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Gwilym Simcock
Duo Art: Reverie at Schloss Elmau

Simcock & Goloubev (c) ACT / David Forman
Simcock & Goloubev (c) ACT / David Forman
Simcock & Goloubev 1 (c) ACT / David Forman
Simcock & Goloubev 1 (c) ACT / David Forman

Produktinformationen

Besetzung

Gwilym Simcock / piano
Yuri Goloubev / bass


Aufnahmedetails

Produced by Siggi Loch with the artists

Recorded at Schloss Elmau by Adrian von Ripka, March 13, 2013
Mixed & mastered by Adrian von Ripka. Piano Tuner: Rudi Moser

Cover Art (Detail) by Philip Taaffe / ACT Art Collection


Es war nur eine Frage der Zeit, bis der 1981 geborene Waliser Gwilym Simcock an den Ort zurückkehren würde, an dem er seinen bisher größten Erfolg als Pianist gefeiert hat: Mit „Good Days at Schloss Elmau“ gelang ihm eine der besten Piano Solo-Einspielungen der vergangenen Jahre. Das Album wurde 2011 für den Mercury Prize, dem wichtigsten genreübergreifenden Award im britischen Commonwealth, nominiert, womit der plötzlich auf einer Stufe stand wie Popstar Adele. Beste Voraussetzungen also, um in der Abgeschiedenheit der bayerischen Voralpen im idyllischen Elmau erneut auf einen großen Wurf zu hoffen. Diesmal aber nicht allein, sondern mit dem Bassisten Yuri Goloubev: Am 13. März 2013 wurden die Aufnahmemikros eingeschaltet und es sollte erneut ein guter Tag für die Musik werden. „Reverie at Schloss Elmau“ ist der Beweis dafür - neun Träumereien zwischen Jazz und Klassik changierend, im intimen Dialog, gespielt von zwei Weltklassemusikern.

Dass Jazzmusiker, wie auch Simcock, auf einer klassischen Grundausbildung, aufbauen, ist inzwischen fast selbstverständlich. Doch wenn einer nach einer Weltkarriere in der Klassik noch zum Jazz „übertritt“, ist das bislang die absolute Ausnahme. Eine Ausnahme namens Yuri Goloubev. 1972 in Moskau geboren, saß der Frühvollendete bereits mit 19 Jahren im Orchester des Bolschoi Theaters und war der jüngste klassische Bassist der Sowjetunion wie bislang auch Russlands. 2002 erhielt er den Titel des „Staatskünstlers“ aus den Händen Wladimir Putins. Der Absolvent des legendären Moskauer Konservatoriums arbeitete mit Klassik-Stars wie Mstislaw Rostropovich, Gidon Kremer oder Thomas Quasthoff und spielte an allen großen Häusern der Welt, von der Carnegie und der Royal Albert Hall über den Wiener Musikverein bis zur Oper von Sidney. Und doch entschloss sich Goloubev 2004, dem Ruf nachzugeben, den er schon lange gehört hatte, dem Ruf nach größerer musikalischer Freiheit und persönlicher Ausdrucksfähigkeit. Er zog nach Mailand und wurde Jazz-Musiker, seine „wahre Berufung“, wie er sagt. Schnell sprach sich erst in der italienischen, dann in der europäischen Szene herum, was für einen außergewöhnlichen Neuzugang es gab: Roberto Giuliani, Paolo Fresu, Adam Nussbaum, Michel Portal und viele andere sicherten sich Goloubevs Dienste. Über den Perkussionisten Asaf Sirkis lernte Goloubev schließlich Gwilym Simcock kennen. Und schnell wurde klar, dass hier zwei zueinander gefunden hatten, die schon von ihrer musikalischen DNS her in denselben Kategorien denken und fühlen. Beide vereint der Wille, ihre romantisch-klassische Ader in den Jazzkontext zu überführen und so war die gemeinsame Klangreise auf „Reverie at Schloss Elmau“ eine logische Konsequenz.

Mit „Pastoral“ hat Simcock dem Album ein Präludium vorangestellt: Ganz ruhig und versammelt entspinnt sich ein einfaches, aber hypnotisches Thema, bei dem man zunächst an Satie oder Debussy denken könnte, das Simcock und Goloubev dann aber für Improvisationsteile und die verschiedensten harmonische Alterierungen öffnen. Die Kombination aus komponierter Struktur in klassischem Antlitz und der Bereitschaft zu ihrer spontanen Änderung durchzieht danach „Reverie at Schloss Elmau“. Stets wach, nehmen die beiden die Einfälle des anderen auf und setzen sie zu klar formulierten lyrischen Klanggemälden zusammen. So etwa bei Goloubevs ursprünglich für Akkordeon komponierter „Lost Romance“, die, wie es Goloubev selbst erklärt, „den Romantizismus des 19. Jahrhunderts mit Jazzharmonien verbindet, um eine spezielle Atmosphäre zu schaffen, in der die melodische Sprache der klassischen Moderne einen leichten Gegenwartsakzent bekommt.“ Pure Rhythmik ist dagegen „Antics“. Kein Wunder, komponierte Simcock das Stück doch zur Sommerolympiade für 50 Klaviere in den Straßen und Plätzen Londons.

Goloubevs humorvoll betitelte Komposition „Non-Schumann Lied“ demonstriert die Liebe für deutsche Komponisten des 19. Jahrhunderts, die er mit Simcock gemeinsam hat. Direkt dem genialen Partner gewidmet ist der „Vain Song“, die jazzigste Nummer. Goloubev erklärt ihn so: „Ich hatte oft die Ehre, Gwilyms wundervollen „Plain Song“ zu spielen. Ich fühlte mich inspiriert, gewissermaßen eine Erwiderung zu schreiben.“ Dass es auch Simcock gerne witzig, flott und fröhlich hat, demonstriert sein „Flow“, eine perlende und leuchtende Miniatur.

Das finale und titelgebende „Reverie“ schließlich wählte ebenfalls Goloubev aus. „Ich kenne das Stück von Giovanni Bottesini noch aus Studententagen, es ist Teil des klassischen Bass-Übungsrepertoires. Hier folgt Gwilym eher dem originalen Klavierteil und den Jazz-Skalen, die wir daraus abgeleitet haben.“ Wie zuvor schon auf „A Joy Forever“ spielt Goloubev den Bass mit dem Bogen, wie es nur ein klassischer Weltklassemusiker kann. Und auch vor dem unfassbar hohen Register wie bei „Flow“ müssen wohl die meisten reinen Jazzbassisten kapitulieren. Schon deshalb möchte man diesen Zuwachs aus dem klassischen Lager stürmisch begrüßen.