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Richie Beirach
Round About Monteverdi

Round About Monteverdi
Round About Monteverdi

Produktinformationen

Besetzung

Richie Beirach – piano
Gregor Huebner – violin
George Mraz - bass


Aufnahmedetails

Recorded and mastered by Johannes Wohlleben in October 2002
24 bit digital recording at Bauer Studios Ludwigsburg, Germany
Produced by Siegfried Loch


Wie ein Offenbarungs-Erlebnis sei es für ihn gewesen: "Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit Musik befasst, aber diese kannte ich viel zu wenig", sagt der Pianist Richie Beirach. "Ich ahnte überhaupt nicht, wie bewegend diese Epoche ist." Denn in ihrem jüngsten Projekt widmen sich der amerikanische Jazzer und seine beiden Partner Gregor Huebner (Geige) und George Mraz (Bass) Stücken aus dem Frühbarock. Auf "Round About Bartók" (ACT 9276-2) und "Round About Federico Mompou" (ACT 9296-2) folgt jetzt "Round About Monteverdi".

Während das Trio bei den Hommagen an den Ungarn Béla Bartók und an den Katalanen Mompou (sowie deren jeweiliges Umfeld) sich von Komponisten des 20. Jahrhunderts inspirieren ließen, gehen sie nun, eine Lieblings-Idee von  ACT-Chef Siegfried Loch aufgreifend, rund 400 Jahre zurück. Und Beirach staunt: "Ich dachte bisher immer, mit Johann Sebastian Bach habe etwas Neues begonnen; jetzt ist mir klar, dass Bach der Schlusspunkt dessen ist, was vorher schon bei Monteverdi und dessen Zeitgenossen angelegt war." Der Italiener Claudio Monteverdi (1567-1643) sorgte vor allem mit seinen Stücken "L’Orfeo" (Orpheus, 1607) und "L’incoronazione di Poppea" (Die Krönung der Poppea, 1642) für Meilensteine der Opern-Geschichte und war ein kühner Neuerer der Kirchenmusik ("Marienvesper", 1610). Nicht umsonst werden heute seine Werke an vielen großen Opernhäusern immer mehr gespielt: Denn Monteverdis Musik findet mit ungemein schlanken, aber sich virtuos rankenden Melodien packenden Gefühls-Ausdruck - und schafft mit (aus heutiger Sicht) ganz sparsamer, aber essentieller Harmonik eine enorme Spannung.

Genau das hat Beirach, Huebner und Mraz gereizt. "Die archaische, offene  Form dieser Stücke ist hochinteressant als Improvisations-Basis", sagt Gregor Huebner. "Und heutige Komponisten wie etwa Arvo Pärt greifen auf ähnliche Mittel zurück. Außerdem gibt es durchaus Berührpunkte zum Jazz: Orfeos Klage hat eine ganz ähnliche Atmosphäre wie der Klassiker "Blue in Green", und einige der absteigenden Basslinien, die man bei Monteverdi und seinen Zeitgenossen findet, verwendet Richie Beirach auch bei seinen eigenen Stücken schon seit langem." Von "zwingenden Verwandtschaften" spricht Huebner - und Beirach von "magischer Einfachheit" und "unglaublicher Frische".

Fast didaktisch gehen sie vor bei dieser CD. Denn zu Beginn spielen sie Monteverdis berühmtestes Einzelstück, das "Lamento d’Arianna", ohne Veränderungen vom Blatt: nur die Melodie und die Grundharmonien aus der ersten überlieferten Version. Da lässt sich viel vom ausdrucksstarken und doch scheinbar einfachen Stil Monteverdis erkennen - etwa der Kunstgriff, dass die Melodie gleich im ersten Takt eine Dissonanz zum Bass aufbaut (b’ gegen A) und damit den zugrunde liegenden Text zeitlos frappierend umsetzt. "Lasciatemi morire" (lasst mich sterben), singt die von dem treulosen Theseus allein auf Naxos zurückgelassene Ariadne in dem als einziges Fragment aus einer ansonsten verschollenen "Arianna"-Oper Monteverdis von 1608 erhaltenen Stück.

Sanft also führen Beirach, Huebner und Mraz den Hörer in Monteverdis Welt - und legen dann einen Ariadne-Faden aus zu anderen Komponisten: wie dem ganz jung gestorbenen und hochbegabten Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736); oder Carlo Gesualdo (1560-1613), einem Fürsten und musikalischen Revoluzzer ("viel radikaler als Bach lange nach ihm", wie Huebner sagt), der auch dafür berühmt wurde, dass er seine beim Ehebruch ertappte Frau und deren Liebhaber 1590 ermordete. Und erst beim fünften Stück der CD lässt Beirachs Trio die erste Jazz-Improvisation lospreschen.

Wer "Round About Monteverdi" hört, muss weder Musikhistoriker sein noch ein genauer Kenner der Originalstücke und -texte. Beirach: "Uns ging es um die Atmosphäre, darum, zu transportieren, wie wunderbar diese Musik ist - und daraus neue Farben für den Jazz zu gewinnen. Manchmal nahmen wir auch nur melodische Keimzellen und improvisierten darüber." Immer lockerer lassen die Musiker den Faden zu Mitte und Ende hin, lassen George Mraz in einem lustvollen Bass-Solo dem Komponisten Heinrich Schütz (1585-1672) huldigen, swingen geradezu relaxed bei ihrer Paraphrase des Dialogs von Orpheus und der Schicksals-Botin, die ihm vom Tod Eurydikes berichtet, greifen dann zum zweiten Mal Pergolesis berühmtes "Stabat Mater" und nach Bachs "Siciliana", dem Endpunkt ihrer Barock-Studie, auch noch einmal das "Lamento d’Arianna" auf - das nun von einer ganz anderen Insel als vorher zu tönen scheint.

"Wir möchten eine Brücke bauen: von der notierten Musik zur improvisierten - und vom frühen Barock zum Jazz", sagt Beirach. Stück für Stück zeigen sie auf "Round About Monteverdi", wie gut diese Brücke trägt, wenn sie behutsam, aber auch nicht zu ehrfürchtig angelegt ist.