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Geir Lysne
Boahjenásti - The North Star

Boahjenásti - The North Star
Boahjenásti - The North Star

Produktinformationen

Besetzung

Geir Lysne Listening Ensemble, conducted by Geir Lysne :
Ketil Einarsen - alto flute, flute, piccolo flute
Morten Halle – alto saxophone, soprano saxophone, flute
Klaus Holm - alto saxophone, flute
Tore Brunborg - tenor saxophone, flute
Fredrik Ø. Jensen - tenor saxophone, accordion
Bernhard Seland - baritone saxophone, bass clarinet
Frank Brodahl - trumpet, flugelhorn
Marius Haltli - trumpet, flugelhorn
Ole Jørn Myklebust - trumpet, flugelhorn
Eckhard Baur - trumpet, flugelhorn, ensemble vocals
Helge Sunde - trombone
Christian Jaksjø - trombone
Jørgen Gjerde – trombone
Anders Wiborg -bass trombone
Jørn Øien - keyboards
Hallgrim Bratberg - guitar
Jan Olav Renvåg - double bass, electric bass
Knut Aalefjær – drums
Terje Isungset - percussion, voice, jew’s harp
Stein Andre Hovden - live sound engineer
Johan Sara - yoik (traditional folk singing from Sami in the north)


Aufnahmedetails

Recorded live in concert at Cosmopolite, Oslo, Norway on October 8, 2005 by Jan Erik Kongshaug
Mixed and Mastered by Jan Erik Kongshaug
Produced by Geir Lysne


Raffinierte Big-Band-Kompositionen und der kehlige Gesang des Nordens:
Die neue CD des Geir Lysne Listening Ensembles

Und wieder stellt man fest: Die Klangfarben, zu denen diese Big Band fähig ist, überraschen in jedem Stück aufs Neue. Unkonventionell, packend und eindeutig identifizierbar ist ihre Musik. Denn Kompromisse macht ihr Leader nicht. Der Norweger Geir Lysne, geboren 1965, schafft es, eine radikal eigene Klangästhetik zu formen und dabei mit seinen Stücken auch noch hinreißend unterhaltsam zu sein. Das ist fast eine Quadratur des Kreises. Vom differenzierten Elektronik-Einsatz über Maultrommel-Töne bis hin zu traditionellen nordischen Gesängen hört man auch in der jüngsten CD "Boahjenásti – The North Star" durchgehend Unerwartetes und Spannendes. Lysne geht darin in puncto Intensität noch über seine – mit begeistertem Presse-Echo aufgenommenen – bisherigen ACT-CDs "Aurora Borealis" (ACT 9406-2) und "Korall" (ACT 9236-2) hinaus.

Einen internationalen Durchbruch feierte Geir Lysnes Listening Ensemble 2001 beim JazzFest Berlin. "Fetzende Wucht", "gewaltige Dynamik", aber auch eine "Präzision, die die enorme Kompliziertheit der Partituren von Lysne federnd leicht und luftig erscheinen lässt", lobten damals einhellig Werner Burkhardt in der Süddeutschen Zeitung und Ulrich Olshausen in der Frankfurter Allgemeinen. Unorthodox und hintersinnig spielerisch war Geir Lysnes Musik schon damals – so wie der Name der Band. Und sie sprang ganz offenbar die Hörer direkt an. 

So etwas kann herauskommen, wenn ein Saxophonist eine Zeitlang in die eigenen vier Wände verbannt wird. Als seine Frau zu studieren anfing, blieb Geir Lysne viel zu Hause, um auf die Kinder aufzupassen. Irgendwann begann er dann zu komponieren – und gründete seine Big Band, wofür er allerdings erst einmal einen Kredit aufnahm. 

   
Musik für alle Sinne und für die grauen Zellen dazu: Das ist "Boahjenásti – The North Star". Das Titelstück ist eine Komposition des Sängers Johan Sara Jr. aus dem norwegischen Teil Lapplands. Johan Sara, geboren 1963 in Kautokeino, Finnmark, gehört zu den Neuerern des traditionellen Oberton-Gesangs der Samen, der Ureinwohner Lapplands. "Joik" nennt sich dieser Gesang, er klingt kehlig und rau, ist mit dem Jodler verwandt und braucht – wie der Scat im Jazz - keine Worte. Zudem ist er halb improvisatorisch. Und er drückt oft die Verbundenheit zur Natur, vor allem zu den in der Landschaft Lappland lebenden Tieren aus. In Kautokeino, Johan Saras Geburtsort, wird jedes Jahr der "Sami-Grand-Prix" mit einheimischen Sängern ausgetragen. Johan Sara ist in Geir Lysnes Arrangement seines Stücks auch ausführlich zu hören – in Momenten von enorm sinnlicher Plastizität. Wovon es auf dieser CD ohnehin sehr viele gibt. 

   

Was Geir Lysnes Listening Ensemble von anderen Big Bands unterscheidet, ist nicht nur die Besetzung mit zusätzlicher Flöte und zwei Perkussionisten: Es ist auch die absolut stimmige Verbindung von archaischen und experimentellen Klängen – beides in hoch verfeinerter Form. So organisch greifen Tradition und Aktualität selten ineinander. Völlig selbstverständlich gehen der Joik und die gesampelten Keyboard-Klänge, scharfkantigen Bläsersätze und freien Solo-Eruptionen einher, etwa so, als sei überkochende Big-Band-Energie schon immer im kühlen Lappland zu Hause. Das Ursprüngliche und das fein Ziselierte, das wild Ausbrechende und das kontrapunktisch Geordnete, das schlicht Liedhafte und das verwickelt Komplexe: Alles gehört hier zusammen und wirkt nie artifiziell, sondern immer natürlich. 

   

Neben der dreiteiligen "Nor Id Suite", die mit den Mitteln einer heutigen Big Band gewissermaßen ein Klang-Abbild nordischer Identität entwirft (oder jedenfalls eine fesselnde und einleuchtende Möglichkeit davon skizziert), stehen Stücke wie "The Zoo Ballet" oder "GeirG". "Old/New House" war eine Auftragskomposition für die NDR Big Band. Und in "Kaa" stellt sich die Assoziation an die berühmte Schlange aus dem "Dschungelbuch" beim Hören ziemlich schnell ein. Wie immer, wenn diese Schlange auftaucht, steigt auch hier die Spannung noch mal ziemlich an.

Ein Zuhör-Abenteuer mit vielen aufregenden Momenten ist die CD "Boahjenásti – The North Star": eine kosmopolitische Musik-Reise von Lappland aus durch viele Regionen der Jazz-Welt abseits des Mainstream und wieder zurück. Und Mitreisende, die Spaß an hörbaren Überraschungen haben, wird sie ständig und dauerhaft in Atem halten. Musik von einem "Listening Ensemble" eben.