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Knut Rössler - Johannes Vogt
Between The Times

Johannes Vogt - ©ACT / Knut Roessler
Johannes Vogt - ©ACT / Knut Roessler
Johannes Vogt - ©ACT / Knut Roessler
Johannes Vogt - ©ACT / Knut Roessler

Produktinformationen

Besetzung

Knut Rössler - soprano saxophone, alto flute
Johannes Vogt - baroque lute, synthesizer
Miroslav Vitous - double bass

Guest: Mani Neumeier - percussion


Aufnahmedetails

Synthesizer programming by Werner Goos
Recorded by Werner Goos in Heidelberg in October 2006
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Knut Rössler, Johannes Vogt and Werner Goos


Verwandte Stimmen in der Zeitmaschine
Alte Musik und Jazz begegnen sich: Das ACT-Debüt des Ensembles Between The Times mit Bassist Miroslav Vitous als Gast
So spielt manchmal das musikalische Schicksal. Zwei Musiker mit zunächst scheinbar völlig unterschiedlichen Schwerpunkten. Der eine: ein deutscher Jazz-Saxophonist, blue-note-imprägniert durch unzählige Keller-Gastspiele seit den Sechziger Jahren. Der andere: ein Lautenist aus einer ganz anderen Szene, Spezialist unter anderem für „Alte Musik“ vom Mittelalter aufwärts. Nicht die Musik selbst, sondern die Bildende Kunst führte sie einst zusammen. Beide spielten häufig bei Ausstellungs-Eröffnungen von Heidelberger Künstlern. Und eines Tages wurden sie gebeten, gemeinsam zu musizieren – da die betreffende Ausstellung auch selbst Altes und Neues zusammenbrachte. Ein unerwarteter und folgenreicher Impuls: Daraus entstand eine Zusammenarbeit, die mittlerweile schon Jahre andauert. Und jetzt veröffentlichen Saxophonist Knut Rössler und Lautenist Johannes Vogt ihr ACT-Debüt: Between The Times heißt die CD, so wie das Ensemble selbst. Außer ihnen bewegen sich in diesen Aufnahmen auch Perkussionist Mani Neumeier und der Bass-Weltstar Miroslav Vitous zwischen den Zeiten und Stilen.
Between The Times – das ist ein schillernder Name mit Bedeutungen auf mehreren Ebenen. Er heißt hier auch: zwischen zwei Epochen. Damit ist gemeint: nicht mehr Renaissance, aber auch noch nicht Barock. Aus der Zeit um 1650 stammen die Stücke, an denen sich das Ensemble für diese Aufnahmen inspiriert hat. Musik aus solchen „Übergangszeiten“ findet Johannes Vogt besonders interessant. Ungewöhnlich viele Experimente wiesen Stücke aus diesen Jahrzehnten auf, ihr Vokabular sei nicht so standardisiert wie das späterer Kompositionen: eine kühne und oft unerwartete musikalische Sprache mit ganz wenigen Floskeln. Rössler und Vogt erschließen hier also ein außerhalb von Spezialistenkreisen kaum bekanntes Terrain – mit Vorlagen, deren Komponisten Namen wie Ennemond Gaultier, Pierre Dubut oder Jacques Gallot tragen. Und das ermöglicht in unterschiedlichster Hinsicht Entdeckungen.
„Nicht räubern“ wolle man die Vorlagen, sagt Knut Rössler, sondern „die Musik auf neue, aber respektvolle Art zum Glänzen bringen“. Die Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert werden hier nicht jazzig interpretiert, sondern sind Ausgangspunkt für eigene Stücke, die sich an der Musiksprache und Stimmung der alten Kompositionen orientieren. Original-Lautenstücke kommen jedoch auch zu Wort: in „Contemplation“ etwa als Zwischenspiel, in anderen als Introduktion. Eine sensible Annäherung ist das, und die Musiker lehnen den von kommerziell angelegten Produktionen geprägten Begriff „Crossover“, der leider meist auch für eine Verflachung beider Seiten steht, entschieden ab. Wer ihre Musik hört, merkt schnell, dass hier auf sehr behutsame Art Welten zusammengeführt werden. Sozusagen eine sanfte musikalische Zeitmaschine.
Diese Welten haben ohnehin unerwartete Gemeinsamkeiten. Nicht nur im Jazz, sondern auch in der Alten Musik spielt Improvisation eine wichtige Rolle. Johannes Vogt ist mit dem Improvisieren also schon von daher vertraut. Doch bevor er sich einst für die Laute entschied, spielte er als Gitarrist unter anderem in Bluesrock-Gruppen. Knut Rössler wiederum war schon bei den ersten musikalischen Begegnungen mit Johannes Vogt sofort tief berührt von der Alten Musik – in der es etwa wie im Jazz viele Ostinati, also wiederkehrende Figuren, gibt, über denen sich Entwicklungen aufbauen können. „Manche Jazzmusiker, die uns gehört haben, fühlten sich von der Harmonik der alten Musikstücke an Jazz-Changes erinnert“, sagt er. Und dennoch musste er nach eigener Auskunft hier „eine ganz andere Art des Improvisierens erlernen“: Wenn man einfach Chorusse herunterspiele, stelle man schnell fest, dass das nicht passt. Anverwandlungen. Neuland in der Begegnung mit Alten Tönen.
