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Majid Bekkas
Magic Spirit Quartet

Produktinformationen

Besetzung

Majid Bekkas / vocals, guembri, oud & electric guitar
Goran Kajfeš / trumpet, electric trumpet & percussion
Jesper Nordenström / piano, organ, synthesizers & spinet piano
Stefan Pasborg / drums, percussion & tuned gongs

Cover art by Sonia Delaunay: Tango Magic City, 1913 © Pracusa 20190305


Aufnahmedetails

Recorded by Thomas Vang at The Village Recording Studio in Copenhagen, July 12 &13, 2018 and at Stureparken Studio, Stockholm
Chaouki Gnaoua family, backing vocals and qarqabou on 01 & 03, recorded at MB Studio in Sale, Morocco.
Mixed by Johannes Berglund
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Magic Spirit Quartet


Trance, rituelle Mystik, psychedelische Magie – wie auch immer man die Wirkung der Gnawa-Musik beschreiben will, sie übt eine weltweite Faszination aus. Majid Bekkas ist einer der schillerndsten Meister des modernen Gnawa-Universums, und vielleicht der mit den vielfältigsten Aktivitäten in andere Genres hinein. Mit dem Magic Spirit Quartet schlägt er jetzt eine waghalsige Brücke von Nordafrika nach Skandinavien, von Archaik zu Ambient – und fängt damit den Geist des Jazz im 21. Jahrhundert ein.

Woher die Gnawa ursprünglich kamen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Gerade diese Herkunft aus dem Dunkel trägt zu ihrem Nimbus bei: Aus Mali, Niger oder Ghana ins einstige Großreich Marokkos als Sklaven verschleppt, konnten sie ihre Kultur bewahren, beschwören in nächtelangen Ritualen, sogenannten Lilâhs, die Geister, heilen mit diesen Zeremonien Krankheiten. In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich diese Musik mit ihren machtvollen Gesängen, dem Klappern der riesenhaften Kastagnetten und dem unentrinnbaren Groove der Guembri-Basslaute untrennbar mit der marokkanischen Kultur verbunden. Noch bedeutender: Seit einigen Jahrzehnten haben Jazzer wie Randy Weston oder Dubpapst Bill Laswell in Jamsessions die Power der Gnawa-Musik für den Westen entdeckt.

Der Marokkaner Majid Bekkas ist einer der spannendsten Gnawa-Globalistas unserer Zeit. Bereits Mitte der 1970er kam er zur Guembri und gründete eine wegweisende marokkanische Rockband. Seitdem hat er sich mit diesem wuchtigen Wüstenbass, aber auch mit der Oud und seiner charismatischen Stimme über alle kulturellen Barrieren hinweggesetzt – in Teamworks mit Joachim Kühn („Out Of The Desert“, erschienen 2009 bei ACT), Archie Shepp, Pharoah Sanders und Klaus Doldinger, um nur die Spitze des musikalischen Eisberges zu nennen. Sein Knüpfwerk reicht von Marokko bis in den Blues und die indische Klangwelt hinein.

Mit dem Magic Spirit Quartet stellt sich Bekkas auf drei nordisch verwurzelte Künstler ein, deren Klangspektrum sie zu veritablen Weltbürgern macht: Trompeter Goran Kajfeš ist im Jazzfuturismus und Minimalismus genauso zuhause wie im Nahen Osten und Afrika, der Schwede hat Bekkas als Leader des Subtropic Arkestra bereits als Gast empfangen. Teil dieser Formation ist auch das Keyboard-Genie Jesper Nordenström, der in der schwedischen Szene mit allen Wassern gewaschen ist. Für das Fundament zeichnet der dänische Schlagzeuger Stefan Pasborg verantwortlich, der in den verschiedensten Kontexten zuhause ist: als Teil der Carsten Dahl Trinity, bei Ibrahim Electric, im Duo mit dem Kora Virtuosen Dawda Jobarteh und in früheren Zeiten mit Tomasz Stanko, John Tchicai und Marc Ducret. Wie klingt nun dieser Clash zweier Welten, das Tête-à-tête des Maghrebiners mit den Nordmännern?

„Aicha“ lässt sich sagenhafte zwölf Minuten Zeit, um aus einem mäandernden Intro mit Vokal- und Trompetendialogen in ein majestätisch zirkulierendes Thema zu münden, das sich schließlich in einen atemlosen Sog verdichtet. Mit sphärischen Gitarrenriffs über einem trabenden Beat katapultiert „Hassania“ die Hörer direkt in die Wüste, Bekkas ist hier inspiriert vom Vokalstil der marokkanischen Wüste aus seiner Heimatregion um Zagora – und wie eine akustische Fata Morgana mutet die kollektive Improvisation im Finale an. Mit einem knackig-funkigen Groove spiegelt „Bania“ die tanzbare Seite der Gnawa-Zeremonien wider, in vollem Flug schweben die Call-and-response-Gesänge über der Band, bereichert durch flirrende und leuchtende Keyboard-Konturen. Seine Oud-Künste flicht Bekkas in „Chahia Taiba“ ein, und erweist sich auch hier als kongeniales Gegenüber von Goran Kajfeš vor der SciFi-Kulisse eines kühlen Moogs. Wie ein Morgengruß an die aufgehende Sonne mutet das freie Intro von „Mrhaba“ an, bevor sich über einer Art Afrobeat-Groove eine machtvolle Gnawa-Melodie im Wechsel mit der Trompete entspinnt, „Annabi“ dagegen bleibt durchgängig versonnen mit einem zärtlichen Thema. Und im finalen „MSQ“ bricht sich noch einmal – rein instrumental – die Improvisationsgüte dieses Quartetts freie Bahn.

Der große Atem der Improvisation, knackige Polyrhythmik, eine organische Kollision von Electro-Flair und Spiritualität – all das steckt in dieser aufregenden Verbrüderung über Kontinente und Jahrhundert hinweg.