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Nils Landgren
Paint It Blue

Nils Landgren - ©ACT / Sebastian Hartz
Nils Landgren - ©ACT / Sebastian Hartz
Nils Landgren, Rolf Rose - ©ACT / Sebastian Hartz
Nils Landgren, Rolf Rose - ©ACT / Sebastian Hartz

Produktinformationen

Besetzung

The Funk Unit:
Nils Landgren - tb
Per Ruskträsk Johansson - sax
Henrik Janson - git
Esbjörn Svensson - keyboards
Magnum Coltrane Price - vocals, synth
Lars DK Danielsson - fender bass

plus:
Bernard Purdie - dr / Michael Brecker - ts
Randy Brecker - tp /Airto Moreira - perc
Till Brönner - tp / Marcio Doctor - perc
Steffen Schorn - bcl


Aufnahmedetails

Recorded by Geoffrey Peacey at Peer Studios, Hamburg,
May 1996
Produced by Anselm Kluge and Nils Landgren


A TRIBUTE TO CANNONBALL ADDERLEY.

Was ist Funk? Funk ist Soul mit den Mitteln des Jazz: Die Grenzen zwischen Gottesdienst und Party sind fließend.

Die Platte PAINT IT BLUE ist dem Mann gewidmet, der für viele noch heute die Lichtgestalt an der Quelle des Genres verkörpert: Julian Edwin "Cannonball" Adderley (1928-1975). Er hat den Funk vielleicht nicht erfunden. Aber seine Spielweise, die der Mitspieler in seinem Quintett in den 60er Jahren, die attitude des Altsaxophonisten, sein Humor, seine große Musikalität und seine Liebe zum Publikum ließen ihn wie sonst nur Horace Silver zum Synonym für Funk werden.

NILS LANDGREN, Jahrgang 1956, wuchs auf zwischen der Musik seines Vaters, einem Jazz-Kornettisten, und der Musik seines Großvatern, einem Pastor auf der Insel Gotland. Cannonball Adderley hörte er zum ersten Mal auf Kind Of Blue, der vielleicht bewegendsten Platte, die Miles Davis je aufgenommen hat. Dort, im Miles Davis Sextett Ende der 50er Jahre, waren sie alle beisammen: "Miles, der Meister der Schönheit. Coltrane, der Meister des Klangs. Und Cannonball Adderley, der Meister des Funk", schreibt Nils Landgren in den Liner notes zu Paint It Blue. Von nun an besorgte er sich, was immer er von Cannonball kriegen konnte. Live erlebt hat Landgren den verehrten Meister nie. "Doch ohne die Seele von Cannonball wäre es nie dazu gekommen, daß ich Jahre später meine Band Funk Unit gründen würde", schreibt er. Ist es Zufall, daß diese Band ihren bislang größten Erfolg ausgerechnet mit einem schwarzen Altsaxophonisten als Gast hatte, mit Maceo Parker? (auf ACT 9223-2)

Wer Cannonball Adderleys Aufnahmen heute hört, dem wird die enorme Lebendigkeit und Frische seiner Musik deutlich. So einer braucht kein Museum, und darum ist Paint It Blue, Nils Landgrens zweite Funk Unit Produktion für ACT, auch eher eine Liebeserklärung an den Spirit des Funk à la Cannonball als eine musikalische Ehrenbezeugung vor einem toten Idol. Nils Landgren hat Cannonball weitergedacht, weitergespielt, weitergesponnen. Sieben der zwölf Stücke sind Eigenkompositionen, und, was noch wichtiger ist, auch die berühmten Adderley-Nummern wie Walk Tall oder Mercy, Mercy, Mercy  klingen bei aller Liebe zum Original in jedem Takt nach heute. Bruchlos fügt Nils Landgren Rap-Elemente des 27jährigen MAGNUM COLTRANE PRICE ein. Der Autodidakt singt von Hip Hop bis Rhythm’n’Blues alles, was gut und schwarz ist, außerdem spielt er eine Vielzahl von Instrumenten. Die übrigen Textbeiträge stammen bis auf einen von Adderley selbst. Landgren hat Cannonballs Ansagen bei Live-Konzerten in die eigenen Bearbeitungen hineingeschnitten, so daß der Zeitsprung zwischen Original und Bearbeitung wie aufgehoben scheint. Ein wirkungsvoller Kunstgriff, der den geehrten Musiker buchstäblich in die Funk Unit des Nils Landgren mit hineinnimmt.

Wer Cannonball Adderley sagt, muß auch Nat Adderley sagen. Die Idee, das nach den Adderleys bedeutendste Brüderpaar des Jazz als Gast für Paint It Blue zu gewinnen, lag nahe: schließlich hatten sich RANDY und MICHAEL BRECKER bereits in den späten 70er Jahren mit dem hochenergetischen Funk-Jazzrock der Brecker Brothers als junge, wilde und gerade darum würdige Erben der Adderleys erwiesen. Beide solieren in Landgrens Stück You Dig.

Den ebenso noblen wie zwingenden Groove liefert der Schlagzeuger BERNARD PURDIE, Sideman unzähliger Soul-Größen, den ACT im Spätsommer 1996 mit einer stilistisch verwandten Produktion ein wenig stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt hat (Soul To Jazz ACT 9242-2, ebenfalls u.a. mit den Brecker Brothers und Nils Landgren). AIRTO MOREIRA verdankt ebenso wie Cannonball Adderley wichtige Impulse seiner Zeit bei Miles Davis.

NILS LANDGREN, der Mann mit der roten Posaune und dem blau angemalten Overall, der Ideengeber und Tributzoller, bündelt hier die Vielfalt seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Seine bewegte musikalische Vita vermittelt davon eine Ahnung. Mit sechs Jahren schon spielte er Schlagzeug – nicht der schlechteste Beginn für eine Karriere als Funk-Musiker. Sieben Jahre später wechselte Landgren zur Posaune, und nach einem Musikstudium zog er mit 23 nach Stockholm. Lehrjahre bei Jazz- und Rockbands sowie im Theater folgten, bis er 1981 erster Posaunist in der Bigband von Thad Jones wurde. Seine erste Unit gründete er 1983, ein Jahr später erschien sein Plattendebüt unter eigenem Namen, Planet Rock.. Seit 1991 ist Nils Landgren Stammgast des Ostsee-Jazzfestivals Jazz Baltica; als einziger Musiker war er Mitglied in jedem der JazzBaltica-Ensembles, die von Jahr zu Jahr in ihrer Zusammensetzung wechseln. International hat er mit so unterschiedlichen Künstlern wie Marcus Miller und Kenny Wheeler, Abba und Herbie Hancock, den Crusaders und David Murray gespielt – to name a few.

Paint It Blue ist Nils Landgrens bislang wohl aufwendigste, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch beste Platte. Landgren spielt cool und geschmeidig, mit Wärme, Temperament und Überlegung. Sein Sound verbindet sich ganz organisch mit allem, womit er sich hier umgibt. Die Platte klingt, als seien die Aufnahmen dazu für alle Beteiligten die reine Freude gewesen. Nils Landgren verfügt über die Voraussetzung für serious fun, die Gabe intelligenter Heiterkeit.