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ACT / © Jörg Steinmetz
ACT / © Jörg Steinmetz
ACT / © Jörg Steinmetz
ACT / © Jörg Steinmetz

Produktinformationen

Besetzung

Michael Wollny / piano
Christian Weber / double bass
Eric Schaefer / drums, live electronics (13)
Norwegian Wind Ensemble (01, 08 & 13)
Geir Lysne / curator (real time music)


Aufnahmedetails

Produced by Siggi Loch

Recorded at Rainbow Studio, Oslo, September 5 - 7, 2017
Recording Engineers: Jan Erik Kongshaug
& Peer Espen Ursfjord. Piano technician: Thron Irby
Mixed and mastered by Adrian von Ripka, December 2017

Cover art by Manfred Bockelmann


Es sind 1283 Kilometer mit dem Auto von Oslo bis zur Wartburg vor den Toren Eisenachs. Die Strecke lässt sich aber auch ganz anders überwinden, zum Beispiel auf dem Sofa vor der Stereoanlage. Und wechselnde Landschaften ziehen trotzdem vorbei, nur diesmal vor dem inneren Auge. Dass und vor allem wie dem Pianisten Michael Wollny solch ein wahres Bravourstück gelungen ist, bedarf des Eintauchens in eine höchst erzählenswerte Geschichte des Jazz. Und einiger persönlicher Worte ihres Schöpfers.

Vom 5. bis zum 7. September des vergangenen Jahres lud Produzent Siggi Loch Wollny, Bassist Christan Weber und Schlagzeuger Eric Schaefer ins Osloer Rainbow Studio ein, um ein neues Album des Trios aufzunehmen. Für den dritten Tag verabredete man sich mit dem von Geir Lysne geleiteten Norwegian Wind Ensemble, das sowohl ein Interesse an als auch die Fähigkeiten zur Improvisation jenseits des eigenen Genres hat: „Nach einigen künstlerisch sehr inspirierenden Live-Kooperationen wie zum Beispiel die Stummfilmmusik „Nosferatu“ war es schlicht ein Versuch, herauszufinden, ob und wie das mit uns im Studio funktioniert“ sagt Wollny. „Noch ein Würfel mehr am Spieltisch, den man in die Luft wirft.“

Was folgte, führte zu einem kleinen Dilemma. „Am Ende hatten wir ein im Grunde fertiges Album mit dem Trio und ein paar extrem unterschiedliche Takes mit den Norwegern, mal mit nur drei von ihnen, aber auch mit 28.“ Stellte sich also die Frage, wie das zu einem Album zu schnüren wäre. Stellt man 20 Minuten mit dem Ensemble als Versuchsergebnis auf einer zweiten CD dazu? Oder integriert man ein paar Stücke in das Album? „Das ist es schließlich geworden“, so Wollny, „sie spielen mit bei der Ouvertüre, einem Zwischenspiel und schließlich einer skurrilen Coda als Bonustrack.“

Dafür musste das Trio sich absolut nicht von seinen Vorstellungen des neuen Albums verabschieden, eher im Gegenteil. „Schon anfangs gab es die Idee, das Trio-Album möglichst bunt ausfallen zu lassen“, erinnert sich Wollny, „gemäß auch dessen, was sich live in den letzten Jahren entwickelt hat. Und nun ist es noch farbiger geworden als gedacht, bereits am Anfang: es beginnt märchenhaft, wird dann funky, und dann balladesk. Drei Eingänge in die Musik. Und zusätzlich zu diesen Farben wird nun eben auch das Ensemble zum Teil des Kaleidoskops.“

Eine Woche später reiste das Trio nach Eisenach, um im Rittersaal der Wartburg ein Konzert anlässlich des 25. Jubiläums von ACT zu geben, zu welchem man den Saxophonisten Emile Parisien auf die Bühne geladen hatte. Er warf dort sein Können, ebenso wie das Norwegian Wind Ensemble, nur in homöopathischer Dosis auf die Waagschale. „Aber ’Wartburg’ war als Platte ja gar nicht geplant“, sagt Wollny, „deshalb haben wir auch nicht im Quartettformat gedacht, sondern Emile einfach als Gast für ein paar Stücke eingeladen.“ Und vor Ort mit schwierigen Bedingungen gekämpft: Bis 17 Uhr wurden Touristen durch die Burg geführt, erst danach konnte sich die Technik mit der recht speziellen Akustik des Saales befassen. Für eine Probe blieb keine Zeit, das Konzert begann schließlich um halb acht.