Auf diesem Neuland bewegt sich auch der Gast am Bass, Miroslav Vitous, ungemein fein und sicher. Vitous, 1947 in Prag geboren, ging einst als 18-Jähriger in die USA, war Gründungsmitglied der Rockjazz-Institution Weather Report und spielte in jungen Jahren auch bei Miles Davis mit. Er ist eine Weltgröße an seinem Instrument, hat am Kontrabass einen großen, voluminösen Ton und trug in seiner bereits langen Karriere viel dazu bei, dass der Bass heute als völlig gleichwertiges Solo-Instrument des Jazz betrachtet wird. Wie es zu der Zusammenarbeit kam, ist eine Geschichte, die mit einfach Wagen und Gewinnen zu tun hat. Rössler und Vogt bewundern Vitous seit langem und fanden, dass sein Ton ideal zu ihrer Musik passe. Über sein Plattenlabel besorgten sie sich seine Faxnummer, schrieben ihm, schickten ihm Material, er fand’s spannend und sagte zu. Weder er selber noch die Hörer dürften das bereuen.
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„Between The Times“
Paraphrasen über französische Lautenmusik des 17. Jahrhundert
Der Saxophonist Knut Rössler und der Lautenist und Gitarrist Johannes Vogt sind die Gründer des Ensembles "Between The Times". Alte europäische Melodien und Kompositionen - insbesondere solche aus den experimentierfreudigen Übergangszeiten zwischen den Musikepochen - sind für die beiden Musiker der Ausgangspunkt für Improvisationen, Paraphrasen und neue Kompositionen. Auf dieser Aufnahme (ihrer vierten CD) werden sie ergänzt durch den Bassisten Miroslav Vitous, der als Jazzmusiker mit europäischem Hintergrund ideal in das Konzept von "Between The Times" passt.
I. Die Lautenmusik
Ausgangspunkt unserer musikalischen Reise sind Lautenkompositionen aus dem Paris des 17. Jahrhundert - eine Zeit, in der sich bei den damaligen Lautenspielern nach einigem Experimentieren mit verschiedenen Stimmungen eine durchsetzte, bei der die oberen sechs Saiten bzw. Saitenpaare der Laute einen d-moll Akkord bilden. (Ein Gitarrist der Gegenwart würde das als "open tuning" bezeichnen. Ein Saxophonist würde die Laute auf dieser Aufnahme im übrigen als Bb-Instrument bezeichnen, da sie auf Grund ihres tiefen französischen Stimmtons einen Ganzton tiefer klingt als heute üblich.)
Viele Lautenstücke aus den ersten Jahrzehnten nach Einführung der d-moll Stimmung klingen freier und offener als die vorhergehende strengere Renaissancemusik und die oft etwas floskelhafte spätere Barockmusik. Dieser fast zeitlos zu nennende Klangeindruck und die ausgeprägte Melodik der von uns ausgewählten Stücke - in Verbindung mit einer möglichst klaren Spielweise - sprechen auch unmittelbar zu solchen Hörern, die die Sprache der Alten Musik und der klassischen Musik nicht kennen.
Die auf der CD vertretenen originalen Komponisten (soweit bekannt) sind:
- Ennemond Gaultier (ca. 1575 - 1651),
- Denis Gaultier (um 1600 – ca. 1672), Cousin von Ennemond
- Pierre Dubut (17. Jh.) und seine zwei Söhne (in den alten Handschriften werden diese drei meist nicht unterschieden)
- Jacques Gallot (ca. 1625 – ca. 1690), ein Schüler von Ennemond Gaultier.
II. Bearbeitung und Improvisation
Selten wird auf dieser Aufnahme direkt über ein Original-Lautenstück improvisiert. Es handelt sich bei unseren Stücken eher um Paraphrasen über die alten Kompositionen: Die originalen Lautenstücke werden Bestandteil neuer Kompositionen, die entweder Elemente bzw. Stimmungen des Originals aufgreifen und weiterführen, oder aber einen Kontrast zum Original setzen und dieses damit aufbrechen. Ein wichtiges Bearbeitungsmittel hierbei bestand darin, der melodisch und harmonisch dichten Lautenmusik eine modale Improvisation entgegenzustellen - eine Form der Entspannung und Öffnung, bei der durch die Kunst des Improvisierens eine neue Art der Verdichtung entsteht. Wenn innerhalb unserer Paraphrasen die alten Lautenstücke erklingen, dann – aus Respekt vor diesen vollendeten Miniaturen - unverändert und unbegleitet. (Wir haben allerdings in einigen Fällen die obligatorischen Wiederholungen weggelassen, um den Kontext unserer neuen Stücke nicht zu sprengen.) Ein einziges Stück erscheint nicht als reines Lautensolo: In "Dialogue" von Gallot verdoppelt der Kontrabass den Lautenbass, und die Wiederholungen werden improvisierend von Saxophon und Bass ausgeführt.
