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Nils Landgren
New Eyes On Martin Luther

Produktinformationen

Besetzung

Nils Landgren / trombone & vocals
Jeanette Köhn / soprano
Magnus Lindgren / clarinet & flute
Eva Kruse / bass
Johan Norberg / guitar


Capella de la Torre
directed by Katharina Bäuml:

Birgit Bahr / alto shawn
Regina Hahnke / dulcian
Falko Munkwitz / sackbut
Marthe Perl / violone
Peter A. Bauer / percussion
Johannes Vogt / lute & theorbo
Martina Fiedler / organ
Katharina Bäuml / shawm


Knabenchor Hannover

Jörg Breiding / conductor


Aufnahmedetails

Recorded live in concert at Landesfunkhaus Niedersachsen, Hannover
Großer Sendesaal, October 29 & 30, 2016

NDR staff:
Rita Hermeyer / sound engineer
Martin Lohmann / audio engineer
Meike Kloiber / FOH
NDR Kultur 2016 production, licensed from Studio Hamburg Enterprises GmbH

CD mixed and mastered by Klaus Scheuermann

Artwork © Uwe Kowski, Rückenwind, 2013
courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin


Mit dem Wort hat Martin Luther die Welt verändert. Mit seinen 95 Thesen, die er an die Wittenberger Kirchentür nagelte, vor allem aber mit seiner Übersetzung der heiligen Schrift ins Deutsche, der „Lutherbibel“. Die war nicht nur für das religiöse Leben folgenreich, sondern auch für das moderne Deutsch: Zahllose Ausdrücke und Redewendungen gehen auf Luther zurück, ob man nun Feuer und Flamme ist, Gewissensbisse hat, im Dunkeln tappt, aus der Reihe tanzt, mit dem Kopf durch die Wand will oder etwas ausposaunt. Beim letzten Begriff kommt auch die Musik ins Spiel, die eine wichtigere Rolle bei Luthers Wirken spielt als viele glauben: „Die Lieder Luthers haben mehr Seelen als seine Reden und Schriften getötet“, konstatierte bereits 1620 der sozusagen gegnerische Jesuit Adam Contzen. Die von Luther geschriebenen und gesammelten „Volkslieder“, die in der Tat dem „Volk aufs Maul“ schauten, gehörten zu den stärksten Motoren der Reformation. Grund genug, zum Lutherjahr und 500. Jahrestag der Reformation einen neuen Blick auch auf diese Musik und ihr Vermächtnis zu werfen. „New Eyes on Martin Luther“ unternimmt genau dies und sucht dabei die gewissermaßen ökumenische Verbindung der verschiedensten Musiker aus Klassik und Jazz.

Als von Anfang an der Kreativität der Künstler mehr als Stil- oder Genregrenzen verpflichtetes Label hat ACT eine lange Tradition solcher Projekte. Im Bach-Jahr 2013 etwa begab sich Starposaunist und Alleskönner Nils Landgren zusammen mit der Sopranistin Jeanette Köhn und mit den „friends“ Magnus Lindgren an Klarinette und Flöte, Eva Kruse am Bass und Johan Norberg an der Gitarre, die ihn seit jeher auch auf seinen weltmusikalisch offenen „Christmas with my Friends“-Touren begleiten, auf die Suche nach den modernen, jazzigen Aspekten der Barockmusik: „New Eyes On Baroque“ hieß das umjubelte Ergebnis. Nun stellen Köhn, Landgren und Co. die jazzige Komponente der Wiederbegegnung mit der Musik aus Luthers Zeit.

Auf der klassischen Seite findet sich einmal die von Katharina Bäuml an der Schalmei geleitete „Capella de la Torre“, ein seit zehn Jahren bestehendes, auf historischen Instrumenten musizierendes Ensemble, das sich mit bislang über 20 CD-Einspielungen auf die Musik der Renaissance spezialisiert hat und für das Projekt „Water Music“ im vergangenen Jahr den ECHO Klassik als „Ensemble des Jahres“ verliehen bekam.

Fehlt für die Musik Luthers natürlich noch der Chor: Komplett macht „New Eyes on Martin Luther“ der Knabenchor Hannover, einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs, der bereits auf der ganzen Welt auftrat und ebenfalls bereits mehrfach mit dem ECHO Klassik dekoriert wurde. Seit 16 Jahren wird er von Jörg Breiding geleitet, dem hier nun auch die Aufgabe zufiel, diese drei aus so unterschiedlichen Richtungen kommenden Ensembles zu dirigieren, zu arrangieren und zu einer Einheit zu verschmelzen.

Wie das in Kooperation mit dem NDR live mitgeschnittene Ergebnis zeigt, gelang dies hervorragend: Mit großem Respekt vor dem historischen Material und dem Mut, es in die Gegenwart zu holen. Breiding und die drei Ensembles verließen sich ganz auf die zeitlose Schönheit der Originale, tasteten sie zunächst kaum an, etwa bei der instrumentalen und der Chor-Version von „Verleih uns Frieden“ oder „Gott heilger Geist, Herre Gott“. Schon die von allen gemeinsam gespielte Version von „Verleih uns Frieden“ erhält durch die wuchtige Besetzung eine fast sinfonische Kraft. Die nächsten Lieder wie „Aliot Nouvelle“ oder „Tanzen und Springen“ bekommen dann eine weltmusikalische Färbung – speist sich die moderne Weltmusik doch oft aus der Wiederentdeckung der Volksmusik. Ab hier kommt die Improvisation ins Spiel, oft als kontrapunktische Umrahmung des Gesangs. Und selbst wenn man sich dabei nach und nach immer stärker von den Vorlagen löst - vom stark synkopierten und mit Blue Notes umgarnten „In Dir ist Freude“ über den Gitarrenblues und Posaunen-Bebop eines „Passamezzo“ oder die an die „Swingle Singers“ erinnernde Variante von „Kein schöner Land in dieser Zeit“ bis zum in eine hymnische Jazz-Ballade verwandelten „Die Gedanken sind frei“ – bleibt der Kern der Musik unangetastet, ja er wird eher herausgeschält.

Ein Blick auf Martin Luther, der Musikgeschichte lebendig und aktuell macht, ganz im Sinne des Liedes, das den Tenor des ganzen Projektes vorgeben könnte: „In Dir ist Freude“.