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Gerardo Nuñez © ACT / Georg Tuskany
Gerardo Nuñez © ACT / Georg Tuskany
Gerardo Nuñez 1 © ACT / Georg Tuskany
Gerardo Nuñez 1 © ACT / Georg Tuskany

Produktinformationen

Besetzung

Gerardo Núñez / flamenco guitar
Ángel Sánchez González “Cepillo” / percussion, palmas & vocals
Carmen Cortés García & Isabel Núñez Cortés / percussion, palmas & vocals
Pablo Romero / electric guitar
Albert Sanz & Pepe Rivero / piano
Mariano Díaz / keyboards
Pablo Martín & Antonio Ramos “Maca” / electric bass
Perico Sambeat / saxophone
Carlota Passos-Pereira Cortés , Coral Cortés García & Mario Cortés / vocals
Bilal Demiryurek , Juan Luis Cano , Luky Oyegue & Christians Lorys / voice


Aufnahmedetails

Produced by Gerardo Núñez
2nd Producer: Cepillo
Recorded by Cepillo & Basi (recording assistant) at Estudio El Gallo Azul in Madrid
and Ramón Salazar at Estudio La Azotea in Cádiz.
Mixed by Pablo Martínez and Daniel Pradillos at Musigrama, Madrid.
Mastered by Klaus Scheuermann.


Wenn der Flamenco-Gitarrist Gerardo Núñez zur Feder greift, hat er sonst eigentlich nur eines im Sinn: Musik. Als er aber für das nun vorliegende Album „Travesía“, seiner ersten, lang ersehnten Veröffentlichung nach „Andando El Tiempo“ (2004), zu schreiben begann, versuchte er eine ganz konkrete Geschichte zu erzählen, die ihn bewegte – die seiner Freunde Ahmed und Khaleb. Das spanische Wort „Travesía“ heißt übrigens so viel wie „Überquerung“.

Es war an einem Sonntag – ein ganz gemütlicher Strand-Nachmittag mit der Familie war geplant. Sonnen, Baden, Picknick, vielleicht ein paar Brett- oder Ballspiele. Doch am Horizont tauchte da plötzlich etwas Unvorhergesehenes auf: ein überfülltes Boot. Als sich der schwimmende Verhau näherte, war schnell klar, um was es sich handelte. Gerardo Núñez, seine Familie und die vielen anderen Menschen am Strand, blickten in die ausgemergelten Gesichter von afrikanischen Flüchtlingen. „Es waren Menschen, die sich südlich der Sahelzone aufgemacht hatten, um anderswo ihr Glück und ein besseres, würdigeres Leben zu finden. Für sie war Europa so etwas wie das El Dorado“, sagt Gerardo Núñez und schüttelt den Kopf. „Ich war erstaunt, wie hilfsbereit meine spanischen Landsleute waren. Sie versorgten die Afrikaner umgehend und halfen ihnen sogar, sich zu verstecken oder zu fliehen. Hätte die Polizei sie aufgegriffen, wären sie sofort wieder zurück in ihre Heimat geschickt worden.“

Mit zwei Männern aus dem Boot hat Gerardo Núñez Freundschaft geschlossen – besagten Ahmed und Khaleb. Heute arbeiten sie sogar mit dem Flamenco-Virtuosen zusammen. Der veranstaltet in einer andalusischen Bodega im Winter regelmäßig Konzerte, und die beiden Afrikaner helfen ihm bei der Vorbereitung seiner Auftritte.

„Auf „Travesía“ erzähle ich die Geschichte ihrer Reise. Und wenn man es genau nimmt, hat sie etwas mit der Geschichte des Flamenco gemein.“ Diese urspanische Art des musikalischen Ausdrucks wird schließlich vornehmlich von Gitanos, Zigeunern also, gespielt. Die Wurzeln des „fahrenden Volks“ aber liegen in Indien. Von dort aus machte es sich in alle Welt auf. „Der Flamenco“ ist in Andalusien unter vielen Einflüssen entstanden“, erzählt Gerardo Núñez, der damit auf das Reich des „Al Andaluz“ verweist, in dem die maurischen Eroberer über lange Zeit friedlich mit Christen und Juden zusammen lebten und eine einzigartige, fruchtbare Kultur schufen. „Auch zum Jazz gibt es Parallelen – er mag zwar andere Formen haben als der Flamenco, aber er profitiert ebenso von verschiedenen Backgrounds.“

Jazz gehörte zu den frühen musikalischen Lieben von Gerardo Núñez. Er war ganz hingerissen von der Musik, die die nahe seiner andalusischen Heimatstadt Jerez de la Frontera gelegene Radiostation einer US-Airbase in den Äther schickte: Charlie Parker, Thelonious Monk, John Coltrane... Zwar hat der aufstrebende Flamenco-Gitarrist in seiner Jugend die Traditionen seiner Musik bewahrt, als er schon damals namhafte Sänger und Tänzer begleitete – doch sobald er mit gleichaltrigen Freunden beisammen war, unterdrückte er seine vielseitigen musikalischen Interessen eben nicht und ließ sie ungehemmt mit einfließen. Für Puristen ist das ein absolutes No Go – sie plädieren für ein Reinheitsgebot des Flamenco. Diese Traditionalisten aber konnten nicht verhindern, dass Gerardo Núñez heute als der wichtigste und virtuoseste Flamenco-Neuerer nach dem großen Paco de Lucia gilt.

Gerardo Núñez` Persönlichkeit wuchs in Kollaborationen mit Musikern aus aller Welt, aus allen erdenklichen Genres. So hat er bereits mit Placido Domingo und Julio Iglesias, aber eben auch mit Eberhard Weber, Richard Galliano oder Enrico Rava gemeinsame Sache gemacht und war beim Projekt „Jazzpana II“ (2000, mit Michael Brecker, Chano Dominguez, Jorge Pardo, Perico Sambeat, Renaud-Garcia-Fons u.a.) tonangebend.

Travesía ist ein weiteres Dokument seines grenzübergreifenden musikalischen Denkens. Pop, Funk, Jazz und Latin frischen Gerardo Núñez` Flamenco auf, den er mit unvergleichlicher Technik und rauschendem Herzblut zelebriert. Bei dieser aktuellen Aufnahme leisteten seine Frau, die berühmte Tänzerin Carmen Cortéz (für die er schon manches Werk schrieb) und seine Tochter Isabel hörbare Hand- und Fußarbeit (Klatschen, Steppen). Beteiligt waren außerdem namhafte Jazzer wie der Saxofonist Perico Sambeat und der Pianist Albert Sanz, dann Percussionisten wie der legendäre „Cepillo“, der sich auch als Mitproduzent verantwortlich zeichnet. Gemeinsam ging es ihnen um die große Überquerung, um la travesía – die der Afrikaner über das Mittelmeer in die neue Heimat und die eigene - über alle Schlagbäume musikalischer Reiche hinweg.