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Ramón Valle
Piano Works IV: Memorias

Piano Works Iv: Memorias
Piano Works Iv: Memorias

Produktinformationen

Besetzung

Ramón Valle - piano


Aufnahmedetails

Recorded, Mixed and Mastered by Adrian von Ripka at Bauer Studios, Ludwigsburg on May 10 - 11, 2005
Produced by Siegfried Loch


Die Sogkraft der atmosphärischen Schönheit: Pianist Ramón Valle mit der Solo-CD "Memorias"

Dass das Jazz-Spiel auf dem Solo-Klavier gelegentlich mit großer Erzählkunst verglichen wird, dürfte dem Hörer dieser CD mit Sicherheit sofort einleuchten. Die Kunst, mit Formulierungen – oder hier: musikalischen Phrasen – gefangen zu nehmen, mit kleinen Details einer Geschichte – oder rhythmischen und melodischen Einsprengseln – für Farbenvielfalt zu sorgen, und die Gabe, schier soghaft in eine eigene Welt zu entführen – dort mit der Story, hier mit bezwingender atmosphärischer Geschlossenheit -, das alles findet man in den faszinierenden Aufnahmen des kubanischen Pianisten Ramón Valle wieder. "Memorias" nennt Valle diese Solo-CD mit zwölf Stücken, denen eine aufregende rhetorische Kraft und Stimmungsdichte eigen ist. Ramón Valle beherrscht es, den Hörer zu packen und nicht mehr loszulassen – und das wird in dieser Solo-CD noch deutlicher als in den von Kritikern und Publikum bereits begeistert aufgenommenen Trio-CDs, die Valle in früheren Jahren bei ACT veröffentlicht hat ("Danza Negra", ACT 9404-2, und "No Escape", ACT 9424-2).

Der 1964 geborene, seit 1998 in Holland lebende Ramón Valle ist nicht nur ein brillanter Techniker mit makellosem Anschlag und der Fähigkeit zu ganz feinen Klangnuancen – er ist auch Vollblutmusiker, der gewissermaßen sein Herz und seine Seele offen auf die Tasten zu breiten versteht. Das Außergewöhnliche gerade bei dieser Art zu musizieren: Süßlich oder emotional dick aufgetragen ist kein einziger Ton von ihm. Selten klingt Jazz-Klavier so warm und dabei so frei von Parfum. Besonders "authentisch" könnte man Valles Spiel nennen. Er hat einen ausgeprägten Personalstil, der mit gelassener Selbstverständlichkeit herüberkommt – und er beherrscht den schlanken, nie ins Beliebige abgleitenden Umgang mit musikalischer Schönheit. Oder auch: Er kann es wagen, "schön" zu spielen, weil er weiß, dass ihm das Schöne nie ins Kitschige driftet.

Valles Haltung als kubanischer Musiker hat er selbst einmal mit den Worten auf den Punkt gebracht, dass er nicht zu hundert Prozent typisch kubanisch klingen wolle, sondern einfach zu hundert Prozent typisch nach sich. Kein Latin Jazz nach Klischeeformat also ist sein Ziel. Das wird auch in Valles Klavier-Solostücken klar: keine duftigen Spielereien im Diskant, kein demonstratives Ausspielen rhythmischer Trümpfe; Valle findet die kubanische Identität sozusagen zwischen den Zeilen seines eigenen Stils. Brillant und von lyrischer und melodischer Geschmeidigkeit ist sein Klavierspiel, und rhythmische Prägnanz ist immer mindestens in der Grundierung spürbar – aber das ist innerer Bestandteil von Valles kompaktem, persönlichem Stil, nie äußerer Effekt.

Von den zwölf Stücken dieser CD sind sechs Eigenkompositionen des Pianisten, die sechs anderen – die regelmäßig mit den eigenen wechseln – stammen von dem großen kubanischen Komponisten Ernesto Lecuona (1895 bis 1963). Lecuona, ein Klaviervirtuose, der für Kuba etwa das war, was Duke Ellington für die amerikanische Kultur darstellte, hinterließ unter anderem 176 Soloklavier-Stücke, 406 Lieder und 37 Orchesterwerke, einige seiner Melodien, wie etwa "Andalucía" und "Siempre En Mi Corazón" gehören zu den einprägsamsten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt. Ernesto Lecuona widmete Ramón Valle 2002 seine ACT-CD "Danza Negra". Und es ist kein Zufall, dass die Hälfte der hier vorliegenden Solo-Stücke von Lecuona stammt, dass Ramón Valle also seine eigenen Stücke gewissermaßen an Vorbildern aus der Feder Lecuonas spiegelt.

Mit Lecuonas "Andalucía" beginnt dieses Album, und die melodische Prägnanz und Anmut, die damit vorgegeben sind, ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Aufnahmen - wobei Valle in seinen eigenen Kompositionen einen subtilen Schritt weiter geht: Manchmal harmonisch und rhythmisch mit ganz feinen Mitteln avancierter, manchmal aber auch bluesiger, spürbar von einer weiter ausgreifenden Jazzgeschichte angehaucht, und zuweilen witzig-verspielter sind Valles Originale, wie etwa "Andar por dentro" (das schon in Trio-Version auf "No Escape" enthalten ist und das hier ganz neue Saiten erkennen lässt) , das innige Glanzstück "Free at Last" oder das zusätzlich mit einem Titel-Wortspiel gewürzte Stück "Son – a – Tina".