Womit der Vorhang geöffnet und der Blick frei gegeben werden kann aufs Innerste von Wollnys Schaffen: Die Improvisation. Für Manche eine rätselhafte Technik, für manche Kollegen nur Behauptung zugunsten des eigenen Renommees, für ihn fast ein Lebensmotto.

„Es stimmt“, lächelt Michael Wollny, „ich kann für mich schlecht lange vorausplanen. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, dass man versucht, Situationen vorzubereiten, damit aus ihnen dann doch am Ende etwas Anderes wird. Ein bisschen schizophren eben.“ Für ihn sei der Moment, in dem es spannend wird, genau der, wenn die Improvisation beginne.

„Das ist dann ein Prozess, den man im besten Falle selbst gar nicht so richtig versteht. Warum passiert jetzt gerade dies oder das? Tja. Für mich geht das inzwischen weit über die Musik hinaus. Zuviel Planung lähmt den Prozess. Das Geheimnis liegt für mich immer darin, auf Momente reagieren zu können.“

Womit das Geheimnis Improvisation dem „normalen“ Hörer vielleicht noch nicht ganz klar erklärt ist, aber selbst das gelingt Wollny: „Ich tue das mal über die Sprache“ leitet er ein. „Wir beide reden hier jetzt nicht über nichts, sondern haben ein Thema, aber mit welchen Worten wir das am Ende getan haben werden und in welchen grammatikalischen Wendungen, das wissen wir erst hinterher. Wir entscheiden erst in der Sekunde, da wir zu sprechen beginnen, und vielleicht ergeben sich aus den Reaktionen des Gegenübers wieder ganz andere, neue Formate. Das ist auch in der Musik so. Es gibt vielleicht eine verabredete Melodie, einen Rhythmus, aber danach hängt fast Alles von unberechenbaren Faktoren ab.“

So unberechenbar wie jener Vorschlag seines für mutige Ideen nicht eben unbekannten Produzenten Siggi Loch, doch die norwegischen Sessions und das Konzert auf Luthers Fluchtburg zeitgleich als zwei unabhängige Alben zu veröffentlichen. Wollny nickt: „Ich war erstmal völlig baff. Ich hätte nie mit diesem Vorschlag gerechnet, sondern habe mir nur Gedanken darüber gemacht, wie wir jetzt aus diesem Fundus von Aufnahmen etwas auswählen sollen, das auch miteinander funktioniert.“ Inzwischen aber finde er das doch sehr schlüssig, weil es den Weg der Band durch die letzten Jahre spiegele. „Wir schmissen ständig neue Sachen in die Luft, und wenn man das fotografisch hätte darstellen wollen, dann wären es eben zwei Bilder geworden, mindestens. Eines jedenfalls wäre schlicht überfrachtet gewesen. Auf jedem der beiden Alben arbeiten wir jetzt mit dem einerseits und andererseits zugleich, und nun lässt sich die Formel auch noch auf beide Alben anwenden.“

Dafür, dass nur eine gute Woche zwischen den Aufnahmen liegt, sind die überraschend unterschiedlich geworden. Was nicht zuletzt an den zwei Orten ihres Entstehens liegt, die sich weder klanglich, noch atmosphärisch vergleichen lassen. „Im Studio arbeitet man zudem an einzelnen Stücken“, so Wollny, „die erst später in die jetzige Reihenfolge gebracht werden, im Konzert dagegen geht es eher darum, in einem großen Fluss zu erzählen.“

Und das klingt dann eben auch anders. Um einen gastronomischen Vergleich zu wagen: „Oslo“ ist wie eine leichte, behutsam aufgeschlagene und mit sanfter Raffinesse gewürzte Suppe der vielen Farben, auf der „Wartburg“ hat man ihr noch etwas Butter und Sahne beigefügt und eines jener exotischen Gewürze, dessen Namen immer keinem einfallen will.

Michael Wollny gibt zum Finale noch einen Ratschlag mit: „Es ist ja tatsächlich so, dass es sogar harmonisch Sinn ergibt, beide Alben hintereinander zu hören.“ Freilich in der richtigen Reihenfolge: „Das Studioalbum endet mit einer Frage, auf die die ersten Takte des Konzertmitschnitts eine Antwort geben. Und die - übrigens völlig ungeplante - Klammer ist das erste Stück von ’Oslo’ und das letzte Stück von ’Wartburg’.“ Und schlägt den Bogen nach fast romantischen Albumtiteln wie „Wunderkammer“, „Weltentraum“ und „Nachtfahrten“ nun von „Oslo“ zur „Wartburg“. Und zurück.