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Siggi Loch
A Life In The Spirit Of Jazz

Siggi Loch 2017 © ACT / Sophia Spring
Siggi Loch 2017 © ACT / Sophia Spring

Produktinformationen

Besetzung

Various Artists:

CD1 „The Beginning“
including Sidney Bechet , Dave Brubeck , Klaus Doldinger & George Gruntz

CD2 „Blues & Rock“
including John Lee Hooker , Willie Dixon , Jerry Lee Lewis & Spencer Davis Group

CD3 „Crossing Borders“
including Al Di Meola , Gerardo Nuñez , Bugge Wesseltoft , Larry Coryell & Joachim Kühn

CD4 „Visions of Jazz“
including e.s.t. , Bernard Purdie , Michael Wollny , Nguyên Lê

CD5 „Jazz at Berlin Philharmonic“
including Iiro Rantala , Leszek Możdżer , Vincent Peirani & Wolfgang Haffner


Aufnahmedetails

All music produced by Siggi Loch


Wenn Siggi Loch am 6. August 2015 75 Jahre wird, dann kann er auf Erfahrungen in der Musikbranche zurückblicken wie kaum ein anderer. Von den 1960er Jahren an, der Gründerzeit der modernen Plattenindustrie, führte ihn eine steile Karriere ganz nach oben: Loch startete 20 Jahre jung als Vertreter für den Ausland Sonderdienst der EMI Electrola. Zu einer Zeit, als das Schallplattengeschäft zu 80% aus Tagesschlagern bestand, bereiste er mit einem, mit neuen Import Alben, vollgepackten VW Käfer ausgewählte Plattenläden.

Schon zwei Jahre später kam ein Ruf aus Hamburg und die Berufung zum Label Manager bei Philips und der Start seiner Produzententätigkeit mit Klaus Doldinger. Mit nur 26 Jahren, damals der weltweit jüngste »Plattenboss«, wurde er zum Gründungsgeschäftsführer der Liberty-Germany in München bestellt. 1972 erfolgte die Ernennung zum deutschen WEA Chef (Warner-Elektra-Atlantic) sowie schließlich 1982 zum Präsidenten von WEA Europe (Warner) in London. Jetzt gehörte er zu den Topmanagern des internationalen Record Business. Loch hatte
diesen bemerkenswerten Aufstieg nicht zuletzt seinem unermüdlichen Eifer und seinem Gespür für Talente und Entwicklungen in der Popmusik zu verdanken.

Doch der Schlüssel dazu war die Liebe zum Jazz. Mit 15 hatte sich Loch in Hannover in ein Konzert von Sidney Bechet eingeschlichen, ein Erlebnis, das sein Leben prägen sollte. Der Teenager versuchte sich zunächst als Schlagzeuger, war aber selbstkritisch genug, um rechtzeitig zu erkennen, dass ihm für den Musikerberuf das Talent fehlte. Um dem Jazz nahe bleiben zu können, entschloss er sich, fortan auf der anderen Seite der Bühne zu arbeiten. Von Anfang an war der Traum von einem eigenen Jazz-Label die Triebfeder. Auch wenn die Pop- und Rockmusik die ersten rund 30 Jahre seines Musikmanager-Dasein mit prominenten Entdeckungen wie Katja Ebstein, Can, Amon Düül II, Jürgen Drews, Marius Müller-Westernhagen, Heinz Rudolf Kunze, wird, Helen Schneider und Ideal bestimmte, blieb er dem Jazz immer treu. Denn auch Klaus Doldinger, Jean-Luc Ponty, Al Jarreau, Joachim Kühn und Philip Catherine machten Dank Loch Karriere. Als nach 18 Jahren bei Warner sein Mentor Nesuhi Ertegün als WEA Chairman abdankte, gab auch er seinen hochdotierten Managerposten auf, um seinen Jugendtraum endlich zu verwirklichen. Das Musikgeschäft kannte er nun aus dem Effeff. 1992 wurde ACT als Jazzlabel geboren. 23 Jahre später ist es ein respektabler Player in der internationalen Jazzwelt und für Loch nach eigenem Bekenntnis die wichtigste Phase seines Berufslebens.

Der Geist des Jazz begleitet Siggi Loch also ein Leben lang. Folgerichtig heißt die fünfteilige CD-Edition, in der er Rückschau hält, auch so: »A Life in the Spirit of Jazz - Siggi Loch 75«. Eine musikalische Autobiographie, die für sich selbst spricht, auch wenn jeder einzelne Titel mit so vielen Erlebnissen und Erinnerungen verbunden ist, dass sie mühelos ein Buch füllen würden. Außer dem Prolog hat Loch ausschließlich die Höhepunkte seiner eigenen Producerarbeiten auf fünf CDs versammelt. Jede einzelne Scheibe der Jubiläums-Anthologie ist einem speziellen Thema seines Schaffens gewidmet, schlägt aber auch für sich genommen einen spannenden musikalischen Bogen.

