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Marius Neset_by_Pål Laukli
Marius Neset_by_Pål Laukli
Marius Neset1_by_Pål Laukli
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Produktinformationen

Besetzung

Marius Neset / tenor and soprano saxophones
Ivo Neame / piano
Petter Eldh / bass
Anton Eger / drums

London Sinfonietta
conducted by Geoffrey Paterson


Aufnahmedetails

All music composed and arranged by Marius Neset

Recorded by Jon Bailey at AIR Studios, London,
16th and 17th March, 2015
Assistant recording engineer - Chris Barrett
Mixed by August Wanngren at We Know Music Studios
Mastered by Thomas Eberger at Stockholm Mastering

Produced by Marius Neset with Anton Eger

Artwork by Rune Mortensen


Bemerkenswerte 239 Notenblätter umfasst die Orchesterpartitur der Kompositionen auf „Snowmelt“. Der Saxofonist Marius Neset liebt die Herausforderung und sucht musikalische Grenzerfahrungen. Das macht ihn zu „einem der aufregendsten Künstler der Jazzwelt“, wie der amerikanische Downbeat kürzlich schrieb. Folglich nahm ihn das renommierteste aller Jazzmagazine kürzlich als einzigen in Europa lebenden Musiker in seine „25 for the future“ Liste auf. Ohne Zweifel, Gegenwart und Zukunft gehören dem norwegischen Ausnahmetalent, wie sein ambitioniertestes Orchester-Jazz-Projekt, das zwischen 2012 und 2015 entstand, beweist.

Und doch sagt die nüchterne Anzahl der Notenblätter wenig über den progressiven Charakter des Albums „Snowmelt“ aus, über dieses sorgfältig durchdachte, auf jedes Detail achtende und vor musikalischem Feuer, vor Kontrasten und Erfindungsgeist erstrahlenden Werk. Neset spürt hier dem Atonalen und dem Dissonanten ebenso nach wie dem Lyrischen und Zarten, um eine Balance zwischen den Extremen zu finden, und Kompositionsmethoden, die unterschwellig die Verbindungslinien herstellen.

Die Ursprünge des Albums liegen in dem 15-Minuten-Stück für Solo-Saxofon, Kammerorchester und fünf Sänger, das Neset 2013 im Auftrag der Oslo Sinfonietta schrieb. „Ich liebte es, mit diesem Ensemble und dieser Besetzung zu arbeiten“, erinnert sich Neset, und diese Komposition trieb ihn an, sich noch höhere Ziele zu stecken. Ein komplettes Album sollte entstehen, mit noch mehr Streichern und mit seinem Quartett: „Es ist sehr rhythmische Musik, ich brauchte also die Rhythmusgruppe meiner eigenen Band, um die ganze Sache zusammenzuhalten.“ Ein Zusammenhalt, dem auch seine Kompositonsmethode dient: Eine Melodielinie zieht sich auf dem Album, mit der siebenteiligen Suite „Arches of Nature“ im Zentrum, jeweils durch ein Kaleidoskop von Permutationen und Stimmungswechseln, etwa im zweiten Teil von „Arches of Nature“, wo eine Zwölfton-Skala erst vom Bass, dann vom Klavier und schließlich vom Fagott übernommen wird.

Die Verwendung von Tonreihen ist kein Zufall. Sie steht für einen entscheidenden Einfluss auf die Komposition des Albums: Als Neset 2012 in Kopenhagen Alban Bergs Oper „Lulu“ sah, war er tief beeindruckt. Die moderne Klassik wurde so zu einem wichtigen und offensichtlichen Element von „Snowmelt”: Etwa wenn der sechste Teil von „Arches of Nature” die Melodie des Adagio von Gustav Mahlers zehnter Sinfonie zitiert, jene ragende Komposition, mit der Mahler am weitesten in die neuen, die traditionellen tonalen ablösenden Klangwelten vordrang. Oder die Schlusspassagen von „Arches of Nature”, die wie ein Echo auf Igor Strawinskys „Circus Polka” klingen. Oder das abschließende Titelstück, in dem die Streicher die Wildheit eines Béla Bartók aufnehmen.

