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Rainer Böhm
Berlin - New York

Rainer Böhm - ©ACT / Joachim Gern
Rainer Böhm - ©ACT / Joachim Gern
Ben Kraef - ©ACT / Joachim Gern
Ben Kraef - ©ACT / Joachim Gern

Produktinformationen

Besetzung

Ben Kraef / tenor saxophone
Rainer Böhm / piano
John Patitucci / bass
Marcus Gilmore / drums


Aufnahmedetails

Produced by Ben Kraef

Recorded by Joe Marciano and Max Ross at Systems Two Studio, Brooklyn/ NYC on April 7, 2010.
Mixed and mastered by Mike Marciano on May 19, 2010/ January 28, 2011.


In den vergangenen Jahren war nicht nur viel vom eigenständigen europäischen Jazz die Rede, es wurde mitunter sogar ein Gegensatz zwischen Europa und den USA konstruiert. In Wahrheit ist es nach wie vor der Wunsch der meisten jungen deutschen Jazzer, etwa an der Berklee School of Music in Boston, der Juilliard School in New York oder anderen renommierten Jazz-Kaderschmiede lernen zu können und zumindest eine Zeit lang in den USA zu spielen. „Wenn du es in New York schaffst, schaffst du es überall“ lautet ein Sprichwort unter Jazzmusikern, das auch heute noch der Ansporn für eine Karriere im Big Apple ist. Umgekehrt haben sich viele amerikanische Jazzer verstärkt nach Europa orientiert und bereichern die Jazzszene auch diesseits des großen Teiches. Man denke nur an Dexter Gordon oder Chet Baker, die einen wichtigen Teil ihrer Karriere in Europa verbrachten, oder an den Pianisten Vijay Iyer, der exklusiver ACT-Künstler wurde. Und der New Yorker Gitarrist Kurt Rosenwinkel wirkt aktuell als Musikprofessor in Berlin. Synergie statt Konkurrenz - Globalisierung und Migration prägen beiderseits des Atlantiks den modernen Jazz.

„Berlin - New York“ bezieht sich auf die Achse zweier pulsierender Energiequellen des Jazz, rund 6.400 Kilometer voneinander entfernt. Diese „transatlantischen Beziehungen“ sind gewissermaßen das Generalthema des ACT-Debüts von Ben Kraef. Der Berliner Saxophonist mit montenegrinischen Wurzeln durchlief einen für deutsche Jazztalente typischen Weg: Über die lokale Förderung gelangte er ins Bundesjugendjazzorchester (Bujazzo) und bekam einen Studienplatz an der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin. Wettbewerbssiege beim Biberacher Jazzpreis, dem „Concours International de Jazz de Fribourg“ und dem Yamaha Saxophone Contest noch vor seinem Hochschulabschluss 2007 belegten seine herausragenden Fähigkeiten, und so erhielt er ein DAAD-Stipendium für das City College in New York. Dort gewann er als herausragender Schüler prompt die „Billie Stoller Scholarship“ und ist nun auch nach seinem Master Degree 2009 ein gefragtes Mitglied der New Yorker Szene, der mit Stars wie Lalo Schifrin, Herb Geller oder Lonnie Plaxico arbeitete und arbeitet. Zugleich aber hielt er die Verbindung in seine Heimat und spielte sogar mit Popgruppen wie „Wir sind Helden“ und Joy Denalane.

„Berlin – New York“ ist nun eine Art Quersumme seiner Erfahrungen. Das amerikanische und das europäische Element hält sich in Kraefs Quartett schon personell die Waage. Am Flügel sitzt der 33-jährige Ravensburger Rainer Böhm, ein gleichfalls schon in jungen Jahren hoch dekorierter, europäisch geprägter Modern Jazz-Melodiker und Anschlagsmagier mit romantischer Ader, der in einer Vielzahl von Projekten als herausragender Solist wie als sensibler Begleiter hervorgetreten und aktueller Jazz-Preisträger des Landes Baden-Württemberg ist. Wie Kraef kam Böhm 2007 mit einem DAAD-Stipendium nach New York, er ans Queens College.

