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Red Onions
Red Onions

Produktinformationen

Besetzung

Hugo Siegmeth – tenor saxophone & clarinet
Carsten Daerr – piano
Henning Sieverts – bass
Bastian Jütte – drums

Special Guests:
Geoff Goodman – guitar & banjo
Modern String Quartet :
Jörg Widmoser – violin
Winfried Zrenner – violin
Andreas Höricht – viola
Jost-H. Hecker – cello


Aufnahmedetails

Recorded and Mixed by Florian Oestreicher at Realistic Sound Studio, München, Germany
Produced by Siegfried Loch


Der zeitlose Charme der roten Zwiebeln "Red Onions": Der junge Saxophonist Hugo Siegmeth huldigt dem Ahnen Sidney Bechet und strahlt aus ganz eigener Kraft in dessen Sonne

"Von keiner Musik könnte ich sagen, sie ist meine Musik. Sie gehört jedem, der sie fühlen kann. Man muss in der Sonne sein, um die Sonne zu spüren. Genau so ist es mit der Musik." (Aus Sidney Bechet: "Treat It Gentle. An Autobiography".)

Nur Louis Armstrong war Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts über die Jazzgemeinde hinaus noch populärer als er. Fest steht: Sidney Bechet hatte eine Aura wie nur die wenigsten. Der Klarinettist und erste prägende Sopransaxophonist der Jazzgeschichte war auch der erste Künstler auf dem von Francis Wolf und Alfred Lion gegründeten berühmten Blue-Note-Label und gilt noch heute als eine der größten Persönlichkeiten des Jazz. Geboren am 14. Mai 1897 in New Orleans, der Wiege des Jazz, starb er an seinem Geburtstag im Jahr 1959 in Paris, der damals unbestrittenen Hauptstadt des europäischen Jazz. In Frankreich, so stellte Joachim Ernst Berendt einst fest, war Bechet, der sich dort Ende der vierziger Jahre niedergelassen hatte, so beliebt, dass man ihn zum Bürgermeister von Paris hätte wählen können. Aber auch außerhalb Frankreichs hat kaum jemand mehr für die Popularisierung des Jazz in Europa getan als er. ACT-Labelchef Siegfried Loch erinnert sich: "Ich erlebte Bechet 1955 in Hannover. Es war mein erstes Jazz Konzert überhaupt. Auf Anhieb hat mich der "little big man" mit dem Jazzbazillus infiziert und mein Leben für immer verändert." Nun veröffentlicht ACT am 14. Mai (2006), dem Geburts- und Todestag des großen Musikers, eine Hommage an Bechet – und zwar durch einen jungen deutschen Jazzmusiker, der damit auch sein Debüt bei ACT feiert: Saxophonist und Klarinettist Hugo Siegmeth.

Eine musikalische Huldigung ein halbes Jahrhundert später: Das ist im Falle Siegmeths – paradox gesprochen – die Verbeugung eines Aufrechten. Denn der 1970 in Rumänien geborene und in Deutschland aufgewachsene Musiker, der sich in den letzten Jahren ein immer stärkeres Profil als plastischer, punktgenauer Improvisator, Bandleader und Komponist so griffiger wie subtiler Stücke erarbeitet hat, will Bechet keinesfalls imitieren – weder als Solist noch vom stilistischen Kontext her. "Ich wollte in meiner eigenen Sprache mit dem Material umgehen", sagt Siegmeth. Und diese Sprache ist nicht zuletzt durch die moderne Schule des Tenorsaxophons geprägt, das Lakonisch-Kraftvolle eines Sonny Rollins, das Formbewusstsein eines Wayne Shorter und die schillernde Farbenvielheit eines Joe Henderson etwa. Auf dieser CD nun stellt Siegmeth Parade-Stücke aus dem Repertoire Bechets in eine heutige Klang-Umgebung. Außerdem spielt er bewusst in keinem Stück das von Bechet so stark charakterisierte Sopransaxophon, sondern ausschließlich Tenorsax und Klarinette.

Musik von Bechet ohne Dixie-Flair und ohne Sopransax also: Das eröffnet mannigfaltige und aufregende Facetten. Siegmeth spielt viele Stücke mit seinem hervorragend besetzten Quartett – in dem er drei hoch renommierte Partner aus der aktuellen deutschen Szene hat, nämlich Pianist Carsten Daerr, Bassist Henning Sieverts und Schlagzeuger Bastian Jütte. Einzelne Nummern erklingen im Trio, also ohne Klavier. Bei vier Titeln ist ein Streichquartett mit von der Partie, das Modern String Quartet um Geiger Jörg Widmoser. Und als weiterer Gast bringt Gitarrist und Banjo-Spieler Geoff Goodman zusätzliche überraschende Farben ein. Wenn es darum ging, wie Siegmeth auch sagt, "ein Bild von Bechets Schaffen in möglichst unterschiedlicher Beleuchtung zu zeigen", dann ist dies hier stilvoll und dazu äußerst unterhaltsam gelungen. Gershwins "Summertime" beispielsweise – eine der ganz frühen Blue-Note-Aufnahmen, die zu den bedeutendsten Bechet-Nummern zählt – wird hier geschickt durch einen vom Streichquartett kommenden Reggae-Rhythmus und einen subtil auf unerwartete Windungen des Ohrwurms setzenden Duktus verfremdet. Im "St. James Infirmary Blues" verblüfft nicht zuletzt das Banjo, das zu einer melancholischen Cello-Stimme fast an japanische Koto-Klänge erinnert. Eine subtile Glanznummer schließlich ist Scott Joplins "Maple Leaf Rag": Er ist hier ein Trio-Stück mit Saxophon, Bass und Schlagzeug, entwickelt im Wechsel von Siebener- und Vierertakt raffinierten Drive und klingt nach modernstem Trio-Jazz, obwohl sich Siegmeth beim Thema ganz nah an Bechets Interpretation gehalten hat.

Eigenkompositionen Bechets und Standards, für deren Interpretationsgeschichte Bechet eine wichtige Rolle spielte, machen einen wichtigen Teil dieser CD aus. Aber hervorstechend sind auch zwei Kompositionen Hugo Siegmeths, die Bechet gewidmet sind: Das elastisch swingende "Juan-Les-Pins" erinnert an den Ort, wo Bechet 1951 die Deutsche Elisabeth Ziegler heiratete; und das sehr zarte Stück "Treat It Gentle" mit Blues-Einflüssen über einer wiederholten und durch verschiedene Stufen transponierten Bassfigur (eine Jazz-Passacaglia also) greift den Titel von Bechets heute noch äußerst spannend zu lesender Autobiographie auf. Zwei Stücke, die zeigen, wie viel Respekt der 73 Jahre jüngere Musiker vor dem Ahnen hat – und wie inspirierend dessen klangliches Erbe für ihn ist. Könnte Bechet Siegmeths Hommagen hören, würde er wahrscheinlich sagen: "Meine Musik ist deine Musik, und deine ist meine. Du hast sie gefühlt. Sie gehört dir." Anders formuliert: Mit seinen Bechet-Hommagen steht Hugo Siegmeth in der Sonne – und strahlt dabei vor allem aus eigener Kraft.