Das Bestreben, Ordnung und Chaos auszubalancieren, und damit auch Komposition und Improvisation, Klassik und Jazz zu verschränken, ist ohnehin ein Dauerbrenner des Quartetts von Marius Neset, dieser seit langem bestehenden „working band”. Neset, der Bassist Petter Eldh und Schlagzeuger Anton Eger kennen sich seit ihren Studententagen. Pianist Ivo Neame stieß 2012 dazu. Wie ergänzen sich diese Persönlichkeiten? „Anton und ich sind die Planer”, erzählt Neset. „Petter und Ivo sind die zwei, die Freiheit brauchen. Wenn ich etwas vorschlage, wollen sie unter Garantie etwas anderes machen. Aber ich mag solche Überraschungen. Beide haben einen überragenden Geschmack, der mich kreativ anregt.“

Auch als Instrumentalist sucht Marius Neset die großen Herausforderungen. Im Kleinen sieht man dies an der unglaublichen Vielzahl von Klängen, die Neset dem Sopransaxofon auf „Snowmelt“ entlockt: „Ich habe mehr mit dem Sopran gearbeitet und nach extremen Sounds gesucht, die Kontraste ergeben“, sagt er. Nesets Entdeckungen gemahnen an die lange Liste, die der überragende Sopransaxofonist Steve Lacy in seinem Buch „Findings“ erstellt hat. Das Sopransaxofon könne „Muhen, Zischen, Schmatzen, Jaulen, Seufzen, Tuten, Pfeifen, Knallen, Schwirren, Bellen, Krächzen, Niesen, Sticheln, Gänsehaut erzeugen“, schrieb er. Auf „Snowmelt“ macht Neset all das – und noch viel mehr.

Auf „Snowmelt“ geht es erneut um viel mehr als nur um sein Instrument, es geht um die vielstimmige, komplexe Klangwelt in Nesets Kopf. Mit „einem der besten klassischen Kammerensembles der Welt“, wie sich Neset wohl bewusst ist, bringt er diese zum Klingen. Geht es um zeitgenössische Musik, so ist die London Sinfonietta einer der führenden Klangkörper weltweit. Von Iannis Xenakis über Thomas Adès, Steve Reich bis hin zu Django Bates und Markus Stockhausen, das 1968 gegründete Ensemble, wird für seine Uraufführungen und Werkeinspielungen international hochgeschätzt: „Wenn ich die britische Regierung wäre, würde ich die London Sinfonietta zum nationalen Kulturgut erklären. Mögen sie noch lange Musik machen!“ (Steve Reich). Mit Geoffrey Paterson (*1983) stand ein junger britischer Dirigent am Pult, dem man eine große Zukunft voraussagen darf. Neset: „Ich war überrascht wie akribisch er war. Geoffrey kannte die Musik besser als ich. Wir sind ja Jazzmusiker und es nicht gewohnt, mit einem Dirigenten so eng zusammenzuarbeiten. Das was ich mir erdacht habe, hat er auf eine neue Stufe gestellt, wie ich es mir nicht erträumen konnte. Geoffrey war immens wichtig für dieses Projekt.“ Welches Wagnis solch eine Zusammenarbeit bedeutet, zeigt vielleicht am schönsten „Acrobatics“, der zweite Teil von „Arches of Nature“: Wie bei einem Hochseilakt führt Neset da seine Begleiter mit unglaublichen Tricks nahe an den Absturz, bis das Kunststück bravourös gelingt.

Einen enormen Aufwand an Arbeit hat Neset bei „Snowmelt“ betrieben. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: So oft man das Album hört, jedes Mal enthüllt und enträtselt sich Neues. Neset sagt, das Ziel seines Werks sei gewesen, „den Punkt zu finden, an dem alles Sinn ergibt.“ Für den Hörer ist die Suche nach diesem Punkt ebenso spannend wie lohnenswert.