III. Die Stücke
1) Contemplation (Rössler/Vogt)
Zwischenspiel: "Sarabande" (Dubut)
Das bemerkenswerte Originalstück von Dubut erinnert mit seiner sich aus großen Ton- Sprüngen zusammensetzenden Melodie an Bachs bekannte Sarabande für Laute in g-moll (bzw. Cello in c-moll). In unserer Version wird eine Vielzahl von Besetzungsmöglichkeiten vorgestellt: Am Anfang der A-Teil der Sarabande von Dubut, gespielt in einem "orchestralen" Unisono von Kontrabass und Saxophon mit Lautenbegleitung, in der Mitte das stille Lautenoriginal wie eine Insel, und am Ende eine improvisierte Reprise, gespielt von Laute und Bass. Dazwischen ausgedehnte modale Improvisationen von Bass und Saxophon.
2) Pré-luth modal (Rössler/Vogt/Goos)
Introduktion: "Prélude" (Anonymus)
Einem freien, nicht taktgebundenen Prélude "non mesuré" und einem Dialog von Laute und Saxophon steht eine rhythmisch gebundene Improvisation über einen ostinaten Bass gegenüber, die sich aber am Ende wieder in einen freien Dialog zwischen Laute und Saxophon auflöst.
3) Kuna (Rössler/Vogt)
Introduktion: "La Montespan" (Gallot)
Die Marquise de Montespan war "la maîtresse royale en titre", d.h. die offizielle Mätresse von Ludwig XIV. - "Kuna" ist, wenn man einigen Linguisten glauben darf, ein vor 30.000(!) Jahren gesprochenes Wort für "Frau". Harmonische Elemente des einschmeichelnden Stücks von Gallot bilden die Grundlage für sich verdichtende und wieder lösende Improvisationen.
4) L’encyclopédie (Rössler/Vogt)
Zwischenspiel: "L’encyclopédie" (Dubut)
Nach einem kurzen Saxophon-Intro folgt das - in einem dozierenden Tonfall gespielte - Original, dessen Melodie aus einer durchgehenden Arpeggio-Bewegung hervorscheint (ähnlich wie bei Couperins bekanntem Cembalostück "Les baricades mistérieuses"). Aus dieser Arpeggio-Bewegung entwickelt sich ein neues Lautenstück, über das vom Saxophon improvisiert wird.
5) Dialogue (Rössler/Vogt)
unter Verwendung von "Dialogue" (Gallot)
Jeder der sechs Teile des Originals wird von Laute und Bass vorgespielt und von Saxophon und Bass improvisierend beantwortet. Nach einem ruhigen Zwischenspiel greift die Gruppe noch einmal Harmonien des Themas von Gallot auf.
6) Le colibri royal (Rössler/Goos)
Zwischenspiel: "La royale" (Dubut le fils)
Das königlich-stolze Lautenstück eines der Söhne von Dubut wird eingerahmt von improvisierten Duetten von Bass und Saxophon.
7) Le rêve lucide (Rössler/Vogt)
Nachspiel: "Chaconne" (Ennemond Gaultier)
Lautenklänge und Saxophonimprovisation: Ein luzider Traum, in dem sich die Spieler zugleich des Träumens und der realen, dann folgenden Chaconne bewusst sind, deren Harmonien schon verschleiert durchscheinen.
8) La mélancolie (Rössler/Vogt/Goos)
Nachspiel: "La mélancolique courante" (Denis Gaultier)
Die melancholische Stimmung des Lautenstückes wird an Dunkelheit noch übertroffen von der Saxophon-Improvisation über einen ungeraden Ground im Siebener-Takt.
9) L'intention paradoxale (Rössler/Goos)
Zwischenspiel: "Sarabande" (Dubut)
Der Weg in meditative Versenkung führt bei diesem Stück über einen rhythmischen "Ausbruch". Einige Töne der Lauten-Begleitfiguren stammen dabei überraschenderweise aus der Sarabande von Dubut.
10) La vie éphémère (Rössler/Vogt)
Vorspiel: "Tombeau de Gautier par lui mesme" (Denis Gaultier)
Ein "Tombeau" ist ein musikalisches Denkmal, das einem Verstorbenen gewidmet ist. Melodische Elemente des Tombeaus von Gaultier erscheinen auch in unserem neuen Stück, dessen Themen der Wandel (auch auf einer konkreten musikalischen Ebene) und die Vergänglichkeit sind.
11) Canaries (Rössler/Vogt)
Unter Verwendung von: "Canaries" (Anonymus)
"Canaries" hießen Stücke, die wohl auf einen Tanz von den Kanarischen Inseln zurückgehen. Zwei rhythmische Konzepte treffen in unserem Schlussstück aufeinander: Zum einen das Spiel mit Synkopen auf der Basis eines stabilen Tempos, zum anderen - beim originalen Lautenstück, das am Ende folgt - eine Beweglichkeit des Tempos, das der Wellenbewegung der Melodie folgt.
Johannes Vogt, 2007