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Michael Wollny
Piano Works VII: Hexentanz

Piano Works VII: Hexentanz
Piano Works VII: Hexentanz

Produktinformationen

Besetzung

Michael Wollny - piano


Aufnahmedetails

Recorded and mixed by Walter Quintus at Studio Zerkall in August and November 2006, except (2),(3),(4),(5),(14) recorded and mixed by Adrian von Ripka at  Bauer Studios Ludwigsburg in May 2005
Produced by Siegried Loch and Michael Wollny


Die dunkle Saite
Hexentanz – das ACT-Soloalbum von Klavier-Jungstar Michael Wollny mit einer „Gothic Music“ von enormer Sogkraft
Was hat Jazz mit Mary Shelleys „Frankenstein“ zu tun? Normalerweise nicht so viel, aber in diesem Fall gibt es spannende Berührungspunkte. Michael Wollny bezeichnet die Musik dieses Albums als “Gothic Music” - und spielt dabei auf den Begriff der "Gothic Novel" an, zu deutsch: Schauerroman. Eine persönliche und farbenreiche Klangsprache, in deren Universum die Filme eines Ken Russell oder Vincent Price ebenso ihren Platz haben wie die ambivalente Klangwelt von Franz Schubert und die tiefgründigen Popsongs von Björk. Nicht etwa mit vordergründigen Grusel-Effekten hat das also zu tun, sondern es geht um die erweiterte Dimension des Schauerns. Um die Gänsehaut im Zwielicht. Und vor allem: um fesselnde Klaviermusik.

Genau die erwartet man natürlich vom jungen Star des deutschen Jazzklaviers. Kaum ein Jazzmusiker seiner Generation hat in den letzten zwei Jahren ein solches Echo in der Fachwelt ausgelöst. Einen „Senkrechtstarter“ nannte ihn „Die Welt“, getoppt noch von der „Financial Times Deutschland“, die Wollny als „Komet der deutschen Jazzszene“ titulierte. Nicht von ungefähr war die CD Call it [em] (ACT 9650-2) seines Trios im Januar 2005 der glänzende Auftakt der eminent erfolgreichen ACT-Reihe „Young German Jazz“. Seine Duo-Aufnahmen mit der 46 Jahre älteren deutschen Saxophon-Ikone Heinz Sauer (Melancholia ACT 9433-2 und Certain Beauty ACT 9442-2) gewannen wichtige Schallplattenpreise nicht nur in Deutschland. „Großen europäischen Jazz“ hörten andere Kritiker in seinen Aufnahmen – und alle sind sich einig, dass hier ein Musiker hohe technische Brillanz mit einem ganz großen, bereits stark ausgeprägten musikalischen Horizont verbindet. Ein Musiker mit packender Ausdruckskraft. Einer, der mit jeder Faser in der ästhetischen Komplexität der heutigen Welt schwingt. Einer, der musikalische Traditionen von Bach bis Cage und Tatum bis Taylor (in letzterem Fall von John bis Cecil) kennt und jederzeit abrufen kann. Der ohne jede Verkrampfung in und außerhalb der Tonalität Musik schöpft – und in und außerhalb der herkömmlichen Welt des Jazz. Bei Michael Wollny ergibt sich so ein ganz eigener Klang-Kosmos – einer, in dem sich so nur ein Musiker einer Generation bewegt, die zum Beispiel mit Björk, Jarrett und Ligeti gleichermaßen aufgewachsen ist.

Zum ersten Mal mit der Frage nach einem Solo-Projekt konfrontiert, zog sich Michael Wollny für einen Monat lang auf die Insel Gotland zurück, hörte dort viel Schubert, Steve Reich, Björk und Musik des von ihm hoch verehrten Joachim Kühn, las Edgar Allan Poe und studierte Filme etwa von Werner Herzog und David Lynch – und nicht zuletzt Ken Russells „Gothic“ von 1986: ein Streifen, der Wollny „als groteskes Brainstorming zum Thema Schauerromantik“ sehr beschäftigte. Aus diesen Einflüssen entstand die verbindende Idee für die Solo-Stücke dieser CD.

Eine „Initiation“ – und nicht etwa ein Präludium – stimmt zunächst auf einen komplexen pianistischen Hörfilm ein. Die direkt darauf folgende "Schubertiade" trägt zwar in den Einzelsätzen Titel von Schubert-Liedern, greift aber nicht auf Motive oder Themen aus Schuberts Kompositionen zurück: Es ist eher Schuberts fragile Klangwelt, die Wollny hier interessiert, der Ausdruck von Schuberts Musik als „dunkle Seite“ (vielleicht auch: Saite) der deutschen Romantik. Auch bei drei Songs der isländischen Elfe Björk steht vor allem ein feines Spiel mit der Stimmung und den Grundideen im Vordergrund – und nicht eine jazzige Harmonisierung der Stücke.

Im Zentrum des Albums steht die fünfsätzige Suite “Hexentanz”, die der CD den Titel gab (und sich selbst auf eine Papiercollage der mit Wollny befreundeten Künstlerin Charlotte McGowan-Griffin bezieht): Tanzsätze wie aus einer fremden Welt, meist leise, langsam, gefährlich, aber auch entrückt, versponnen, verzaubert - und nicht zuletzt: entschleunigt. Ein Prinzip, das über die Suite hinaus auf das Album einwirkt, es bei “Enchantment” sogar beinahe zum Stillstand bringt und dabei immer wieder Momente erzeugt, in denen Stille wie eine erkenntnisstiftende Schrecksekunde wirkt.

Stürmische Schroffheit, pianistisch wunderschöne, zarte Klangkultur, bezaubernd feine Momente und beklemmend unheimliche Stimmungen – all das fügt sich in diesem Album organisch ineinander. Wollny schickt den Hörer auf eine hochgradig faszinierende Reise in eine Nacht der lebenden Töne, die garantiert nicht aus Transsylvanien, sondern aus dem Hier und Jetzt eines Musikers mit enormem Vorstellungsvermögen kommen. Eine „Gothic Music“, die wirklich ein ganzes Universum eröffnet.