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Oliver Mass, Jörg Brinkmann, Dirk-Peter Kölsch - ©ACT / Silvia Kriens
Oliver Mass, Jörg Brinkmann, Dirk-Peter Kölsch - ©ACT / Silvia Kriens
Oliver Maas, Jörg Brinkmann, Dirk-Peter Kölsch - ©ACT / Silvia Kriens
Oliver Maas, Jörg Brinkmann, Dirk-Peter Kölsch - ©ACT / Silvia Kriens

Produktinformationen

Besetzung

Jörg Brinkmann - cello, effects
Oliver Maas - piano, fender rhodes
Dirk-Peter Kölsch - drums, glockenspiel, objects


Aufnahmedetails

Recorded by Holger Siedler, Cologne, May 12, 2007 and January 25-26, 2008
Mixed and mastered by Holger Siedler, January 27-30, 2008
Produced by Jörg Brinkmann
Executive Producer: Siegfried Loch


Die Zeiten, als deutsche Jazzer nach USA blickten wie die Schlange aufs Kaninchen, sind schon seit längerem vorbei. Die jüngste Generation stößt nun verstärkt in neue Bereiche vor. Welche faszinierende Stiloffenheit möglich ist, wenn man die Scheuklappen ablegt, demonstriert das Jörg Brinkmann Trio mit seinem Debütalbum Ha! (ACT 9662-2).

Der 32-jährige Jörg Brinkmann hebt sich schon allein durch sein Instrument ab. Schließlich ist das Cello im Jazz eine Rarität. Aber auch Brinkmanns Spiel selbst sticht heraus: Der an der Hochschule im holländischen Arnheim ausgebildete Musiker stößt gerne in ansonsten cellofreie Gebiete vor – an der Seite ausgewiesener Jazz-Experimentalisten wie Herb Robertson, Frank Gratkowski oder Michael Vatcher ebenso wie auch in Pop-Bands.

Ähnlich umtriebig ist der vier Jahre jüngere Pianist Oliver Maas. Zunächst klassisch unterrichtet, studierte er beim Jazzpianisten Claus Krisch, besuchte Workshops unter anderem von John Taylor, Uri Caine oder Gunter Hampel und absolvierte schließlich ein Jazzpiano-Studium an der Essener Folkwang-Hochschule. So jung wie er ist, arbeitet er bereits selbst als Dozent an der Musikhochschule Saarbrücken, und sein umfangreiches Oeuvre weist u.a. Projekte wie Mop de Kop und Invisible Change aus.

Brinkmann und Maas kennen sich seit Jahren. Unabhängig voneinander spielten sie bereits mit Dirk-Peter Kölsch. „Das hat jeweils so super gepasst, dass wir beschlossen, mal im Trio zu arbeiten“, berichtet Brinkmann. Kein Wunder, bricht doch auch Kölsch bevorzugt musikalische Konventionen: Schlagwerker statt Schlagzeuger nennt er sich, weil er neben dem üblichen Drumset alle möglichen anderen Klangerzeuger einsetzt, vom Kinderspielzeug über Alltagsgegenstände und Harmonika bis zur Elektronik. Dadurch ist er nicht nur auf den Festivals der Welt ein gern gesehener Gast, er ist ebenso gefragt bei klassischen Orchestern, Bigbands, Film, Funk, Theater, Lesungen und natürlich bei etlichen Bands.

Die erst vor etwa einem Jahr aufgenommene gemeinsame Arbeit trug umgehend Früchte: Mit der ersten Live-Fassung von Ha! gewannen die drei auf Anhieb den Wettbewerb jazzwerkruhr 2007. Kein Geringerer als der vietnamesisch-französische Stargitarrist und ACT-Künstler Nguyên Lê war begeistert und empfahl das ungewöhnliche und frische Trio persönlich ACT-Chef Siggi Loch. Und so erklingen jetzt in der ACT-Reihe Young German Jazz die ungewöhnlichen Stücke des Jörg Brinkmann Trios, die so explizit wie eigenwillig Modernes mit Nostalgischem kombinieren. Das klingt (etwa beim „Hühner-Walzer“) mal ein wenig nach den Miniaturen eines Yann Tiersen, mal nach schräger Salonmusik; hier erzeugen kratzendes Cello und gedämpftes Flügel so etwas wie einen Krimi-Soundtrack („Mister Nice“), da ersteht eine von wilden Arpeggien durchzogene, singend-klagende Ballade („September“); ebenso gut aber bricht plötzlich eine Hardbop-Linie durch („Rapunzel“), hüpft eine kleine Melodie auf einem amtlichen Ska-Rhythmus daher („Live in Hamburg“) oder feiert mit Old-School-Rhodes-Sound der klassische Jazzrock fröhliche Urstände („Klassentreff“).

Eine besondere Note bekommt das alles schon durch die im Jazz wohl bisher nicht da gewesene Instrumentierung, die neben Cello, Piano und Fender Rhodes auch Glockenspiel einschließt – und natürlich die ausgefallenen Gerätschaften von Kölsch: „Ständig kam er mit etwas Neuem an, das wieder eine neue Richtung eröffnete“, erzählt Brinkmann. „Der ‚Hühner-Walzer' etwa ist nach dem Quietsche-Huhn seiner Tochter benannt, dessen Geräusche auch ‚Rapunzel’ eröffnen.“

Den meisten Stücken schließt sich ein Intermezzo an, ganz zum Schluss folgen kurioserweise „Introduktion“ und „Song“. Handelt es sich also um ein Konzeptalbum? „In gewisser Weise schon“, sagt Brinkmann, „alle Stücke sind ja relativ kurz, ohne ausufernde Soli und überaus unterschiedlich angelegt. Da stellte sich die Frage, wie man das miteinander in Beziehung setzen und verklammern kann. So sind wir auf die fünf Intermezzi gekommen, die wirken sollen wie ein Schluck Wasser bei der Weinprobe: Als Neutralisation für das nächste Stück und den nächsten Klangeindruck.“ Da kann man nur sagen: Ha! - Wohl bekomm’s!