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Paolo Fresu
Sonos ‘E Memoria

Sonos ‘E Memoria
Sonos ‘E Memoria

Produktinformationen

Besetzung

Paolo Fresu - trumpet & fluegelhorn
Furio di Castri - bass, multieffects
Elena Ledda - vocals
Luigi Lai - launeddas
Mauro Palmas - mandola
Antonello Salis - accordion
Federico Sanesi - percussion
Carlo Cabiddu - violoncello
Coro ''Su Concordu ‘e su Rosariu'' di Santulussurgiu - Voices:
Mario Corona - sa contra
Giovanni Ardu - su bassu
Antonio Migheli - sa ‘oghe
Roberto Iriu - su contraltu


Aufnahmedetails

Recorded LIVE at Teatro Comunale di Cagliari and Teatro Verdi di Sassari, April 29 - 30 1996
Engineered by Michele Palmas at Bunker Studio Mobile, Cagliari
Mixed by Marti Jane Robertson at the Medastudio - L'isola, Milano, January 7 - 9, 2001
Mastered by Claudio Giussani at the Nautilus Mastering, Milano, January 23, 2001
Produced by Gianfranco Cabiddu


Sardinien wird immer noch eher mit dem Bandenunwesen von dereinst als mit innovativer oder auch nur interessanter Musik in Verbindung gebracht. Dabei hat die Mittelmeerinsel sehr viel mehr zu bieten als "nur" den polyphonen Gesang der Tenores. Die Musik Sardiniens hat mit den Launeddas eines der ältesten Instrumente Europas aufzubieten, das sich im Laufe der letzten 2000 Jahre kaum verändert hat. Noch immer wirft die Kultur der Insel Rätsel auf, die sardische Sprache mit ihren drei grundverschiedenen Dialekten (die Sarden reden gar von drei verschiedenen Sprachen) unterscheidet sich grundlegend vom Italienischen und im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Sardinien zu einer Schnittstelle zwischen Europa und Nordafrika, zwischen dem westlichen und östlichen Mittelmeer. Aber musikalisch ist die Insel mit der reichen (und oftmals fast in Vergessenheit geratenen) Kultur ein nahezu unbeschriebenes Blatt.
"Ich hatte die Musik nicht vergessen, aber es gab noch keine wirklich gute moderne Version davon, die nicht ins Klischee verfällt oder glättet. Ich wollte sowohl der reichen Tradition gerecht werden als auch die Modernität unserer Musik aufzeigen", sagt Paolo Fresu zu diesem Projekt. Es ist keine fiktive Folklore, kein Jazz, keine Klassik, keine traditionelle oder Weltmusik – es ist einfach sardische Musik von sardischen Musikern.
Entstanden ist die Idee durch die Arbeit des in Rom lebenden Regisseurs Gianfranco Cabbidu. Als er vor etwa 8 Jahren für die Vorbereitung seines Films "Die Kinder Bakunins" nach altem Filmmaterial recherchierte, wurde er bald fündig und war überrascht von der Fülle des Materials aus den 30er bis 50er Jahren, die eine auch für ihn als Sarden nahezu vergessene Welt widerspiegelten. Liebevoll restaurierte er dieses Material und bald schon hatte sich die Idee entwickelt, es auch zu einer Art Dokumentation zusammenzufassen. Und was lag näher, als diese Aufnahmen aus der Zeit des Stummfilms wie früher auch durch Musiker live auf der Bühne begleiten zu lassen? Die Idee, einen Musiker wie Paolo Fresu mit dieser Aufgabe zu bedenken, war für den früheren Hobbyjazzer Cabiddu nur eine logische. Die Basis für "Sonos e memoria – Klänge und Erinnerungen" war gelegt.
