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Lindgren & Beasley © Lena Semmelroggen
Lindgren & Beasley © Lena Semmelroggen
Lindgren & Beasley © Lena Semmelroggen
Lindgren & Beasley © Lena Semmelroggen

Produktinformationen

Besetzung

SWR Big Band & Strings
co-arranged by Magnus Lindgren & John Beasley

Magnus Lindgren / music director, flute & tenor sax
John Beasley / piano & keys

Guests:
Chris Potter / tenor sax
Joe Lovano / tenor sax
Miguel Zenon / alto sax
Tia Fuller / alto sax
Charles McPherson / alto sax
Camille Bertault / vocal
Pedrito Martinez / percussion
Munyungo Jackson / percussion


Aufnahmedetails

Produced by Hans-Peter Zachary,
Magnus Lindgren & John Beasley

Cover art (detail) by Gottfried Mairwöger,
“Palais VI”; Photo (detail) Charlie Parker
© Michael Ochs Archives


2020 war nicht nur ein Beethoven-, sondern auch ein Charlie-Parker-Jahr. Der 100. Geburtstag von Charlie „Bird“ Parker – neben John „Train“ Coltrane zweifellos der bedeutendste Jazzsaxofonist des 20. Jahrhunderts – wäre groß gefeiert worden, hätte nicht die Corona-Pandemie allem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die SWR Big Band freilich war nicht gewillt, ihr großes – sogar auch mit John Beasleys Monk’estra im legendären Hollywood Bowl geplantes - Projekt zur Ehrung dieses Giganten, der den Bebop miterfunden und damit den Modern Jazz wie kein Zweiter geprägt hat, einfach so zu den Akten zu legen. Also machte man mit dem bereits weitgediehenen Programm „Bird Lives“ einfach ohne Termindruck und mit noch größerer Anstrengung weiter.

Die zusätzliche Zeit, die nun zur Verfügung stand, ermöglichte es dem schwedischen Saxophonisten Magnus Lindgren und dem Amerikaner John Beasley ihre Zusammenarbeit als Co-Arrangeure zu vertiefen und weiter auszubauen. Gemeinsam kamen sie auf die Idee für „Bird Lives“, und „für uns beide war es das erste Mal, gemeinsam zu arrangierten,“ betont Lindgren. „Wir schickten uns die Ideen und Entwürfe zwischen Stockholm und Los Angeles hin und her. Wir mussten nicht viel sprechen, es ergab sich fast von allein.“ Wie weise Lindgrens Partnerwahl war, zeigt der Grammy, den Beasley im Frühjahr für die Latin-Version von Parkers „Donna Lee“ mit seinem eigenen MONK´estra bekommen hat. Mit „Bird Lives“ schrieben beide nun der von zehn Streichern verstärkten SWR Big Band fast schon einen Film-Score auf den Leib, der Parkers Vermächtnis zu neuem Leben erweckt. „Wir wollten neue Generationen an Bird heranführen, aber wir wollten auch, dass Bird-Fans die Musik auf eine frische neue Art und Weise hören“, erklärt Beasley. „Mit einem Fuß in der Vergangenheit, mit einem in der Zukunft - wir wollten nichts wiederholen, sondern etwas anderes erschaffen,“ ergänzt Lindgren.

Dazu dient bereits die Auswahl der Komposition: neben Parker-Originals wie dem vor Bebop platzenden „Scrapple from the Apple“ eben auch Standards, die zu seinen Favoriten gehörten. Dazu gehören gelungene Mesh-Ups wie zum Einstieg mit „Cherokee/Koko“ und beim großen Finale mit der „Overture to Bird“. Dazu passen aber vor allem die großartigen Arrangements, die den klassischen Bigband-Stärken und Parkers genialer Musik Respekt erweisen, sie aber mit modernen Elementen bis hin zum Funk („Confirmation“) anreichern. 

Der Saxofonist, Flötist, Komponist und Arrangeur Magnus Lindgren, schon 2001 zum besten Jazzmusiker Schwedens gewählt und danach mit vielen wichtigen internationalen Preisen ausgezeichnet, ist die treibende Kraft hinter dem Projekt: „Als ich mit 17 professionell mit dem Saxofon anfing, war Charlie Parker mein größter Held. Mit diesem Projekt schließt sich für mich ein Kreis.“ Seit mehr als drei Jahren ist Lindgren „Artist in Residence“ der SWR Big Band (und wird das noch weitere drei sein), und entwickelt als Spezialist für orchestralen Jazz wie für die Überführung des klassischen Kanons in moderne Formen ihren Sound weiter. Und der 1951 gegründete „Daimler“ unter den Bigbands rangiert mit vier Grammy-Nominierungen und ausweislich der Prominenz ihrer vielen Gäste von Miles Davis und Chet Baker bis zu Dee Dee Bridgewater oder Jacob Collier ohnehin schon lange unter den besten Jazzorchestern der Welt.

Dieser Tradition folgend, gehören die Gäste, die man zu „Bird Lives“ einlud, ebenfalls zu den besten ihres Fachs. Gleich vier herausragende Saxofonistinnen und Saxofonisten treten zu Ehren ihres großen Vorgängers vor die Band. Schon zu Beginn lässt der vielfache Polls-Gewinner Chris Potter seinen unnachahmlichen Ton und seine makellose Technik erklingen. Seine Kollegin Tia Fuller, auch als musikalische Direktorin von Esperanza Spalding und mit eigenen Band-Projekten wie „Angelic Warrior“ eine der herausragenden Jazzerinnen der jüngsten Zeit, steuert eine unerhört relaxte, loungig-moderne Version von „Summertime“ bei.

Zwei Tracks weiter lässt der große Joe Lovano sein Tenorsax so warm, weich und variabel über „I’ll Remember April“ gleiten, wie wohl nur er das kann. Latin-Touch und Rhythmik bringt Miguel Zenon bei Parkers „Donna Lee“ ins Spiel, und sozusagen als fünfter Musketier überzieht Charles McPherson den Filmmusik-Klassiker „Laura“ mit unnachahmlichem Schmelz und Glanz. Fast als weitere Saxofonstimme möchte man Camille Bertault in diese Liste einreihen, der neue französische Stern am Vokalisten-Himmel. Nahm ihre Karriere doch mit einer verblüffenden Version von Coltranes „Giant Steps“ Fahrt auf. Ihre Vokalisenkunst demonstriert sie hier mit einer Vokal-Transkription von Birds „Koko“.

So erfüllt sich mit „Bird Lives“ Charlie Parkers Traum von einer Orchesterproduktion. Und das auf eine Art und Weise, die seine Musik nicht museal, sondern auf der Höhe der Zeit erklingen lässt.