Den jungen Siggi Loch mit seinem von Anfang an ausgeprägten Gespür für kommende Trends und dem Blick für außergewöhnliche Talente beleuchtet die erste CD »The Beginning«. Freilich muss zu Beginn der Mann stehen, der bei Loch die lebenslange Jazzleidenschaft weckte: Sidney Bechet. Die mit seinen New Orleans Feetwarmers eingespielte Aufnahme von »Indian Summer« stammt logischerweise aus dem Jahr 1940, dem Geburtsjahr Lochs. Den Faden nimmt die wohl größte künstlerische und menschliche Konstante in Siggi Lochs Berufsleben auf. Der erste Jazzer, den Loch entdeckte und produzierte, mit dem ihn bis heute eine enge Freundschaft verbindet und der beweist, wie unverbrüchlich Loch diejenigen fördert, die er als überzeugend erkannt hat: Klaus Doldinger. Los geht es mit dem »Blues For George« aus dem programmatisch betitelten Album »Jazz Made In Germany«, das bereits Anfang der Sechziger die Abnabelung vom Jazz-Mutterland USA und den eigenen europäischen Weg verkündete. »Fiesta« findet sich auf »In South America«, das für den kommerziellen Durchbruch sorgte. Der Doldinger-Bogen schließt sich mit dem nicht minder programmatischen »I Feel Free« des Passport-Vorläufers »Motherhood« und dem mitreißenden »Compared To What?« der Passport Jubilee-Formation von 1975.

Auf diesem Weg begegnen einem andere Anfänge, die Lochs Jazzverständnis geprägt haben und bis heute verdeutlichen: Zum einen die Entdeckung der europäischen Volksmusik für den Jazz, zu hören etwa beim von der Musik Jan Johanssons inspirierten »Subo« des Klaus Weiss Trios. Zum anderen die Verschmelzung von Klassik und Jazz, für die der George Gruntz‘ Bestseller »Jazz Goes Baroque« ein frühes Beispiel ist. Für Lochs Entdeckerqualitäten stehen unter anderem Debüt-Alben von Volker Kriegel, Attila Zoller oder Jean-Luc Ponty. Und natürlich der bis heute mit über 750.000 verkauften Alben erfolgreichste ACT-Künstler Nils Landgren, der mit dem live beim Montreux Festival aufgenommenem »You Dig« an den Beginn des europäischen Funk führt. Auch so eine Idee von Loch, die, anfangs als »Blue Eye Funk« belächelt, zu einer Erfolgsgeschichte wurde.

Dass nur der in die Zukunft des Jazz weisen kann, der seine Tradition kennt, stand für Siggi Loch immer außer Frage. So war er selbst immer auch dem Blues verbunden, einer der unverzichtbaren Wurzeln des Jazz. »Blues & Rock« zeigt diesen Strang seiner Arbeit auf der zweiten CD - von den Aufnahmen beim »American Folk Blues Festival« 1963 – 1965 mit Legenden wie Howlin‘ Wolf, Muddy Waters, John Lee Hooker oder Big Mama Thornton über die Mitschnitte aus dem legendären Hamburger Star-Club mit Jerry Lee Lewis und Tony Sheridan und dem Bluesrock- Gipfelpunkt einer Spencer Davis Group bis hin zu den »deutschen Beatles« The Rattles.

Siggi Lochs Vision der kreativen Verbindung von vermeintlich undurchlässigen Genres steht im Mittelpunkt der dritten CD »Crossing Borders«. Lange bevor Weltmusik zum Namen eines ganzen Genres wurde, war sie bei Lochs Produktionen Praxis. Die Begegnung von Jazz mit Flamenco etwa, eine weitere Konstante in Lochs Arbeit, die mit »Jazzpaña« 1992 am Anfang von ACT stand. Sternstunden der befruchtenden Grenzüberschreitung zwischen europäischer Klassik und dem Jazz, wie zum Beispiel »Black Is The Colour Of My True Love‘s Hair« aus der Jazzphonie Europeana von Michael Gibbs mit Douglas Boyd, einem dem klassischen Superstars auf der Oboe, finden sich auf »Crossing Borders« ebenso wie die jazzige Lesart der italienischen Oper und gar der Hardrocker AC/DC.

CD Nummer vier, »Visions of Jazz«, ist ausschließlich den 23 ACT-Jahren gewidmet. Zunächst Siggi Lochs Arbeit mit den großen Meistern des Jazz, Europäern wie Jasper van’t Hof, Philip Catherine und den Old Friends (Deutschlands definitiver All-Star-Band) und Amerikanern wie Vince Mendoza, Eddie Harris, Bernhard Purdie und Wayne Krantz. Natürlich darf Esbjörn Svensson nicht fehlen, der vielleicht einflussreichste europäische Klaviermeister der letzten Dekade und große Erneuerer des Jazz, der auf dem ACT-Label Weltruhm erlangte. »Dodge The Dodo«, heute ein Standard, ist einer der wenigen Titel, die Svensson nicht mit e.s.t. selbst produzierte, sondern bei dem Siggi Loch die Regie führte.

