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Matthias Schriefl
Six, Alps & Jazz

Matthias Schriefl - ©ACT / Gerhard Richter
Matthias Schriefl - ©ACT / Gerhard Richter
Matthias Schriefl - ©ACT / Gerhard Richter
Matthias Schriefl - ©ACT / Gerhard Richter

Produktinformationen

Besetzung

Matthias Schriefl / trumpet, alphorn, a.o. brass
Johannes Bär / tubas, alphorn, a.o. brass
Peter Heidl / flute, tenor sax, piccolo, clarinet
Florian Trübsbach / oboe, alto sax, a.o. reeds
Heiko Bidmon / clarinets, flutes, saxes
Gregor Bürger / bassoon, baritone sax, clarinet


Aufnahmedetails

Produced by Matthias Schriefl
Executive Producer: Siggi Loch

Music recorded by Nico Raschke in Maria-Rain, Stadl & Hansahaus Studios, Bonn,
26.7.11, 28. & 29.9.11 (950 & 63m above mean sea level (AMSL)) / Track 11 recorded
live by Nico Raschke at Grüntenhütte, Oberallgäu, 28.1.11 (1477m AMSL)
Tracks 12 & 13 recorded live by Thomas Schmidt at Alm-Café Schnakenhöhe, Maria-Rain,
25.7.11 (1000m AMSL) / vocals on 04 recorded by Nico Raschke at Brandnerhof, Übelbach,
24.8.11 (580m AMSL) / Mixed by Oliver Bergner & Matthias Schriefl at Hansahaus Studios,
Bonn (63m AMSL), except Tracks 5, 7 & 11 mixed by Peter Heidl at Sound Studio,
Nippes (51m AMSL) / Mastered by Chris v. Rautenkranz at Soundgarden Tonstudio, Hamburg (6m AMSL)

Gefördert durch die Initiative Musik gemeinnützige Projektgesellschaft mbH mit Projektmitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.


Die Besinnung auf die eigene Herkunft ist nicht nur Wesensmerkmal des Jazz, sondern war von Anbeginn auch wichtiges Credo von ACT. Wie sehr der Blick auf die eigene Musiktradition bei der Identitätsbildung helfen kann, beweisen nicht nur die schwedischen ACT-Musiker wie zum Beispiel Nils Landgren und Esbjörn Svensson mit „Swedish Folk Modern“ oder der Gitarrist Nguyên Lê, der sich auf „Tales from Viêt-Nam“ seinen Heimatwurzeln bekennt. Einer der jungen deutschen Jazzer, dem man so etwas nicht predigen muss, ist Matthias Schriefl aus Maria Rain im Allgäu. Der aus einer musikalischen Großfamilie stammende Trompeter (sein Vater machte viel Kirchenmusik, sein Bruder Magnus ist ebenfalls ein herausragender Trompeter) ist zwar einer der wildesten Musikanarchisten des Landes, doch seine Wurzeln in der allgäuer Volksmusik hat er nie vergessen. Allerdings hat man bis zu seinem neuen ACT-Album „Six, Alps & Jazz“ warten müssen, bis er diese Traditionslinie ganz in den Mittelpunkt stellt.

Nach den klassischen ersten Stationen wie „Jugend musiziert“ (Bundessieger mit elf) und „Jugend jazzt“ (Bundessieger mit 17), dem Landesjungend- und dem Bundesjazzorchester; nach den Lehrjahren bei Andy Haderer an der Kölner Musikhochschule, einem Studienjahr in Amsterdam; nach dem Austoben in diversen Stilen und Formationen von der brasilianischen Musik (Brazilian Motions) über Modern Jazz (unter anderem mit seinem Trio und der eigenen Big Band) bis zur Musik-Comedy (Mutantenstadl); nach dem Musizieren mit unzähligen Jazzgrößen und etlichen Auszeichnungen wie dem „AZ-Stern des Jahres“ und dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen; nach dem Durchbruch mit seinem Shreefpunk, seiner gewagten Jazz-Punk-Groove-Fusionband jenseits aller Konventionen, die es mit den beiden ACT-Veröffentlichungen „shreefpunk plus strings“ und „Shreefpunk live in Köln“ schaffte, „keine weitere Jazzband zu sein, die keiner braucht“, wie Schriefl es formulierte; zuletzt mit einer Art Einspielen als regelmäßiger Gast der Neuen-Volksmusik-Truppe Unterbiberger Hofmusik – nach all dem also ist Schriefl wieder ganz bei sich gelandet.

