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Richie Beirach
Round About Federico Mompou

Round About Federico Mompou
Round About Federico Mompou

Produktinformationen

Besetzung

Richie Beirach - piano
Gregor Huebner - violin
George Mraz - acoustic bass


Aufnahmedetails

Recorded and masterd by Johannes Wohlleben, 24 bit digital recording at Bauer Studios Ludwigsburg, Germany in May 2001
Produced by Siegfried Loch


Als "Bartóks Großneffe in New York" hat Richie Beirach vor einem Jahr die Jazzwelt überrascht. Wer bei Konzerten oder auf der von Kritikern gefeierten CD "Round About Bartók" mitbekommen hat, wie selbstverständlich der Pianist im Trio mit dem Geiger Gregor Huebner und dem Bassisten George Mraz auch über Themen von Alexander Scrijabin oder Zoltán Kodály improvisierte, dürfte sich kaum wundern, dass Beirach die Verwandtschaft zu einem weiteren Komponisten der klassischen Moderne entdeckt. Entdeckt im engeren Wortsinn, denn noch ist sie klein, die Schar der Verehrer von Federico Mompous gänzlich unspektakulärer Musik, die doch aufhorchen lässt, sobald man mit ihr in Kontakt kommt.
An Federico Mompou (1893 bis 1987) schieden sich schon die Geister der Zeitgenossen, weil er alle Trends – sogar Schönberg, Webern und andere Hausgötter der Moderne –  verachtend als Autodidakt nur seiner Intuition folgte und dabei am ehesten der Musik eines Satie oder Fauré nahe stand. Obwohl der Katalane viele Jahre in Paris verbrachte und dort gefeiert wurde, fühlte er sich wohler, wenn er weitgehend isoliert in seiner Geburtsstadt Barcelona lebte. Wie Bartok ungarische Volksmusik verarbeitete, griff Mompou häufig auf katalanische Melodien zurück.
Als Richie Beirach zu Anfang der 90er zum ersten Mal Mompous Klaviermusik in der unübertroffenen Interpretation durch die mit dem Komponisten befreundete Pianistin Alicia de Larrocha hörte, war er wie elektrisiert. Umgehend besorgte er sich Noten und fing beim Spielen "automatisch" zu improvisieren an. Obwohl die oft spätromantisch bis impressionistisch beeinflusste Harmonik, die melodisch betonte Phrasierung für Jazzmusiker verführerisch ist, sollte sich der Umgang mit Mompou als heikler erweisen als im Falle Bartók. Einerseits liegt der Reiz von Mompous "Selbstgesprächen" gerade im radikalen Weglassen. Der Minimalismus seiner Miniaturen ist aus einer "Sprache des Schweigens" geboren. Notenlinien führen ohne Taktstriche ins Leere, anstelle dramatischer Entwicklung steht ein fragender Gestus, die vollkommen unaffektierte Rückkehr in ein geheimnisvolles Reich der musikalischen Unschuld.
"Mompou verträgt es nicht, dass man einfach etwas addiert", resümiert Beirach – und Gregor Huebner fügt hinzu: "Man kann aber auch keine einzige Note weglassen." Was bleibt da für ein Jazztrio zu tun, insbesondere, wenn im Unterschied zu Bartok nur einzelne Phrasen Rhythmik vorgeben? Drei auf "Round About Federico Mompou" oft parallel beschrittene Wege der Annäherung zeichnen sich ab: Subtile Arrangements für Geige, Klavier und Bass – ganz nahe an den Originalthemen. In den "Fantasien" ein viel freierer Umgang, der oft nur bestimmte Motive anvisiert. Und schließlich die jazztypische Verwendung als Vehikel für Improvisationen über "Mompou-Changes", gelegentlich mit treibendem Walking-Bass.
Wer mit dem bemerkenswertesten katalanischen Komponisten noch nicht vertraut ist, lernt so acht Miniaturen aus Mompous Opus Magnum, dem Zyklus "Musica Callada" (1959 bis 1967), ganz im Geist des Komponisten kennen. Und er erlebt die subtil-lustvolle Aneignung durch Improvisatoren, die sich manchen Befreiungsschlag gegen den verinnerlicht-balladenhaften Grundcharakter der Mompou-Werke erlauben. Respekt und inspirierte Spiellaune bestimmen gleichermaßen die Herangehensweise dieses nicht nur von der Besetzung her unkonventionellen Trios, das entscheidende Impulse für seinen kammermusikalischen Jazz aus der europäischen Klassik bezieht.
Richie Beirach, 1947 in Brooklyn geboren, zählt nicht nur zu den kreativsten Improvisatoren der Jazzszene, sondern auch zu ihren besten Lehrern. So lernte er auch den 20 Jahre jüngeren Stuttgarter Gregor Huebner kennen, der zufällig seine Geige zum Klavierunterricht mitbrachte – und prompt von Beirach dazu "angestiftet" wurde, über Bartók zu improvisieren. Mit George Mraz, 1944 im tschechischen Pisek geboren und als von Kollegen besonders geschätzter Bassist in den USA lebend, spielt der Pianist schon seit mehr als 30 Jahren zusammen.
Drei Virtuosen des freien Umgangs mit musikalischen Vorgaben stoßen hier auf einen bis ins kleinste Detail an seinen Miniaturen feilenden Komponisten, dem alles Virtuose ausdrücklich fremd war. Das konnte nur gut gehen, weil ihnen als Jazzmusikern gelingt, was Beirach so sehr an Alicia de Larrochas klassischen Mompou-Interpretationen schätzt: nicht analytisch zu spielen, sondern "absolutely natural" – als hätten ihre Mütter sie mit der "Musica Callada" in den Schlaf gesungen.