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George Gruntz
Piano Works II: Ringing The Luminator

Piano Works II: Ringing The Luminator
Piano Works II: Ringing The Luminator

Produktinformationen

Besetzung

George Gruntz - piano


Aufnahmedetails

Recorded by Lasse Nipkow at Reformierte Kirche Witkon, Zürich, Switzerland on December 4 - 5, 2004
Mastered by Klaus Scheuermann
Produced by George Gruntz


Die Solo-Saite eines Spiel-freudigen Kosmopoliten: George Gruntz' Klavier-CD "Ringing The Luminator"

An der Langsamkeit, die man Schweizern gemeinhin nachsagt, hat es nicht gelegen, dass dieser Musiker über vier Jahrzehnte brauchte, bis er seine erste CD als Solopianist aufgenommen hat. Seit den 1960er Jahren ist der 1932 in Basel geborene George Gruntz als Musiker international bekannt. Und doch sind die hier vorliegenden Aufnahmen – die übrigens in einer Kirche in Zürich entstanden (dazu weiter unten mehr) - eine Premiere: Noch nie zuvor hat der Pianist, Big-Band-Leiter, Komponist und langjährige Programmgestalter der Berliner Jazztage (später "JazzFest", 1972 bis 1994) eine Platte mit Solo-Klavier veröffentlicht. Es habe immer andere Projekte gegeben, die ihn vorrangig beschäftigten, sagt er, deshalb habe er "nie darum gekämpft, als Solopianist Karriere zu machen", auch wenn er immer wieder solo aufgetreten ist. Die anderen Projekte – das waren etwa die diversen Big-Band-Aufnahmen und Tourneen mit seiner hoch renommierten Concert Jazz Band, in der – unter vielen anderen - so unterschiedliche und hochrangige Künstler wie Joe Henderson, Lee Konitz, Ray Anderson, Howard Johnson, Franco Ambrosetti und Dino Saluzzi mitspielten; oder Kompositionen fürs Zürcher Schauspielhaus, dessen musikalischer Leiter Gruntz von 1970 bis 1984 war.  

 
Ein begeisterter Pianist – und ein ausnehmend guter – war George Gruntz allerdings schon immer. Beides wird man beim Hören dieser CD schnell merken. Und noch etwas zeichnet diese Aufnahmen besonders aus: Gruntz ist ein Musiker von auffälliger Vielseitigkeit des Ausdrucks und der Stile; und nicht zuletzt verfügt er über einen ganz eigenen musikalischen Witz und Hintersinn. Ein im Doppelsinn Spiel-freudiger Intellekt prägt sowohl seine Eigenkompositionen als auch seine Interpretationen von Klassikern des Jazzrepertoires. 

   
Dass Gruntz nun endlich auch auf Tonkonserve die Solo-Saite seiner vielen musikalischen Fähigkeiten zum Schwingen bringt, ist nicht zuletzt der Hartnäckigkeit des jungen Ton-Ingenieurs und Sound-Designers Lasse Nipkow zu verdanken. Beim Yehudi-Menuhin-Festival in Gstaad im Berner Oberland spielte Gruntz als "Artist in Residence" Vivaldis "Vier Jahreszeiten" in einer Solo-Version auf dem einst privaten Flügel des Geigers Menuhin – unter großem Jubel des Publikums. Nipkow hatte dieses Konzert erlebt und daraufhin immer wieder Mitschnitte gemacht, wenn Gruntz solo spielte. Schließlich konnte Nipkow den Musiker überreden, in der "Reformierten Kirche Witikon" in Zürich die Aufnahmen für diese CD zu machen – auf einem Steinway-D-Flügel. Gruntz schwärmt mit einem ungewöhnlichen sprachlichen Vergleich: "Wie eine wunderbar gewärmte Badewanne hat er mir den Flügel an den idealen Schnitt-Ort dieser Kirche gestellt. Der Flügel klingt wie wahnsinnig in diesem Raum! Das war so inspirierend, dass wir von fast allen Stücken gleich den first take nehmen konnten."

