die Jazzhaus Competition Freiburg und den Mitteldeutschen Jazzpreis. Und dieses Suitenhafte durchzieht auch sein Album „Bewegtes Feld“.

Seit drei Semestern studiert Vincent an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, wo Michael Wollny einer seiner Lehrer ist. Der wiederum hört davon, dass eine Aufnahme in den renommierten Bauer Studios in Ludwigsburg geplant ist. O-Ton Wollny: „Da kamen mehrere Dinge auf glückliche Weise zusammen. Ein wirklich hoch talentierter junger Pianist und Komponist mit seiner eigenen echten ‚Working Band‘. Die Möglichkeit, das gerade entstehende Material unter perfekten Bedingungen in einem Top-Studio aufzunehmen. Und parallel dazu, im Rahmen seines Studiums, die kontinuierliche Arbeit an seinen Kompositionen und Ideen. Und plötzlich schien es mir nur folgerichtig, die Aufnahmen des Trios auch als Produzent im Studio zu begleiten.“  

Aufgewachsen in einem Dorf in Mittelsachsen, hatte alles an den Regalen einer Drogeriemarktkette in der nahen Universitätsstadt Freiberg begonnen. Hier fand der junge Noch-nicht-Pianist eine kleine Abteilung mit Jazz-CDs, die vornehmlich mit ein paar Stücken der beiden renommierten deutschen Dreibuchstabenlabels bestückt war. Hier entdeckte er eine Musik, die seine werden sollte, vergrub sich immer mehr, bis sich die Passion zum Lebensziel auswuchs. Mit sechzehn ging er nach Dresden auf das Landesgymnasium für Musik, lernte hier Schlagzeuger Henri Reichmann kennen und eine Freundschaft wuchs, die von einem gemeinsamen musikalischen Erwachen geprägt war. Input, Austausch und Praxis. Ein Feuer wurde geschürt mit immer neuen Entdeckungen: Auf Oscar Peterson, Dave Brubeck und Bud Powell folgten Paul Bley, Monk, Craig Taborn, Vijay Iyer und die Deutschen Held, Kaufmann, Kühn und Wollny. Der Weg war das Ziel. Suchender und Entdecker ist Vincent geblieben, der sich gerade auch in zeitgenössische Klaviermusik vertieft. Das alles schimmert durch auf seinem Album, mit dem sich früh ein Kreis schließt.

Kein Epigonentum hört man, stattdessen das verblüffend ausgewogene Statement eines Individualisten, der die Basisbibliothek kennt und von dort zu Eigenem abspringt. Dabei stand seit dem Beginn des Pianotrios mit Kontrabassist Josef Zeimetz Anfang 2020 die Arbeit unter denkbar ungünstigen Vorzeichen. Nur einen einzigen Live-Gig gab es wegen Corona. „Wir sind eine hundertprozentige Studioband“, schmunzelt Vincent und meint es nicht so. Die Distanz der aktuellen Lebensmittenpunkte Leipzig, Dresden, Amsterdam überbrückten sie mit intensiven gemeinsamen Probewochen. Nun kann sich das Ergebnis hören lassen – ein junges Trio, das nur darauf wartet, die neu erfundene eigene Musik aus dem Studio- und Proberaum auf die Bühnen der Clubs zu transportieren.

Um Ehrlichkeit geht es Vincent und seinen Mitspielern, die ist wichtiger, als hyperrevolutionär zu sein. Bilderstürmer sind hier nicht am Werk, dafür sehr formbewusste, mal witzig-euphorische, dann wieder balladesk-melancholische, in jedem Fall sehr facettenreiche Musiker, die auf der Grundlage von Vincents Kompositionen vielfarbige und immer wieder überraschende Momentaufnahmen extrahieren. Unbändige Spiellust an komplexen Formen und Rhythmen treffen auf viel Lust am Experiment und einen bemerkenswerten Sinn für ungewöhnliche und im Gedächtnis haftende Melodien. Vincent formuliert es so: „Beim Spielen gehen wir jedes Mal wie über eine Wiese und pflücken etwas anderes.“ Das wäre eine Formel für den Albumtitel „Bewegtes Feld“. Dabei bildet das Feld auch einen abgesteckten Rahmen, inmitten dessen sich Vincent, Henri und Josef bewegen. Da wird geforscht und gefunden, werden Kreuz- und Querverbindungen hergestellt, wird das Material geschüttelt und neu kombiniert. Programmmusik ist das insofern, als hier Collagen entwickelt werden aus Ranken, Verzierungen und Minithemen, die immer wieder aufscheinen in neuen Formen. So entsteht ein großes Bild, das dazu einlädt, in die Details einzutauchen und den Drehungen und Wendungen zu folgen. Diese spontane Musik hat auch deswegen nichts Zufälliges, weil hier spielfreudig Ideen entwickelt, verfeinert und vertieft werden. Vincent Meissner beschreibt das: „Meine Kompositionen sind, als hätten wir ein Regal im Zimmer, in das jeder Dinge packt.“ Langen Prozess machen, dann aber immer wieder auf den Punkt kommen, genau dafür haben sich hier drei gleichberechtigte Musiker gefunden: „Wir sind wie ein junger Wein, der jetzt reift. Es ist erst das zweite Jahr nach der Ernte.“ Mal wild und wuselig, dann wieder perlend und konzis ist diese stets lebensbejahende Musik. Junger, sehr junger deutscher Jazz …