Ein Pionier des
„Great European Songbook“

Jan Lundgren - © ACT / Thomas Schloemann
Jan Lundgren - © ACT / Thomas Schloemann
Jan Lundgren 1 - © ACT / Thomas Schloemann
Jan Lundgren 1 - © ACT / Thomas Schloemann
Jan Lundgren 2 - © ACT / Thomas Schloemann
Jan Lundgren 2 - © ACT / Thomas Schloemann

Mit fünf erhielt der 1966 in Südschweden geborene Jan Lundgren den ersten ernsthaften Unterricht: auf dem Klavier und im Tennis. Bei beidem erwies er sich als hochtalentiert. So wurde er als Jugendlicher von den einen als neuer Adolf Wiklund, von den anderen als neuer Björn Borg gehandelt. Zum Glück für alle Jazzfreunde hat Lundgren sich am Ende für die Musik entschieden. Freilich zunächst für die Klassik, eher zufällig und spät entdeckt Lundgren den Jazz - um sich dann umso konsequenter auf die neu entdeckte Welt zu werfen.

Er geht mit 20 zum Studium ans renommierten Royal College of Music nach Malmö – der Legende nach wird er unter der Bedingung aufgenommen, dass er auch gleich die Pianistenstelle in der weithin bekannten Monday Night Big Band übernimmt. Er spielt bald mit allen bekannten Jazzern Schwedens, von seinem Mentor Arne Domnerus bis zu Putte Wickman oder Bernt Rosengren. Doch er reist auch früh (und bis heute) immer wieder in die USA, um mit Legenden wie Benny Golson oder Johnny Griffith zu arbeiten. Dank seiner herausragenden Technik und dem musikwissenschaftlich-historischen Sinn, den ihm die Klassik vermittelt hat, eignet sich Lundgren in kürzester Zeit ein enzyklopädisches Wissen über die amerikanische Jazzpianisten-Tradition an und beherrscht bald alle Stile vom Early bis zum Modern Jazz. Was freilich nur das Roh-Material für seine eigene Musik ist, wie sich schnell zeigt.

Lundgrens bereits viel beachtetes schwedisches Debütalbum „Conclusion“ erscheint 1994, ein Jahr später gründet er sein eigenes Trio mit den Kommilitonen Matthias Svensson am Bass und Rasmus Kihlberg (von 2000 an mit Morten Lund, seit 2007 mit Zoltan Csörsz) am Schlagzeug, das auf den Durchbruch nicht lange warten muss: Das 1997 veröffentlichte Album „Swedish Standards" wird ein Best- und Longseller, landet bis in den schwedischen Pop-Charts und wird – 2009 sogar neu aufgelegt - selbst zum Standard. Sechs weitere, vielfach preisgekrönte und kommerziell ebenfalls erfolgreiche Alben in dieser Besetzung folgen bis 2003. Die intensive Tourneetätigkeit des Trios gipfelt im Juni 2000 in einem Konzert in der Carnegie Hall in New York. Im Rahmen von "Swedish Jazz Salutes the USA" ist er der erste skandinavische Jazzpianist, der in diesem so geschichtsträchtigen Saal auftritt.

Freilich wirft sich der Worcaholic Lundgren stets auch auf viele andere Projekte. Gut 50 Alben hat Lundgren bis heute unter seinem Namen oder als Co-Leader für prominente Labels (von 2005 bis 2009 und wieder seit 2014 exklusiv für ACT) eingespielt, Dutzende weitere als Begleiter. Dabei arbeitete er mit nahezu allen wichtigen schwedischen Musikern und mit zahlreichen internationalen Jazzstars wie Mark Murphy, Harry Allen, Lee Konitz oder Stacey Kent. Etliche der CDs hat er auch selbst produziert. Im durch Henning Mankells Wallander-Krimis weltbekannten Ystad, wo er seit 2005 wohnt, gründete Lundgren 2010 das „Ystad Sweden Jazz Festival“, das schnell zu einem der wichtigsten in Europa wurde und dem er bis heute als künstlerischer Leiter verbunden ist.

Als Pianist wie als Komponist ist Lundgren ein Pionier der Emanzipation des europäischen vom amerikanischen Jazz, ein Vorreiter der neuen Generationen: In ihm vereinen sich die Virtuosität, die Tongestaltung und das Formbewusstsein der europäischen Klassik mit der Rückbesinnung auf die eigenen volksmusikalischen Traditionen, mit dem Kanon des amerikanischen Jazz wie mit der unbändigen Lust an der Improvisation. Das prädestiniert ihn für genreübergreifendes Musizieren jeder Art, ob er mit dem klassischen Trompeter Hǻkan Hardenberger einer aufregenden Melange aus modernen Klassik und freier Musik arbeitet oder mit dem schwedischen Schriftsteller Jacques Werup an einem interdisziplinären Experimenten; ob er sich bei „Mare Mysterium“ mit dem Bassisten Lars Danielsson und dem Gustaf Sjökvist Chamber Choir der Sakralmusik der Renaissance widmet; ob er eine Hommage an den viel zu früh verstorbenen Pianisten Jon Johansson - ein Pionier des Jazz mit schwedischer Folklore vermischenden „nordic sound“ und somit erklärtermaßen ein direktes Vorbild – auf Platte bannt („The Ystad Concert – A Tribute to Jan Johansson“ 2016); oder live in den großen Konzertsälen Europas an den großen Grenzgänger Leonhard Bernstein erinnert.

Gewissermaßen die Quintessenz von Lundgrens Wirken ist das Trio, das ein Kritiker nicht zu Unrecht „Europas erste Supergroup“ genannt hat: Das „Mare Nostrum“-Projekt, bei dem sich sein stiloffener, raumöffnender, stets melodischer Personalstil mit den mediterran geprägten Klangwelten des sardischen Trompeters Paolo Fresu und des französischen Akkordeonisten Richard Galliano kongenial ergänzt. Das 2007 erschienene Debütalbum dieses gleichberechtigten Kollektivs ist mit mehr als 50.000 verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten der jüngeren Jazzgeschichte. Inzwischen liegt mit zwei weiteren, jeweils in einem anderen Heimatland der Musiker aufgenommenen Produktionen – die jüngste erschien im Januar 2019 – eine fulminante Trilogie dieser großen Musik-Poeten vor, die den Standort des europäischen Jazz neu definiert. Und mit der sich Jan Lundgren erneut als Mitgründer einer Art „Great European Songbook“ erweist.