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Vijay Iyer - Nitin Mitta - Prasanna  - ©Joze Pozrl
Vijay Iyer - Nitin Mitta - Prasanna - ©Joze Pozrl
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Vijay Iyer - Nitin Mitta - Prasanna - ©Joze Pozrl

Produktinformationen

Besetzung

vijay iyer / piano
prasanna / guitar, voice
nitin mitta / tabla


Aufnahmedetails

produced by tirtha

recorded august 11-12, 2008 at systems two, brooklyn, new york. engineer: joe marciano
mixed by scotty hard & vijay iyer at irritainment studios, brooklyn, new york, december 2008
mastered at turtletone studios, nyc by mike fossenkemper


Die universelle Sprache der Musik kennt neben dem ganz individuellen Ausdruck viele Dialekte. So hört man meist, ob ein klassischer Pianist der russischen, der deutschen oder der amerikanischen Schule entstammt, ob ein Rockmusiker aus Seattle, Manchester oder Berlin stammt, oder ein Jazzer aus New Orleans, Chicago, Stockholm oder Paris. Der New Yorker Jazzpianist Vijay Iyer macht da keine Ausnahme. „In meinem Elternhaus lief Klassik und traditioneller Jazz, meine Schwester, die früher als ich mit dem Klavierspielen begann, spielte viel Ellington, ich selbst hörte natürlich auch die allgegenwärtige Rockmusik.“ Der amerikanische Klangkosmos prägte also auch Vijay Iyer bei seinem – parallel und nach einer erstaunlichen Universitätskarriere als Naturwissenschaftler – autodidaktischen Werdegang als Musiker.

Nach der Jahrtausendwende avancierte Iyer zu einem der erfolgreichsten jungen Jazzer. Er und seine Platten gewannen nach und nach die wichtigsten Polls der amerikanischen Kritiker, die ihn jüngst zum amerikanischen „Jazzmusiker des Jahres 2010“ wählten. Der internationale Durchbruch gelang Iyer dann als exklusiver ACT-Künstler: Sein Debüt „Historicity“ (ACT 9489-2) und das nachfolgende Album „Solo“ (ACT 9497-2) gewannen nicht nur - sozusagen wie gewohnt – die wichtigsten amerikanischen Auszeichnungen, auch in Europa überschlugen sich Kritik und Publikum. Unter anderem gewann er 2010 mit „Historicity“ den wichtigsten deutschen Musikpreis, den ECHO Jazz, und wurde für den wichtigsten amerikanischen Musikpreis, den GRAMMY, nominiert: Schon lange hat Europa keinen amerikanischen Jazzmusiker mehr so euphorisch willkommen geheißen.

Ein Geheimnis dieses Erfolgs ist zweifellos Iyers unvergleichliche Offenheit und Vielseitigkeit, seine experimentelle und bezwingend individuelle Melange verschiedenster musikalischer Dialekte. Er hat seine Musik von überkommenen Hemmnissen befreit: „Jazz ist kein Musikstil mehr. Er ist ein Informationssystem, ein Wissensarchiv, eine Zone kreativer Aktivität und ein freies Feld der Möglichkeiten.“ Nach und nach stellt ACT die vielen Facetten seiner künstlerischen Persönlichkeit vor: Auf „Historicity“ stand seine Definition des klassischen Klaviertrios im Mittelpunkt, bei „Solo“, seinem ersten Klavier-Soloalbum, die Beschäftigung mit seinem Instrument – beides in einem eher gewohnten Jazz-Zusammenhang. Nun folgt mit „Tirtha“ eine faszinierende Aufarbeitung seiner indischen Wurzeln. Eines Erbes, das Iyer - in Amerika als Sohn südindischer Einwanderer geboren –erst wiederentdecken musste, das aber harmonisch wie rhythmisch zunehmend eine wichtige Farbe seiner Klangpalette wurde. Hier hat er es so konsequent wie nie in seine musikalische Gedankenwelt integriert.

