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Michael Schiefel
Blaue Augen

jazzIndeed: Rainer Winch, Bene Aperdannier, Michael Schiefel, Jan von Klewitz, Paul Kleber - ©ACT / Jörg Grosse Geldermann (Next)
jazzIndeed: Rainer Winch, Bene Aperdannier, Michael Schiefel, Jan von Klewitz, Paul Kleber - ©ACT / Jörg Grosse Geldermann (Next)
jazzIndeed: Rainer Winch, Bene Aperdannier, Michael Schiefel, Jan von Klewitz, Paul Kleber - ©ACT / Jörg Grosse Geldermann (Next)
jazzIndeed: Rainer Winch, Bene Aperdannier, Michael Schiefel, Jan von Klewitz, Paul Kleber - ©ACT / Jörg Grosse Geldermann (Next)

Produktinformationen

Besetzung

Michael Schiefel - vocals, electronic
Jan von Klewitz - alto saxophone
Bene Aperdannier - piano, keyboards
Paul Kleber - bass
Rainer Winch - drums, percussion


Aufnahmedetails

Track # 2, 3, 5, 6, 9, 10, 11
Recorded by Ulf Drechsel at SFB
Mixed by Volker Meitz
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by jazzIndeed & Volker Meitz

Track # 1, 4, 7, 8, 12
Recorded by Rainer Robben at AudioCue
Mixed by Teo Schulte
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by jazzIndeed


Sentimental? Auf gar keinen Fall! Naiv auch nicht, wie es die Neue Deutsche Welle damals war, Anfang der 80er. Eher ziemlich real! Und selbstbewusst! Die blauen Augen sind weit offen, sehen blicken aufmerksam, offensiv und kritisch in die Welt. Ziemlich abgeklärt, dabei noch gar nicht so alt: Jazz Indeed! Young German Jazz: Zweiter Streich.

Hat ja wirklich gut geklappt mit der ersten Scheibe und dem Überflieger-Trio [em]. Die haben jede Menge Lob geerntet mit ihrer "Demontage von gängigen Hörgewohnheiten" (Hamburger Abendblatt). "Als Start einer neuen CD-Reihe mit jungen deutschen Künstlern gedacht, hat Call it [em] gute Chancen, international zu bestehen, ja: gefeiert zu werden", prophezeite Stereoplay, das die Platte sogleich zur CD des Monats erhob. Und das Ausland hat denn auch prompt reagiert - nicht nur mit hervorragenden Kritiken, sondern auch gleich mit Einladungen zu den großen Festivals, nach Perugia beispielsweise oder zum North Sea Jazz Festival. "Eigenwillig, frisch, frech" sei der postmoderne Flickenteppich des Trios, fand die Süddeutsche Zeitung, aber vor allem setze es "ein selbstbewusstes, eigenständiges Statement einer jungen deutschen Szene, die sich ernsthaft der internationalen Konkurrenz stellt".

Wollny-Kruse-Schäfer "zaubern einen aufregenden Sound mit Ecken und Kanten, mit widerborstigen Tönen und schroffen Rhythmen", meint das Blatt und "Vorsicht heiß" heißt’s bei den Nürnberger Nachrichten: "An der neuen CD ‘Call It [em]’ könnten sich nicht nur Jazz-Dogmatiker die Ohren verbrennen. Denn Wollny denkt gerne quer. Und weit. Auf jeden Fall anders." "Eigenwillig, frisch, frech" (Süddeutsche Zeitung) sei der postmoderne Flickenteppich des Trios, "ausgefeilt und skurril" (Hamburger Morgenpost), "Lichtjahre entfernt von Mainstream-Glätte und Radio-tauglichem Einheitsbrei" (Nürnberger Nachrichten) auf gelungenem "Trip zwischen Goldschmiede und Stahlwerk (Dresdner), "so wild und frei wie strukturbewusst, so verspielt und versponnen wie diszipliniert" (Abendzeitung). Unter CD-Kritik.de werden Kühnheit, Lockerheit und Wachheit eines aufregenden jungen Meisterstücks bescheinigt, Stereoplay erhob die Scheibe zur CD des Monats Februar und die Frankfurter Rundschau resümiert: "Die drei überzeugen nicht nur mit kantigen Titeln, sondern auch mit unbeschwertem Drauflos."

