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George Mraz
Duo Art: Together Again

George Mraz (c) ACT / Marc Dietenmeier
George Mraz (c) ACT / Marc Dietenmeier
Mraz & Viklicky (c) ACT / Marc Dietenmeier
Mraz & Viklicky (c) ACT / Marc Dietenmeier

Produktinformationen

Besetzung

George Mraz / bass
Emil Viklický / piano


Aufnahmedetails

Produced by Siggi Loch

Recorded at Realistic Sound Studio by Florian Oestreicher, January 16 & 17, 2013
Mixed and mastered by Klaus Scheuermann

Cover Art (Detail) by Philip Taaffe / ACT Art Collection


Der britische „Guardian“ schrieb vor einiger Zeit, ACT befände sich auf der Mission, die besten europäischen Pianisten auf seinem Label zu versammeln. Dass die nicht unbedingt aus Skandinavien kommen müssen, haben kreative Virtuosen wie Yaron Herman, Leszek Mozdzer oder Gwilym Simcock bewiesen. Und dass sie nicht jung sein müssen, beweist nun das ACT Debüt „Together Again“ von Emil Viklicky. Der 65-jährige Tscheche ist vielleicht zu bodenständig geblieben, um bei uns früher als das entdeckt zu werden, was er ist: Der „Patriarch des tschechischen Jazzpianos“, wie der Londoner Evening Standard meint. Und „einer der besten zeitgenössischen Pianisten, dessen Anschlag, Voicings und Akkordspiel sehr viel gemeinsam haben mit den großen Meistern des Geschmacks Tommy Flanagan und Jimmy Rowles“, wie die amerikanische „Jazz Time“ schon 2004 erkannte.
 
In einer musikalischen Familie in Olmütz aufgewachsen, nahm Viklicky zwar ein Mathematikstudium auf, das er auch mit Bravour abschloss, doch parallel dazu hatte er den Jazz entdeckt und so viel geübt, dass er schon 1974 beim tschechischen Amateur Jazz Festival zum besten Solisten gewählt wurde. Gleich danach nahm ihn Karel Velebny in sein SHQ Ensemble auf, die wohl renommierteste Jazzband der Tschechoslowakei. Viklicky gewann weitere Preise und schließlich ein Stipendium für ein Kompositionsstudium am Berklee College of Musik in Boston. Fast fünf Jahre durchlief er so das amerikanische System: „Ich habe da alles gelernt, was dazu gehört: Grundlagen der Komposition und des Arrangierens, aber auch, was sonst dazugehört zum Musikerberuf“, erinnert er sich.
 
Zurück in Prag kam ihm das zugute: Viklicky wurde nicht nur der beste Jazzpianist des Landes, sondern auch einer der höchstdekorierten Filmmusiker, einer der prägendsten Lehrer, einer der wichtigsten neoklassischen Komponisten und zeitweise nach der Wende auch Präsident der tschechischen Jazz Gesellschaft. In dieser Zeit traf er auch einen ehemaligen Landsmann wieder, der sozusagen vom gleichen Starthäuschen aus den anderen Weg genommen hatte: den vier Jahre älteren Bassisten George Mraz. Auch Mraz verdiente sich wie Viklicky die ersten Sporen bei Karel Velebny, auch er hat (früher als Viklicky) in Berklee studiert, danach sogar ein Jahr in München gelebt. Doch anders als Viklicky kehrte Mraz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht in die Tschechoslowakei zurück, sondern ging in die USA, um dort eine große Karriere zu machen. Auf bald 1000 Platten und CDs findet sich sein Name, kaum ein Großer des Jazz, mit dem er nicht gespielt hätte. Das Thad Jones/Mel Lewis Orchestra, Stan Getz, Tommy Flanagan und Richie Beirach (mit dem er auch drei Alben für ACT einspielte) waren die wichtigsten festen Stationen.

„George spielt den Bass, als ob er ihn erfunden hätte. Er spielt immer genau die richtige Note, die du hören willst“ hat Beirach einmal über ihn gesagt. Ebenso wichtig ist, dass Mraz als Kind zunächst Geige und Altsaxofon lernte: Wohl deshalb ist er der vielleicht beste Bogenspieler im Jazzbereich, besitzt er eine starke lyrische, gleichwohl zur Attacke fähige Ader und ein unverwechselbares Vibrato.
 
Es ist kein Wunder, dass Mraz nach zehn Jahren bei Tommy Flanagan ein paar Jahre später bei Viklicky landete. Kennengelernt hatten sich die beiden bereits 1976 auf einem Festival in Jugoslawien, 1997 fanden die beiden dann sozusagen zwangsläufig zueinander, hatten sie doch beide dieselbe Idee: die mährische Volksmusik, mit der sie als Kinder groß geworden waren, in den Jazz zu überführen. Es mag hierzulande viele überraschen, aber parallel zum von Skandinavien aus die Welt erobernden volksmusikalischen Turn des Jazz geschah dies mit „Moravia“ 2002 und „Moravian Gems“ 2007 auch in Tschechien – wenn auch bei Milestone in den USA veröffentlicht und nicht besonders publikumswirksam.
 
Für die Versenkung aber ist diese fesselnde, ideenreiche und von zwei absoluten Ausnahmemusikern gespielte Musik zu gut, befand Siggi Loch. Völlig zurecht, wie ein Stück wie „Austerlitz“ beweist: Vor allem die harmonischen Alterierungen suchen ihresgleichen, „was am modalen Charakter der südmährischen Volksmusik liegt“, wie Viklicky erklärt. Und so klingen Balladen wie „Dear Lover“, „Javorina“ oder „Moon, Sleeping In The Cradle“ wie durch filigrane Chromatik, Vorschläge und Triller ins Slawische gedrehte Randy-Newman- oder Ray-Charles-Nummern. Der Einfluss beiderlei Klassik, der europäischen wie der amerikanischen, ist perfekt zum Beispiel bei „In Holomóc Town“ herauszuhören: Nach dem expressionistischen, gestrichenen Bass-Einstieg folgt eine kleine Lehrstunde in swingendem Postbop.
 
Und in Leoš Janáčeks „Theme From 5th Part Of Sinfonietta“ zeigt sich die andere Besonderheit dieser Aufnahme. Ursprünglich hatte Viklicky seine alten und neuen Kompositionen wie bei früheren Aufnahmen für Trio arrangiert. Als er aber in München alleine mit George Mraz probte, entdeckten beide, dass es ohne Schlagzeuger ebenfalls gut klingt. Mehr als das, wer „Together Again“ nun im Duo hört, kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie Viklickys einzigartiges Spiel mit Legato und Stakkato besser zur Geltung kommen könnte.
 
Ein neuer, tschechischer Weg des Jazz, frische Ideen auf dem Boden der Traditionen und nicht zuletzt zwei der bemerkenswertesten Stimmen des Jazz sind auf „Together Again“ zu entdecken. Spät, aber nicht zu spät.