Der Begriff „Tirtha“ bedeutet im Sanskrit so etwas wie die Furt oder die Biegung eines Flusses, im spirituellen Sinn einen Pilgerort nahe geheiligtem Wasser. Es umschreibt den Grenzbereich zwischen den Welten, den Übergang zwischen Festem und Flüssigem ebenso wie den Bereich, in dem die Alltagsexistenz in einen tieferen, bewussteren Zustand übergehen kann. Ganz in diesem Sinn versucht Iyer mit „Tirtha“ nichts Geringeres als eine neue Qualität des musikalischen Austauschs. Die Entstehung des Projekts geht auf eine Einladung aus dem Jahr 2007 zurück, ein Konzert zur Feier des 60. Jahrestag der indischen Unabhängigkeit zusammenzustellen. Auf der Hut vor konventioneller „Fusion“, die - wie es John Coltrane einmal formulierte – mehr mit einem Stilmix-Etikett als mit kreativer Schöpfung und echter Evolution zu tun hat, lud er den Gitarristen Prasanna und den Tabla-Spieler Nitin Mitta ein, beide herausragende indische Musiker, die inzwischen in den USA leben. „In dieser Konstellation hoffte ich, solche Fallen zu vermeiden und mindestens den Versuch zu unternehmen, etwas Persönliches, Sinnvolles und Echtes anzubieten.“

Auf allen neun Stücken des Albums – fünf Kompositionen stammen von Vijay Iyer, vier von Prasanna – kann man nun hören, was Iyer als Erfahrung der allerersten Probe wie der 2008 folgenden Studio-Sessions beschreibt: Hier geht es nicht um „Fusion“, um einen Kompromiss oder um den Versuch, mehr oder weniger indisch zu klingen, hier hört man vielmehr den harmonischen Fluss einer musikalischen Konversation dreier Individuen.

Man hört eine echte Band mit überzeugenden Ideen: Von der rhythmischen Komplexität des rasanten Auftakts „Duality“ über den mit Tabla und mnemotechnischem Gesang verbundenen Modern Jazz von „Tribal Wisdom“, die majestätische Chromatik des Titelstücks, die geheimnisvoll schillernde, ruhig fließende Melodik von „Abundance“, den seriellen Aufbau von „Falsehood“ bis zum überraschenden Rockgewand von „Gauntlet“, und der Hindustani-beeinflusste Hymnik von „Entropy And Time“.

„Tirtha“ erweist sich als bezwingende, harmonische Kombination von sich ergänzenden Talenten, von Jugend und Erfahrung, und von individuellen kulturellen Erfahrungen. Nitin Mitta, der jüngste des Trios, berichtet: „Tirtha ist für mich eine spirituelle Reise, mit seiner Verbindung von Jazz, Carnatic (ein „Sub-Genre“ der indischen Musik) und Hindustani ein wahres Beispiel für die Universalität der Musik. Ich habe mich nie mehr herausgefordert gefühlt.“ Prasanna, mit seinem vollkommen einzigartigen Spiel auf der E-Gitarre ein Pionier, ergänzt: „Tirtha ist die logische Erweiterung dessen, was ich seit vielen Jahren auf meine Weise mache: aus der Perspektive des klassischen südindischen Carnatic auf die heutige Weltmusik zu schauen. In diesem Trio bekommt dieses Konzept ein musikalisches Leben voll einzigartiger Synergie.“

Und Vijay Iyer fasst zusammen: „Für uns repräsentiert Tirtha eine Einheit, die erst jetzt möglich geworden ist, nach mehreren Dekaden der weltweiten Grenzüberwindung, Öffnung und des globalen Austauschs. Es ist der Sound zu einer neuen Realität.“ Womit sich „Tirtha“ als ebenso revolutionäres wie evolutionäres Werk in die Reihe der Meisterwerke west-östlicher musikalischer Dialoge wie John McLaughlins „Shakti“ oder die Werke von Trilok Gurtu einreiht.