"In der Musik wollte ich nicht die traditionelle Seite Sardiniens zeigen. Diese zeigen die Bilder. Ich wollte dem nachspüren, was von der traditionellen Musik noch heute aktuell und relevant ist. Wir zeigen, was sich aus der Tradition bis heute entwickelt hat." (Paolo Fresu) Wie vielfältig diese Musik ist, zeigt der erste Teil des Projektes, in dem die beteiligten Musiker einzeln ihre Sicht auf die sardische Musik darstellen. Elena Ledda, die ungekrönte Königin der sardischen Folkmusik, eröffnet diesen Teil mit ihrer Gruppe Sonos. In der Weltmusikszene ist sie eine konstante Größe und nicht nur, weil sie als einzige Frau den typischen (und den Männern vorbehaltenen) Canto a tenores beherrscht, den polyphonen Gesang Sardiniens. Seit rund 15 Jahren, seit dem Treffen mit der Gruppe Sonos um Mauro Palmas, bemüht sie sich um eine zeitgemäße Interpretation der sardischen traditionellen Musik. Der Akkordeonist Antonello Salis dagegen ging andere Wege. Er machte sich an der Seite von Musikern wie Richard Galliano einen exzellenten Namen und Kollegen wie Paolo Fresu schwärmen, er könne einfach alles spielen ob nun Tango, Klassik, Jazz oder traditionelle Musik.
Der Chor "Su concurdu ‘e su Rosariu" aus Santulussurgiu dagegen kommt nur zu Feierlichkeiten und zu anderen Auftritten zusammen, gehen die Sänger doch ansonsten ihren normalen (nicht-musikalischen!) Berufen nach.
Und dann natürlich Paolo Fresu, in Paris lebender (sardischer) Trompeter. Er, der sich als einer der wenigen italienischen Jazzer in der ersten Liga des Jazz etablieren konnte, ist in seiner stilistischen Vielfältigkeit kaum zu fassen. Wenn ihn etwas kennzeichent, dann nur die ständige Suche nach neuem Terrain.
Langsam und fast unmerklich fügen sich die ersten Teile zusammen, verschmelzen die musikalischen Visionen, bis dann das Licht im Saal ausgeht und auf der Bildfläche der Film zu sehen ist. Bilder von der Arbeit in den Kohlebergwerken Sardiniens, die Arbeit auf dem Feld, die vor knapp hundert Jahren sich kaum von der Verrichtung vor zwei, drei oder mehr Jahrhunderten unterschieden haben dürfte, die Feste im Dorf, die Jagd, das Pferderennen und zum Schluß der neugierige Blick einiger junger Mädchen in die Kamera – ein Blick voller Unschuld, voller Neugier auf die Zeiten, die da kommen sollen.
Ein Blick auf eine bis dahin noch weitgehend unbekannte Technik, die das gerade auf Zelluloid gebannte Leben bald grundlegend verändern wird. Die Musik greift diesen Faden auf, spinnt ihn weiter und schafft die Verbindung zwischen der Vergangenheit und dem Heute – weit fernab jeglicher Nostalgie.
Davon zeugt auch der große internationale Erfolg, auf den das Projekt schon verweisen kann. Auftritte brachten die Musiker nicht nur durch halb Italien, Frankreich und Spanien, sondern auch bis nach Argentinien und Brasilien. Gelegentlich werden sie dabei auch von Gästen wie z.B. Nguyen Le unterstützt. Und obwohl dieses sicherlich einmalige Projekt schon seit ca. 6 Jahren immer wieder zur Aufführung kommt, so ist doch beinahe jeder Auftritt eine neue Premiere, eine neues Fest der Musik und auch der Wiedersehensfreude, denn außerhalb der gemeinsamen Auftritte sehen sich die Musiker kaum. So ist dieses Album auch ein Zeugnis eines seltenen Momentes, den die Musiker auf der Bühne mit ihrem Publikum teilen, ein Zeugnis auch einer lebendigen Kultur, die auf dem Weg in das gemeinsame Europa nach ihren ureigenen kulturellen Wurzeln weit abseits ausgetretener musikalischer Pfade im Heute sucht.