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Georg Riedel & Jan Johansson - ©Susanne Schapowalow
Georg Riedel & Jan Johansson - ©Susanne Schapowalow
Jan Johansson - ©Susanne Schapowalow
Jan Johansson - ©Susanne Schapowalow

Produktinformationen

Besetzung

Jan Johansson / piano
Georg Riedel / bass
Rune Gustafsson / guitar
NDR-Studioband - [[NDR Jazzworkshops]]


Aufnahmedetails

Recorded from 1964 - 1968, except #13 from 1973
All music produced and recorded by NDR Norddeutscher Rundfunk Hamburg, Germany


Dem schwedischen Film hat Ingmar Bergmann mit seinen Reflektionen über die Familie und ihre Abgründe für Jahrzehnte das Thema und eine eigene Ästhetik vorgegeben. Auf ähnliche Weise hat der Pianist Jan Johansson mit seinem Rückgriff auf die einheimische Volksmusik dem schwedischen, ja dem skandinavischen Jazz und seiner ästhetische Außenwirkung bis heute die Richtung gewiesen. Er war dabei vielleicht nicht der einzige und erste – der Trompeter Bengt-Arne Wallin hatte 1962 mit dem Album „Old Folklore in Swedish Modern“ sozusagen den Startschuss gegeben -, doch erst seine 1963 erschienene Platte „Jazz pa Svenska“ wurde als Millionenseller wie wegen seiner zeitlos gültigen Volkslied-Interpretationen die Richtschnur für diese Art nordischer Improvisationsmusik.

1931 in Söderhamn geboren, widmete sich Johansson Anfang der fünfziger Jahre nach einem abgebrochenen Elektrotechnikstudium ganz der Musik. Nachdem er sich unter anderem in den Bands von Kenneth Fagerlund und Gunnar Johnson einen Namen gemacht hatte, begleitete er von 1958 bis 1960 Stan Getz und parallel dazu in der Hausband des Kopenhagener Jazzhus Montmartre weitere US-Stars wie Oscar Pettiford, die von der ersten Blüte des schwedischen Jazz angezogen worden waren und sie ihrerseits förderten. Johansson wurde außerdem das erste europäische Mitglied bei Norman Granz‘ „Jazz at the Philharmonics“, bevor er 1961 mit seiner Frau und den zwei Söhnen nach Stockholm zog und dort seinen bis heute nachwirkenden Stil ausprägte.

Ohne Zweifel würde Jan Johansson heute zu den international berühmten europäischen Jazzstars gehören, auf einer Stufe mit Namen wie Albert Mangelsdorff, wäre er nicht tragischerweise 1968, erst 37 Jahre alt, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Dass er am 9. November 2011 seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, ruft nun ACT, das wichtigste Label für schwedische Jazzmusik, mit dem Album „Jan Johansson in Hamburg with Georg Riedel“ (ACT 9510-2) in Erinnerung. Herausragende Einspielungen für den NDR aus den Jahren 1964 bis 1966 sind darauf versammelt, unter anderem solche, die bei den legendären NDR-Workshops entstanden sind. Johansson spielte hier mit „New Faces from Sweden“ wie dem Holzbläser Arne Domnerus, dem Flötisten Claes Rosendahl oder dem Gitarristen Rune Gustafsson und auch mit der NDR-Studioband – immer aber mit dem Bassisten Georg Riedel.

„Wir waren gute Freunde, haben täglich telefoniert, wenn wir uns nicht ohnehin gesehen haben,“ erinnert sich der 1934 im Sudetenland geborene und mit vier Jahren nach Schweden gekommene Riedel. Schon ab Mitte der fünfziger Jahre war er Johanssons Begleiter geworden. „Die schwedische Jazzwelt war ja nicht so groß. Alle kannten sich. Jan und ich spielten erst im selben Orchester mit Arne Domnerus, dann hatten wir ein Trio und ein Duo.“ Für Riedel ist die Ausnahmestellung Johanssons klar: „Für mich wie für viele andere war er damals die Nummer eins. Nicht nur, weil er diese schwedische Folklore so unverwechselbar gespielt hat, sondern auch wegen seiner avantgardistischen Seite, die sehr bedeutend war. Die war so modern, dass selbst das meiste, was junge Jazzer heute spielen, eigentlich nicht fortschrittlicher ist als das, was Johansson damals gemacht hat. Und auch als Pianist war er eine Ausnahmeerscheinung.“ Wie fantastisch Johanssons Technik war, kann man zum Beispiel auf Youtube sehen: Da ist er mit Stan Getz bei „Jazz at the Philharmonics“ zu sehen.

Man hört all die herausragenden Qualitäten Johanssons nun auch auf „in Hamburg with Georg Riedel“, auf Pretiosen, die seit 35 Jahren in den Archiven schlummerten: Von den zauberhaft luftigen und frei umspielten, undefinierbar melancholischen, eben „nordisch jazzigen“ Bearbeitungen schwedischer Volkslieder wie „Visa från Utanmyra“, „Gånglek från Älvdalen“ oder der „Polka från Jämtland“ über ebenso meisterliche Adaptionen amerikanischer Standards wie „Nature Boy“ und „Yesterdays“ bis zu Georg Riedels Komposition „Sommar adjö“.

Man spürt, dass die Aufnahmen unter besonders förderlichen Umständen entstanden. Riedel erinnert sich: „Die Arbeit beim NDR war für uns sehr wichtig. Wir haben regelmäßig, so ein- bis zweimal im Jahr dort etwas eingespielt. Ich glaube, dass nicht zuletzt deswegen schwedischer Jazz zu dieser Zeit sehr bekannt in Deutschland war. Produzent Hans Gertberg hat immer die verschiedensten europäischen Jazzmusiker zu den Workshops eingeladen und eben auch sehr viele schwedische. Das Besondere war die Kreativität, die dort entstand. Gertberg wollte meistens, dass wir nicht unser gewöhnliches Repertoire spielen, sondern etwas Spezielles für den Workshop schaffen. Meistens auch in einer eigens zusammengestellten Besetzung.“

Ein anderes Erbe Johanssons hat Georg Riedel sozusagen im Alleingang weitergeführt. Kurz vor seinem Tod hatte Johansson den Auftrag angenommen, für den ersten Pippi-Langstrumpf-Film die Musik zu schreiben. „Weder er noch ich hatten uns vorher mit Musik für Kinder beschäftigt. Ein Demo mit der Melodie von „Här kommer Pippi Långstrump“ war dann alles, was wir nach seinem Unfall hatten.“ Riedel hat die Arbeit an den Astrid-Lindgren-Verfilmungen dann bis in die 80er Jahre weitergeführt. Als eine Hommage an seinen Schöpfer bildet das weltweit bekannte Kinderlied den Abschluss von „Jan Johansson in Hamburg“ – eine Erinnerung an eine viel zu früh verstorbene Jazzlegende.