Verblüfft wird man sich zunächst die Ohren reiben, hört man die ersten Titel von „Six, Alps & Jazz“, immerhin in der Reihe „Young German Jazz“: „Der Langenwanger“, ein traditioneller Jodler aus der Steiermark, erklingt eingangs ganz original wie aus der Bergwand, dann folgt mit „S’Deandl vom Wintergrea“ ein Zwiefacher aus dem Bayerischen Wald. Dieser klingt ebenfalls schwer nach waschechter Volksmusik, bis dann die wundersame Schriefl’sche Verwandlung eintritt. Ein ultra-jazziges Saxophon-Solo mischt sich plötzlich ein, Schriefl selbst steigt mit einer synkopierten Modern-Jazz-Trompete mit ein, und gemeinsam mit der Band dehnt, beschleunigt, reharmonisiert und revitalisiert man das Ganze nach Kräften.

Damit ist dann der Ton gefunden, der sich durch Schriefls mal elegisch authentische, mal stürmisch neu formulierende, mal seriöse, mal kuriose, mal alpenländische, mal weltmännische, in jedem Fall eigenwillige Traditionspflege und –weiterentwicklung zieht. Vom nur leicht angeschrägten „Andachtsjodler“ über das französisch angehauchte klassische Bläserquintett „Les Alpes vues de Paris“ bis zum Schlofliadle, das ihm einst seine Mutter vorgesungen hat. So bunt wie die Interpretationen ist die Besetzung: Ein Sextett, zu dem sich die unterschiedlichsten Gäste gesellen, wie Niels Klein, Bodek Janke oder der Citoller mountain climber choir. In gedämpften Passagen hören wir ein klassisches Holzbläserquintett, das sich im Nu in ein Saxofonquartett und zwei Blechbläser verwandelt. Schriefl spielt neben Trompete und Flügelhorn auch Euphonium, Sousaphone und Alphorn, kaum weniger hat sein Stamm-Sextett mit Johannes Bär, Peter Heidl, Heiko Bidmon, Gregor Bürger und Florian Trübsbach zu tun – letzterer, bislang als famoser Jazz-Saxophonist bekannt, treibt es daneben mit Klarinette, Oboe, Piccolo-Flöte und Schwegel am wildesten.

Was alles zusammen mal eine wirklich innovative, improvisierte Neue Volksmusik ergibt, im Gegensatz zu vielen lauen Crossover-Projekten mit Alpenländischem, die den Jazz zumeist nur im Etikett führen. Der Wildschütz reicht da dem Großstadtdschungelkämpfer die Hand, die Hausmusi vermählt sich dem Club-Sound. Ein der Freiheit gewidmetes Treiben, das immer Überraschungen birgt und Laune macht. Wie das hörbar begeisterte Publikum beim „Vorarlberger Problembär“ unterstreicht: Das Stück spielte man live auf der Gruntenhütte in 1477 Höhenmetern ein, nachdem man zuvor allem Instrumente und Gerätschaften auf Skiern hochgewuchtet hatte. Doch nur wer keine Mühen scheut, wird durch Leichtigkeit belohnt. Matthias Schriefl belohnt sich und uns mit dieser „perfekten Brotzeit für offene Ohren und eine musikalische Seele“, wie der österreichische Jazz-Kollege Wolfgang Puschnig „Six, Alps & Jazz“ umschreibt. Welcome dahoam im Schriefl’schen Universum - und beim ganz auf seine Herkunft achtenden „Young German Jazz“.