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Jan Lundgren
European Standards

Zoltan Csörsz Jr., Jan Lundgren, Mattias Svensson - ©ACT / Martin Magntorn
Zoltan Csörsz Jr., Jan Lundgren, Mattias Svensson - ©ACT / Martin Magntorn
Zoltan Csörsz Jr., Jan Lundgren, Mattias Svensson - ©ACT / Martin Magntorn
Zoltan Csörsz Jr., Jan Lundgren, Mattias Svensson - ©ACT / Martin Magntorn

Produktinformationen

Besetzung

Jan Lundgren - grand piano, fender rhodes
Mattias Svensson - bass
Zoltan Csörsz Jr. - drums, percussion


Aufnahmedetails

Recorded, mixed and mastered by Stefano Amerio at Artesuono Recording Studios, Cavalicco (Udine), Italy, October 2 - 7, 2008
Supervised by HR Music / René Hess
Executive Producer: Siegfried Loch


Jan Lundgren war noch immer für eine Überraschung gut – angefangen mit seiner Entscheidung für eine Pianistenkarriere, obwohl er doch als eines der größten schwedischen Tennistalente galt. Dass er lange Jahre den Weg in die Klassik anstrebte, bevor er – schon über 20 – eher zufällig seine Liebe zum Jazz entdeckte, prägte methodisch sein Studium am renommierten College of Music in Malmö und seine ersten Profijahre: Wie kaum ein anderer Europäer vertiefte er sich ins Great American Songbook; die tiefe Verehrung für die Piano-Granden von Erroll Garner und Bill Evans bis zu Oscar Peterson oder Bud Powell merkt man seinen ersten, in extrem rascher Folge entstandenen Alben zwischen 1994 und 1996 an.

Umso größer war die Überraschung, als Lundgren 1997 mit der CD Swedish Standards eine unerhört stimmungs- und geschmackvolle Verarbeitung der reichen schwedischen Folkloretradition folgen ließ – lange bevor mit dem weltmusikalischen Paradigmenwechsel viele andere Jazzer die Volksmusiken ihrer Länder entdeckten. Das Album wurde in Schweden ein Sensationserfolg, mehrfach ausgezeichnet (unter anderem als beste Jazz-CD des Jahres) und stürmte sogar die Pop-Charts. Der Status als Meilenstein in der schwedischen Jazzgeschichte ist aber nur ein Grund dafür, dass Swedish Standards nun bei ACT wiederveröffentlicht wird (ACT 9022-2). Ein anderer ist, dass das Album gewissermaßen den Beginn von Lundgrens faszinierenden Wanderungen dokumentiert, die ihn unter anderem in mediterrane Klangwelten – mit Paolo Fresu und Richard Galliano auf Mare Nostrum (ACT 9466-2) – und bis zurück zur Renaissancemusik – Magnum Mysterium (ACT 9457-2) – führten. Vor allem aber ist es der Ausgangspunkt für Lundgrens neuestes Werk, das, wie könnte es anders sein, erneut eine Überraschung bereit hält.

European Standards (ACT 9482-2) stellt die logische Erweiterung von Swedish Standards dar, eine Reise durch zehn Länder Europas, von den deutschsprachigen über die romanischen bis hin zu den slawischen, jedes repräsentiert durch manchmal sehr populäre, manchmal fast unbekannte, in jedem Fall „typische“ Songs. Typisch nun nicht mehr nur im volksmusikalischen, sondern fast schon im mentalitätsgeschichtlichen Sinn. So ist zwar beispielsweise Österreich durch ein klassisches Wienerlied („Wien, Du Stadt Meiner Träume“) vertreten, Deutschland aber – neben Kurt Weills in Amerika entstandenem „September Song“ – durch die „Computer Liebe“ von „Kraftwerk“, den sehr spezifisch deutschen Elektronikpionieren des Pop.

Wohl augenblicklich an Frankreich dürfte man bei Michel Legrands „Le Moulin De Mon Cœur“ und Francis Lais „Un Homme Et Une Femme“ denken; ebenso an Großbritannien beim Beatles-Song „Here, There And Everywhere“. Eine ausgefallenere Wahl hingegen ist beispielsweise der Titeltrack zu Roman Polanskis Film „Rosemaries Baby“. Doch selbst dieser für eine Hollywood-Produktion entstandene Song führt einen schnell in sein Entstehungsland. „Der Komponist Kzysztof Komeda ist eben Pole, und ich glaube, dass die Herkunft sich zwangsläufig in der Musik niederschlägt“, erläutert Lundgren.

Leicht hat es sich Lundgren bei den European Standards jedenfalls nicht gemacht: „Wir haben unglaublich viel gehört und recherchiert. Manche Songs hatten wir schon lange im Sinn, andere kannten wir vorher überhaupt nicht. Das Schweizer ,Stets I Truure’ etwa wurde mir von einem Freund als geeignet empfohlen. Ebenso das spanische ,Yo Vivo Enamorao’“, erzählt er. Logisch und mutig zugleich, dass Lundgren für seine schwedische Heimat eine Esbjörn Svensson-Komposition ausgewählt hat. „Pavane – Thoughts Of A Septuagenarian“ ist als abschließendes Klaviersolo eine ergreifende Hommage an den unlängst so tragisch verstorbenen Freund und Kollegen.

Doch nicht nur durch das überzeugende und überraschende Repertoire ragt dieses Projekt unter allen ähnlich angelegten heraus. Vor allem verblüfft die Meisterschaft, mit der Lundgren das Ausgangsmaterial, das ja unterschiedlicher nicht sein könnte, in ein homogenes, traumhaft fließendes und schlüssiges Album zu verwandeln versteht. Sein inzwischen unverwechselbarer Personalstil, ein sehr ökonomisches, federnd leichtes und doch thematisch weit ausgreifendes Spiel, überformt hier alle Vorlagen. Und ergänzt sich ideal mit dem ebenso lyrisch grundgestimmten, aber rhythmisch stets forcierten Spiel seiner beiden Begleiter Mattias Svensson am Bass und Zoltan Csörsz jr. am Schlagzeug.

Warum Lundgren nicht wieder eine europäische Allstar-Besetzung aufgeboten hat wie bei Mare Nostrum? „Das ist ein Bandprojekt. Wir haben viele, viele, viele Stunden zusammen daran gefeilt, zusammen geübt und zusammen gespielt“, erklärt er. Sein Studienfreund Mattias Svensson, mit dem Lundgren bereits etliche seiner Alben eingespielt hat, war da bestimmt die richtige Wahl. Genau wie der ebenfalls in Malmö ausgebildete 32-jährige Csörsz, der schon in seiner früheren Heimat Ungarn als Wunderkind galt und heute dank seiner Vielseitigkeit und Klasse – er spielt zum Beispiel in der populären Progressive Rockband „Flower Kings“ – einer der gefragtesten Drummer Skandinaviens ist.

So perfekt eingespielt präsentiert sich dieses Trio hier, dass man – vielleicht das größte Kompliment für ein derartiges Projekt – die Mühen der Entstehung nicht hören kann. In jedem Fall ist Jan Lundgren mal wieder eine höchst angenehme Überraschung gelungen.