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Jan Lundgren
Potsdamer Platz

Produktinformationen

Besetzung

Jan Lundgren / piano
Jukka Perko / alto & soprano sax
Dan Berglund / bass
Morten Lund / drums


Aufnahmedetails

All compositions by Jan Lundgren,
except 11 by Per Ödberg

Recorded by Arne Schumann at Hansa Studio Berlin, May 3 & 4, 2015
Mixed and Mastered by Arne Schumann

Produced by Siggi Loch

Cover art by Wiebke Siem, Untitled, 1986 - 1988,
by courtesy of the artist & Esther Schipper, Berlin


In Jan Lundgrens Jazz-Haus möchte man gerne wohnen. Der schwedische Pianist ist ein universeller Klangarchitekt, der Tradition und Moderne zusammenführt. Sein Jazzverständnis lässt die amerikanische Bauweise mit europäischem Stil verschmelzen. Das Beste aus beiden Welten fügt Lundgren spielerisch zusammen, zu einem vielschichtigen Gebäude mit faszinierend gestalteten Räumen, kuscheligen Ecken, klarem Design, nostalgischen Erinnerungsstücken und einem Loft mit Raum für Improvisationen. Wandel und Erneuerung ohne die Vergangenheit zu vergessen bestimmt Lundgrens Schaffen seit Anbeginn. Der „Potsdamer Platz“ ist somit ein passendes Bild und eine klingende Visitenkarte dieser Jazzauffassung.

Er ist „ein Mann, der einfach alles kann“, schrieb die dpa kürzlich über Jan Lundgren. Die Verwurzelung in der amerikanischen Jazzpianotradition, die ihn mit traditionellen Jazzern wie Harry Allen und Scott Hamilton zusammenbrachte, ist sein Ausgangspunkt. Die Klangsprache seiner skandinavischen Heimat durchzieht ebenso sein Spiel, wie (klassisch bestens geschult) die abendländische Kunstmusik. Swing, nordische Vemod und impressionistischer Esprit stehen bei Lundgren ganz selbstverständlich nebeneinander.

Die Überführung europäischer Musiktraditionen in den klassischen Jazz, ist bei Lundgren in den unterschiedlichsten Ausprägungen zu erleben: Mit „The Ystad Concert“ wandelt er auf den Spuren der schwedischen Jazzikone Jan Johansson und hinterlässt neue Fußabdrücke. Seine „European Standards“ zeigen, dass der Jazz längst aus den USA übergesiedelt und ein junges Kulturgut der Alten Welt geworden ist. Und mit dem Sarden Paolo Fresu sowie dem Franzosen Richard Galliano spürt Lundgren mit dem Mare Nostrum-Projekt dem Sound Europas nach.

Mit „Potsdamer Platz“ geht Lundgren seinen Weg nun konsequent weiter: Bis auf den Schluss stammen alle Stücke aus seiner Feder. Seine persönlichen Klänge lässt er hier ausschwärmen und von einer Traumbesetzung, diesmal einem Quartett, aufgreifen, neu denken und stilistisch anreichern. „Darum ging es mir“, erzählt Lundgren, „meine Stücke mit diesen Musikern, meinen Favoriten, interaktiv zu etwas gemeinsamen Neuen zu machen. Ich habe gerne Konzeptalben gemacht, hier aber hat sich das Konzept quasi hinterher von selbst ergeben.“

Diese Favoriten, das sind auf der Melodieseite der großartige finnische Altsaxofonist Jukka Perko, und in der Rhythmusgruppe zum einen Morten Lund am Schlagzeug, der zuletzt mit Lars Danielsson und Marius Neset spielte, aber schon 2000 in Jan Lundgrens damaligem Trio saß. Zum anderen ein Landsmann und alter Bekannter ist auch Bassist Dan Berglund, freilich hat Lundgren mit dem einst beim Esbjörn Svensson Trio gut und exklusiv Beschäftigten noch nie gespielt. „Ich hatte diese Besetzung schon lange im Kopf. Vor vier Jahren haben wir uns in Mailand beim Festival getroffen und das Projekt verabredet“, erinnert sich Lundgren. Wie so oft dauerte es bis zur Umsetzung ein Weilchen, aber in diesem Fall hat sich das Warten gelohnt: Derart fantastisch harmonierende Quartette sind selten.

Schon beim Einstieg passt kein Blatt Papier zwischen die Vier: Das Titelstück „Potsdamer Platz“ strotzt nur so vor Spielfreude und positiver Energie. Die Ballade No. 9 spiegelt dann das andere Ende des emotionalen Spektrums des Albums wieder. Mit ihrer wunderschönen Melodie zeigt sie, welch gefühlvoller Songschreiber Lundgren ist. „Sophisticated“, wie die Amerikaner diese extrem gepflegte Art des Musizierens nennen, klingt „Lycklig Resa“, der schwedische Klassiker, welcher lyrisch beginnt, aber schnell einen unbestechlichen Groove entwickelt. Beim „Twelve Tone Rag“ wird es virtuos und verzwickt, die tragende Melodie ist tatsächlich auf einer Zwölfton-Skala aufgebaut und in einen rasanten Bebop-Rahmen eingefügt. Ob es melancholisch-romantisch („On The Banks Of The Seine“) oder fiebrig-funky („Bullet Train“) weitergeht, ob Osteuropäisches zu Folk-Jazz umgeformt („Dance Of Masja“) oder Haltung gezeigt wird („Song For Jörgen“ ist eine Hommage an Lundgrens ehemaligen, früh verstorbenen Universitätslehrer Jörgen Nilsson, einer Schlüsselfigur des südschwedischen Jazz) – stets begeistert die Lässigkeit und Leichtigkeit, die dieses Album durchzieht. 

Dabei kann niemand Lundgren, seinen Begleitern oder dem Album vorwerfen, man würde nichts riskieren. Mutig wirft sich hier jeder in die Fluten, probiert viel aus, wagt alles, ohne aber je „schwierig“ zu werden. Es fügt sich bei diesen Meistern einfach wie von Zauberhand, so elegant, wie auch das Album zu seinem Titel kam. „Ich hatte weder für dieses Stück noch für das Album einen Namen. Wir nahmen ja in den Hansa-Studios gleich am Potsdamer Platz auf, und als ich eines Tages im Hotel aufwachte, hatte ich es plötzlich: ‚Potsdamer Platz‘ passte perfekt zu diesen großstädtisch vorwärts hoppsendem Thema, zu dem Marsch-artigen Funk, zu dieser nicht gerade ‚schönen‘ Kraftdemonstration. Wenn der Potsdamer Platz in gewisser Weise für das neue Deutschland steht, steht er hier als Titel ebenfalls für etwas Positives, für die positive Kraft, die Musik für mich immer ausstrahlen sollte; für einen Aufbruch, für etwas Bewegendes.“ In der Tat ist mit Lundgrens Quartett nach dem Gefühl der vier Musiker etwas zusammengewachsen, was zusammengehört.