Ein Glücksfall der Kombination also: edles Instrument, hervorragende akustische Bedingungen in einem außergewöhnlichen Raum – und ein in jedem Stück spürbar animierter Künstler. Das Ergebnis hat dann auch ACT-Labelchef Siegfried Loch sofort begeistert. Ein eindrucksvolles Solo-Selbstporträt des Big-Band-Mannes Gruntz ergeben die 13 Stücke auf der CD (deren Arbeitstitel bei Gruntz übrigens zunächst "Big Band Loves Piano" lautete). Das umfangreichste davon ist eine Komposition, die Gruntz zur Rückkehr eines berühmten Kunstwerks nach Basel schrieb. Der "Luminator", ein 24 Meter langes Gebilde aus Eisen, Rädern und Lämpchen von dem Künstler Jean Tinguely, dem großen Poeten unorthodoxer und in der Regel zweckfreier Maschinen, stand ursprünglich im Bahnhof Basel, zog bei dessen Renovierung zwischenzeitlich nach Leipzig um und fand im Frühjahr 2003 schließlich seinen Platz im Baseler Tinguely-Museum. Für den Festakt schrieb George Gruntz das dreisätzige Stück "Ringing The Luminator", das er damals in Trio-Besetzung aufführte und das hier nun solo zu hören ist. Besonders effektvoll: der dritte Satz "Poetry of Links" in einem tänzelnden Calypso-Rhythmus.

Weitere Eigenkompositionen des Pianisten auf dieser CD sind etwa die Ballade "ILL used ILLusions", ursprünglich eine Arie aus der Jazz-Oper "The Magic Of A Flute", einer Gruntz’schen "Zauberflöten"-Geschichte aus der Welt der Blue Notes, oder auch "Delusions Redeemed", ein Stück, das Gruntz für den Saxophonisten Christof Lauer und die NDR-Big-Band schrieb.

Dass bei den Fremd-Kompositionen gleich zweimal ein Stück von Posaunist Ray Anderson in unterschiedlichen Takes auftaucht, liegt an einer langen künstlerischen Beziehung, die zwischen Anderson und Gruntz seit den Achtziger Jahren besteht. "Ecarroo" heißt das Stück; der Titel soll einfach ein lautmalerisches Wort sein. Das Stück eines "der tollsten Musiker überhaupt", so Gruntz, bestehe eigentlich nur aus "Durchgangsstrecken", die aber beim Spielen "jedes Mal zu regelrechten Sinfonien führt". 

   

Andere Hommagen dieses Solo-Reigens gehen etwa an die Adresse von Thelonious Monk mit einem funkensprühenden Kabinettstück über dessen Komposition "Well, You Needn’t", an George Gershwin mit einer ganz zarten Interpretation des Liebeslieds "I Loves You Porgy" aus Gershwins Oper "Porgy And Bess", an den Schweizer Harfinisten Andreas Vollenweider ("Under One Moon") und nicht zuletzt an die Bebop-Trompetenlegende Dizzy Gillespie mit einer kuriosen Verfremdung von dessen berühmter Komposition "A Night In Tunisia": "Dizzy’s Sh… sounds like Chinese Music", ist als Aussage von Louis Armstrong überliefert – und Gruntz lässt deshalb in Gillespies tunesischer Nacht ein paar Mal klangliche China-Reminiszenzen aufblitzen. 

   

Geographische Grenzen kennt der Jazz eben nicht, gerade bei dem Schweizer Kosmopoliten George Gruntz, der zwischen E-Musik und Jazz, zwischen Europa und Amerika und zwischen Tradition und Moderne immer ganz eigene Wege fand. In der vorliegenden CD kann man viele davon auf spannende und ausnehmend unterhaltsame Art mitgehen. Ein spätes Meisterwerk eines künstlerisch ganz und gar nicht neutralen Schweizers sozusagen.