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Ahi Vita
Ahi Vita

Produktinformationen

Besetzung

Michael Riessler - clarinet & bass-clarinet
Vincent Courtois - cello

SingerPur:
Claudia Reinhard – Sopran
Klaus Wenk – Tenor
Markus Zapp - Tenor
Andreas Hirtreiter – Tenor
Guido Heidloff – Bariton
Marcus Schmidl – Bass


Aufnahmedetails

Recorded by Brigitte Angerhausen at Propstei St. Gerold, Austria on April 22 - 27, 2003
Mastered by Brigitte Angerhausen
Produced by Michael Riessler


Seit langem ist der deutsche Klarinettist und Komponist Michael Riessler bekannt für Musikprojekte, die sich mit dem Begriff "Jazz" bei weitem nicht fassen lassen. Vielfältige Grenzgänge etwa zwischen Jazz und Theater, Jazz und klassischer europäischer Musik sowie Jazz und "E-Musik"-Avantgarde hat Riessler bisher unternommen, alle mit einer Gemeinsamkeit: In die Schublade eines simplen, modischen "Crossover" passen sie nicht. Zugleich intellektuell anspruchsvoll und klanglich ungemein reizvoll sind die Aufnahmen für seine jüngste CD "Ahi Vita".

 "Ach, das Leben", könnte man den Titel übersetzen, unter dem Michael Riessler hier 14 Stücke präsentiert, die alle auch unter dem Oberbegriff "Klagegesänge" stehen können. Eingespielt hat er sie mit einem ungewöhnlichen Team. Zum einen ist da der französische Cellist Vincent Courtois, ein wie Riessler selbst in unterschiedlichsten Stilen von Bach über Bebop bis zum komplexen freitönenden Experiment absolut sattelfester Virtuose, nicht zuletzt bekannt aus der Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Louis Sclavis. Zum anderen hat Riessler sich hier – wie seit längerem von beiden Seiten geplant - mit dem engagierten Vokal-Ensemble SingerPur zusammengetan, das sich seit über einem Jahrzehnt für hoch spannende A-cappella-Programme vom Mittelalter bis zur zeitgenössischen Musik einen Namen gemacht hat: Spezialisten für die hohe Kultur ganz feiner, mit zartesten Nuancen interpretierter Mehrstimmigkeit.

Lamenti, also Klagegesänge, aus der Renaissance und dem Frühbarock haben die Musiker hier ausgesucht und stellen ihnen Eigenkompositionen Michael Riesslers gegenüber. Ausgangsstücke sind etwa das berühmte "Lamento della Ninfa" (Track 4) des italienischen Madrigal- und Opernkomponisten Claudio Monteverdi (1567-1643) und Sätze des neapolitanischen Madrigalkomponisten Carlo Gesualdo (um 1560-1613), Fürst von Venosa, der auch als Doppelmörder seiner Frau und eines Nebenbuhlers zu Berühmtheit gelangte. Diese beiden fanden in ihrer Zeit revolutionäre Tonsprachen, Monteverdi mit leidenschaftlich-deklamatorischem Gefühlsausdruck und Gesualdo mit einer enorm gewagten Harmonik und ungewöhnlich starkem Einsatz von Chromatik ("Viele Dinge hören sich da an, als wenn sie für heute geschrieben wären", sagt Riessler).

Im Unterschied zu anderen bekannten Projekten von Jazzern mit früherer Musik – und besonders Vokalmusik – verwendete Riessler hier die Vorlagen bewusst nicht als Spielmaterial für Paraphrasen: "Die Originale nehmen und darüber improvisieren – das wollte ich auf keinen Fall; dieses Konzept wurde von anderen schon ausgereizt und erschiene mir bei den hier ausgewählten Stücken auch nicht passend, die in sich so stimmig sind, dass man sie nur schwächer machen würde." So hat Riessler etwa die Monteverdi-Kompositionen unverändert übernommen – mal mit der Bassklarinette und dem Cello als Generalbass (Track 4), mal nur mit dem Vokalensemble (Track 11). Bei dem Stück "O dolorosa gioia" (Track 1) überlagern sich Kompositionen von Gesualdo und Riessler, "so als würde man zwei Folien übereinander legen, die sich durchdringen und am Ende zur Deckung kommen." Dieses Stück verhalte sich wie ein Prolog zur gesamten CD: "Zwei Welten, die gegenübergestellt werden und sich nur teilweise mischen."

Zwei Welten – das heißt auch: zwei ganz eigene Welten. Riesslers Kompositionen, die übrigens den größeren Teil dieser CD einnehmen, sind nicht nur Antworten auf die Barock- und Renaissance-Lamenti, denen sie folgen oder auch vorangestellt sind. In insistierenden Stimmsätzen des Vokal-Ensembles, die vom Cello und von der Klarinette quirlig-eruptiv umspielt werden (Track2), oder in langen, strudelnden Instrumental-Passagen, aus denen der Vokal-Satz und schließlich ein Monteverdi-Lamento gleichsam zu wachsen scheinen (Track ¾), zeigt sich Riessler zugleich virtuos im Umgang mit dem Gestus der Vorlagen, den er übernimmt und mit seinen Mitteln fortspinnt, und eigenwillig genug, um weit mehr als nur ein Echo zu produzieren. Starke eigene Statements sind seine Kompositionen durchweg, die auch der solistischen Potenz der beiden Instrumentalisten viel Raum geben – gerade auch Courtois’ Cello (etwa Tracks 11, 14).

Nicht den kleinsten, sondern einen möglichst großen gemeinsamen Nenner hat Riessler hier gesucht: ein Hör-Abenteuer, das sich einfachen Lösungen verweigert und gerade dadurch besondere Faszination ausüben dürfte. Klagegesänge als Reverenz und persönlicher Ausdruck war das Ziel: Alte Musik, gespiegelt an neuer – ohne dass eine von beiden dadurch nivelliert würde.