Von Anfang an verstand sich Loch nicht nur als bloßer Produzent und Labelmanager, sondern auch als Impulsgeber seiner Künstler. Zahlreiche von ihm geschlossene »Künstlerehen« und Projektideen bilden sich auf »Visions of Jazz« ab: So zum Beispiel das erste Zusammentreffen von Deutschlands aktuell wichtigstem Jazzmusiker, Michael Wollny, mit dem neuen europäischen Saxofonstar Marius Neset oder das Zusammentreffen des polnischen Geigenvirtuosen Adam Bałdych mit einer respektablen baltischen Allstar Band. Natürlich darf hier auch der erste ACT-Exklusivkünstler Nguyên Lê nicht fehlen, ebenso wie Nils Landgren, der gleich in zwei Duos mit zwei Tastengenies zu hören ist, mit Esbjörn Svensson (den Siggi Loch übrigens in Landgrens Funk Unit entdeckte) und Michael Wollny. Iiro Rantala widmet sich John Lennon alleine am Klavier und die jüngst mit dem ECHO Jazz ausgezeichnete ACT-Reihe »young german jazz«, die den einheimischen Stars von morgen seit 2005 ein Forum gibt, ist mit den Brüdern Julian & Roman Wasserfuhr vertreten. Aber auch einen Vorgeschmack auf Kommendes lässt die CD erhaschen: Mit »Santy Anno« präsentiert sich der Gitarrist Kalle Kalima, noch bevor sein ACT-Debüt erscheint.

Das jüngste Kapitel in Siggi Lochs unermüdlichem Einsatz für den Jazz und seine großen Könner ist auf der fünften CD nachzuhören: Mitschnitte aus der von ihm initiierten und kuratierten Reihe »Jazz at Berlin Philharmonic«. Unter dem Motto »connecting the unexpected« kreiert Loch hier einzigartige Konzertabende und schreibt damit, wie Deutschlandradio Kultur unlängst feststellte, »Jazzgeschichte«. Das Programm ist dabei der Star. Überraschend und mit offenem Ausgang erklingen in der weltbekannten Berliner Philharmonie bisher ungehörte Musikerkombinationen mit einem thematischen Fokus.

Die seit Dezember 2012 stattfindenden und fast immer ausverkauften Veranstaltungen haben sich zu absoluten Highlights »mit Seltenheitswert für Berlin« (Tagesspiegel) entwickelt: mit den Pianistengipfeln von Iiro Rantala, Michael Wollny und Leszek Możdżer feierte »Jazz at Berlin Philharmonic« ihre umjubelte Premiere. Letztgenannter durfte später mit seinem eigenen Trio und seinen polnischen Landsmännern vom Atom String Quartet einen ganzen Abend gestalten, in dem die Musik seiner Heimat im Vordergrund stand. Einen Ausflug in das Land der Fjorde machte »Norwegian Woods«, bei dem Solveig Slettahjell, In The Country, Bugge Wesseltoft und Knut Reiersrud gemeinsam auf der Bühne standen. Das bislang wohl ungewöhnlichste Konzept der Reihe hörte man bei der »Accordion Night«. Musiker aus nicht weniger als sieben Nationen widmen sich einem Instrument, das im Jazz eher eine Außenseiterrolle pflegt, aber gerade in Europa durch den Franzosen Vincent Peirani eine Renaissance erfährt. Dieser ist exemplarisch für dieses Konzert mit seinem Seelenverwandten, dem Saxofonisten Emile Parisien, zu hören. Besonders war ganz sicher auch der »Kind Of Cool«-Abend unter der Leitung von Wolfgang Haffner, denn hier konnte man noch einmal den Star-Bariton Thomas Quasthoff live erleben, der sich als Sänger eigentlich bereits von der Bühne zurückgezogen hatte. Als Epilog folgt nochmals »Indian Summer«, diesmal gespielt von Hugo Siegmeth, aus dem Sidney Bechet gewidmeten Tribut Album.

»A Life in the Spirit of Jazz – Siggi Loch 75« ist ein faszinierender Querschnitt durch ein schillerndes, leidenschaftliches Produzentenleben eines Mannes, der zu einer »Musiklegende« geworden ist. Am Anfang stand der Jugendtraum eines eigenen Jazzlabels. Den hat er sich nun erfüllt. Mit vier ECHOs als »Label des Jahres« und jüngst acht ECHOs für ACT-Künstler und - Produktionen in 2015, hat Loch es auch mit seinem Label zu weltweiter Anerkennung geschafft.

Doch dies ist nur eine vorläufige Bestandsaufnahme. Was wird noch kommen? Siggi Loch antwortet darauf mit den Worten Dizzy Gillespies: »I will bop until I drop!«

Oliver Hochkeppel