Young German Jazz: Sollte man also weiter machen, Talente gibt’s genug in Deutschland. Dabei ist das Gerede von Talenten eigentlich sowieso Quatsch. Das sind fertige Künstler, die eine Menge zu sagen haben, den Vergleich mit englischen, französischen, skandinavischen oder amerikanischen Künstlern nicht zu scheuen brauchen."Deja Vu" – da war doch mal was, Pop made in Germany, NDW. "Der deutsche Soundtrack unserer Jugend", sagt Michael Schiefel dazu, der phantasmagorische Sänger mit dem doppelbödig-androgynen Touch in der Stimme. Der tummelt sich schon seit etlichen Jahren in der Berliner Musik-Szene, solo mit "Invisible Loop", "I Dont Belong" oder "Gay", als Gast in der "Symphonie aus der wilden Welt" und mit Thärichens Tentett on "The Thin Edge", gilt als Stimmwunder und als eine der großen Gesangshoffnungen deutscher Zunge. Hat neben einer Gesangsprofessur in Weimar auch satte Bühnenpräsenz zu bieten. Dazu dann die lang erprobten Hauptstadt-Täter Jan v. Klewitz am Saxophon, Bene Aperdannier an den Tasten, Paul Kleber am Bass und Rainer Winch am Schlagzeug – ein morbid-melancholisches Kreativkollektiv mit Groove und Sinnlichkeit schon auf "Who The Moon Is" oder "Under Water".

Apropos Wasser. "Jetzt treiben wir rum auf dem toten Schiff und warten bis die Zeit vergeht." Ziemlich geniale Zeilen, wie sie Herwig Mitteregger, Joachim Witt oder Rio Reiser damals geschrieben haben in den goldenen Zeiten der NDW, ziemlich visionär, nicht einfach alles Lüge. Und ziemlich genial, auch ziemlich visionär, was fünf Jazzer aus Deutschland mit solchem Erbe anstellen. "Fahrn, Fahrn, Fahrn Auf Der Autobahn" mit "Andy Warhol" und der "Inflation im Paradies". Nicht etwa in feucht-fröhlichem Spaßgesellschaftsgehoppel. Schließlich ist ja ganz schön, was passiert in Deutschlands Hauptstadt, seit der goldene Reiter in die Klinik eingewiesen wurde. "Bei Jazz Indeed darf er sein, was ihm in den Hitparaden verwehrt war: "Ein Kind dieser Stadt". 2005 taucht er also wieder auf. Geläutert? Jedenfalls kommen hier Jazzer mit eigenen Roots, bekennende Pop–Sozialisierte ohne Berührungsängste und Denkbeulen.

Lang genug hat’s gedauert, dass in Deutschland gewagt wird, was im Mutterland des Jazz schon immer selbstverständlich war. Selbst John Coltranes erfolgreichste Platte bezog sich auf Popmusik: Standards eben – "My Favourite Things". Darf man also, machen die Franzosen und Skandinavier ja auch, ohne irgendwelche künstlerische Gewissenverknotungen. Wird höchste Zeit, dass auch bei uns der Jazz aus der Intellektuellen–Ecke rauskommt. Muss ja kein Qualitätsverlust sein, wenn man den Traditionsbegriff erweitert um die eigene Erfahrungswelt. "Wir spielen Deutsch. Die 80er. Unsere Hits. In der Tat ... Es gibt Geschichten zu erzählen ..." Young German Jazz! Mehr davon! Solche blaue Augen hören wir gern. Jazz, indeed!