Kraef und Böhm treffen auf zwei herausragende „echte“ New Yorker aus zwei Generationen: Der 1959 in Brooklyn geboren Bassist John Patitucci gehört als Sideman von Legenden wie Chick Corea, Wayne Shorter, Herbie Hancock oder Michael Brecker selbst zu den Ikonen des Modern Jazz. Er hat sich aber auch - zumal er lange als Studiomusiker in Los Angeles arbeitete - zugleich die Offenheit für anspruchsvollen Pop bewahrt und wurde so einer der gefragtesten Begleiter von Größen wie Bonnie Raitt, B.B. King, Natalie Cole, Bon Jovi, Queen Latifah, Sting oder Carly Simon. Mit einer ähnlichen Vielzahl von Stars spielte bereits auch Drummer Marcus Gilmore, obwohl er erst 23 ist. Er gehört zur neuen Riege junger amerikanischer Schlagzeuger, die unbestechliches Timing, perfekte Technik und kontinuierlichen Groove selbst in polyrhythmischen Passagen mit einem fast melodischen Sound verbinden können. Am bekanntesten ist er aktuell wohl als Schlagzeuger von Gonzalo Rubalcaba und Mitglied des Vijay Iyer Trios.

Überraschend oder nicht: Das Ergebnis dieser deutsch-amerikanischen Freundschaft ist purer Jazz, wie er in dieser Reinheit und Klarheit nur mehr selten zu hören ist. Kompositorisch wie von Ton her folgt Kraef einmal nicht der übermächtigen expressiven Coltrane-Schule, sondern der selten gewordenen, bluesigeren Tradition eines Sonny Rollins, wenn auch mit einer eigenen Lyrik und manchmal mit der Wärme eines Ben Webster.

Ein großstädtischer, universaler Modern Swing und Post Bop entsteht hier, der den individuellen Ausdruck aller vier Musiker transportiert. Ein perfektes Beispiel ist „Willie B.“, ein Stück im klassischen Hardbop-Gewand, in das ganz unterschwellig impressionistische Solo von Böhm einschleicht. Kraef lässt in seinen neun Kompositionen - dazu gesellt sich zum Abschluss eine famose Variante von John Barrys James-Bond-Titelsong „You Only Live Twice“ - ausgiebig die amerikanische Klangwelt aufleben, von klassischen oder modalen Balladen („For Spring To Come“ oder „Dayfly“) bis zu federnd swingende bis groovende Uptempo-Nummern wie „Skystepper“ oder „Mama ‚n‘ em“, vom Blues („Flutterbyes“) bis zum Soul („Joe Blow“).

So ist Ben Kraefs „Berlin - New York“ ein herausragendes Beispiel für den traditionsbewussten, das amerikanische Erbe neu aufarbeitenden Ast des jungen deutschen Jazzbaums. Und damit ein logischer Beitrag zur ACT-Reihe „Young German Jazz“:

Mit der Serie „Young German Jazz“ hat ACT seit dem Jahr 2005 auf die wachsende Zahl einheimischer Jazztalente reagiert, die einen eigenen Weg gehen. Ihnen eine faire Chance im internationalen Vergleich und einen festen Platz im Programm zu geben, hat Schule gemacht - nicht zuletzt dank der Erfolge junger deutscher ACT-Künstler: Die „krasse“ Kombination von Jazz und Heavy Metal durch Jan Zehrfelds „Panzerballett“ etwa hat sich ein Publikum weit über Jazzenthusiasten hinaus erschlossen. Mit dem Trompeter Matthias Schriefl, dem Sänger Michael Schiefel oder den Jazz-Brüdern Julian & Roman Wasserfuhr präsentierten sich junge Wilde, die heute zu den nationalen Aushängeschildern gehören. Und mit Michael Wollny und dem Trio [em] fand man gleich zum Start der Reihe, die jungen deutschen Jazzer, die sogar den internationalen Durchbruch schafften. Wer sich in deutschen Landen umschaut weiß, dass weitere Erfolgsgeschichten folgen werden: Schöne Aussichten – Young German Jazz.