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Iiro Rantala
My History Of Jazz

My History Of Jazz
My History Of Jazz

Produktinformationen

Besetzung

iiro rantala / piano
lars danielsson / bass & cello
morten lund / drums
adam bałdych / violin


Aufnahmedetails

Produced by Siggi Loch with the artist

Recorded by Bo Savik, April 19 & 20, 2012 at Tia Dia Studios Mölnlycke, Sweden

“September Song” was played on the "Alfred Brendel - Steinway D" and recorded by Klaus Scheuermann, June 18, 2012 at the ACT Art Gallery in Berlin

“Caravan” was played on a Bösendorfer Imperial and recorded by Antoine Desmons, July 9, 2012 at the Montreux Jazz Festival (Petit Theatre / Montreux Palace), Switzerland

Cover art by Joel Shapiro © 2005 – 2007, courtesy Galerie Karsten Greve Cologne, St. Moritz, Paris


Derzeit wird wieder grundsätzlich diskutiert: Was ist Jazz, wem gehört er, und wo fängt er an. Zumindest letzteres ist für den finnischen Pianisten Iiro Rantala kein Thema: „Johann Sebastian Bach und seine Musik kamen schon in mein Leben, als ich sechs war.“ Kein Wunder also, dass Bach für sein neues ACT-Album „my history of jazz“ gewissermaßen die Klammer abgibt: In die ganz klassisch gespielte Aria ist Rantalas ganz persönliche Geschichte der Musik eingebettet, die ihn mit 13 in ihren Bann zog: „Seitdem wollte ich Improvisator, Komponist, Bühnenkünstler und Bandleader werden“. Ein universales Konzept, das auch die fünf höchst unterschiedlichen Improvisationen über die Goldberg Variationen zeigen, mit denen Rantala das Album wie an einer Kette auffädelt.

Und so ist „my history of jazz“ das logische und schlüssige Gegenstück zu Rantalas ACT-Debüt „Lost Heroes“, auf dem er nicht mehr unter uns weilenden musikalischen Vorbildern oder Geistesverwandten ein einzigartiges, persönliches Denkmal setzte - so einzigartig, dass es ihm unter anderem den Echo Jazz und den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik eintrug. Schon da gehörten die finnischen Klassiker Jean Sibelius und Pekka Pohjola ebenso selbstverständlich zu Rantalas Vorlagengebern wie die völlig unterschiedlichen Jazzpiano-Legenden Art Tatum, Erroll Garner oder Michel Petrucciani. Diesmal finden mit George Gershwin („Liza“), Kurt Weill („September Song“), Duke Ellington beziehungsweise sein Ventilposaunist Juan Tizol („Caravan“) Thelonious Monk („Eronel“) und der schwedische Cool Jazz-Saxophonist Lars Gullin („Danny’s Dream“) große Komponisten direkt Eingang in Rantalas Reich.

Rantala stellt sich mit „my history of jazz“ an die Spitze einer neuen Pianisten-Generation, die sich vom überzogenen Kult ums „ganz Neue“ frei macht und wieder an die alte Jazztradition anknüpft, die großen Erfinder des Fachs zu studieren, zu verehren und für die eigenen Klänge zu verwenden. „Das Tolle am Musikerdasein ist doch, dass man nicht alles selbst erfinden muss“, sagt Rantala. „Du kannst deine Vorgänger anhören und von ihnen lernen. Viele Leute fragen mich, was meine Einflüsse sind, wen ich mag und wen ich mir zurechtgelegt habe. Ich war da immer sehr offen.“ Die Frage ist eben, was man aus der reichen Tradition macht. Ob man Nachahmer bleibt oder sie wie Rantala respektvoll bemüht, um seine eigene Musik zu finden.

Vor allem die fünf eigenen Kompositionen auf „my history of jazz“ wollen einem nicht mehr aus dem Kopf gehen: Ob er in „Americans In Paris“ die romantische Jazztradition – die ja selbst an die deutschen und französischen Impressionisten anknüpfte – aufleben lässt; ob er in „Bob Hardy“ die Rhythmik des Swingbob vom Hot bis zum Modern Jazz durchdekliniert; ob er im mitreißenden „Smoothie“ – vielleicht dem Ohrwurm des Albums – seine minimalistische Antwort auf die nordische Jazzrevolution der vergangenen Jahre gibt; ob er mit „What Comes Up, Must Come Down“ seinen Beitrag zu den aktuellen eskapistischen Piano-Solos leistet; oder ob er mit „Uplift“ den Pop umarmt - Rantala beweist stets eindrucksvoll, dass er ein Stilist von eigenen Gnaden ist, einer, der alle Stile sprengt und - getragen von konkurrenzloser Technik – neu konstituiert. Und das in beispielloser Variabilität, die er so erklärt: „Ich war nie dem Blues Piano zugewandt oder dem, was man Mainstream Jazz nennt. Deswegen fehlt das auf „my history of jazz“. Ansonsten kann sich niemand über einen Mangel an stilistischer Abwechslung beschweren, denke ich: Man wird hier Barockes, Ragtime, Bebop, Swing hören, skandinavische Melancholie, Balladen französischer Prägung, Fusion, Smooth Jazz und sogar Tango.“

Für diese einzigartige, ganz auf Melodien konzentrierte Mischung voller verschiedener Stimmungen fand Rantala kongeniale Mitstreiter: Den filigranen dänischen Schlagzeuger Morten Lund, der vor allem mit Italienern wie Enrico Rava, Paolo Fresu oder Stefano Bollani sein umfassendes Jazzverständnis nachwies. Dann den Bassisten, Cellisten und ACT-Star Lars Danielsson, der die Saiten wieder unverwechselbar singen lässt. Und schließlich die jüngste ACT-Entdeckung Adam Baldych, dem nicht nur ebenfalls klassisch ausgebildeten, sondern vielleicht klangfarbenreichsten und ausdruckstärksten Geiger, den der Jazz bisher hatte – man höre nur sein gezupftes Intro von „Smoothie“.

Für Piano-Spezialisten mag es ein Bonus sein, dass Rantala für dieses Album neben dem Steinway der Tia Dia Studios im schwedischen Mölnlycke auch noch zwei andere fantastische Flügel bedient: Der „September Song“ erklingt auf Alfred Brendels Steinway D, „Caravan“ auf dem Bösendorfer Imperial des Montreux Jazz Festivals. Auch das schafft Bezüge. Und so rundet sich Rantalas „my history of jazz“ zu einer individuellen Antwort auf die aktuell diskutierten Fragen: Wenn ein kreativer Geist mit überragender Beherrschung seines Instruments die Musikgeschichte auf einen Augenblick verdichtet, dann kann Jazz die neue Klassik sein.