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Frank Möbus
Live In Montreux

Live In Montreux
Live In Montreux

Produktinformationen

Besetzung

Frank Möbus – guitar
Rudi Mahall – bass clarinet
John Schröder – drums


Aufnahmedetails

Redorded live at the ACT NIGHT Montreux Jazz Festival on July 9, 2001
Mastered by Klaus Scheuermann
Pruduced by Siegfried Loch
Co-Producer: Frank Möbus


Jazz zu hören, appelliert an unsere Liebe zur Gefahr: der Gefahr, die manche Leute dazu treibt, sich mit dem Fallschirm aus dem Himmel zu stürzen, über den Atlantik zu rudern oder Berge zu erklimmen. Vielen von uns genügt es schon, Voyeure des Risikos zu sein, etwa wenn wir ein Autorennen anschauen in der Hoffnung, dass es zwar Unfälle, aber keine Toten geben möge. Beim Jazz wird das Publikum auf eine unvorhersehbare Hör-Reise mitgenommen und muss der Band, die dabei als Reiseführer fungiert, sein Vertrauen schenken. Aber wir haben einen großen Vorteil, wenn wir auf eine Jazz-Reise gehen – etwa im Vergleich zu einer echten Berg-Expedition. Wir können uns kategorisch versichern, dass niemand dabei ums Leben kommen wird.

Die Gruppe Der Rote Bereich zu hören, ist die reine Synthese solch einer Reise – der Name, die Schwierigkeit der Annäherung an diese Musik und die Besetzung lassen einen zunächst zögern, diesen Musikern das Leben anzuvertrauen.

Zuerst – der Name. "Der Rote Bereich". Rot ist die Farbe der Gefahr. Und sowohl Deutschland wie auch die Musik selbst haben ihre roten Bereiche: hier die Übersteuerungs-Anzeige bei einem Aufnahmegerät, dort der Osten Deutschlands vor dem Fall der Berliner Mauer. Des Weiteren: Wer kein deutscher Muttersprachler ist, wird wohl kaum verstehen, was all die Titel bedeuten. Aber durch diese Titel steckt die Band den Horizont ab – sowohl, was den Klang, als auch, was ihre Herkunft betrifft. Sie machen glaubhaft, dass diese Musik nur aus Deutschland kommen kann. Und man hat es hier mit drei Meistern zu tun, die technisch eine völlige Kontrolle über ihre Instrumente haben, aber auch das kreative Aufeinander-Reagieren beherrschen, das Jazz zu einer so lohnenden und befriedigenden Musik macht. Und schließlich begegnen wir  hier in keiner Weise einer traditionellen Jazztrio-Besetzung. Durch den Verzicht auf einen Bass, oft der Sicherheitsanker jedweder Jazz-Formation, bleibt man rätselnd darüber zurück, wie man sich in der Musik zurechtfinden soll.

Somit, vorweg: Ein Konzert vom Roten Bereich zu erleben (oder eine CD aufzulegen) ist ein Sprung ins Ungewisse, aber auch ein Sprung des Vertrauens. Man ist fasziniert und möglicherweise beunruhigt. Und doch. Sobald die Musik beginnt, weiß man, dass man sich auf die drei als Reiseführer verlassen kann. Die hypnotische Kraft ihres Spiels kommt besonders zur Geltung, wenn man das Glück hat, sie live zu hören, wie in diesen Aufnahmen. Eine Musik voller Humor und Intensität, eine, die betört. Darin gibt es zwar keinen "echten" Bass, aber er fehlt nicht in dieser Musik, wird mal durch eine Bass-Klarinette, die Gitarre und sogar durch das melodische Schlagzeugspiel ersetzt. Aber die meiste Zeit ist er implizit in der Musik vorhanden, und diese Flexibilität gibt ihr auf einzigartige Weise Fluss und Bewegung. Die Energie des Spiels geht hier über eine Musik von großer potenzieller Vielschichtigkeit und Feinheit hinaus, macht sie zugänglich und gut anhörbar.

Es gibt etwas am Roten Bereich, das ihn typisch deutsch macht, und das sind nicht nur der Name, der Einsatz von Sprache und die Stücktitel. Die bekräftigen nur den Charakter der Gruppe. Vielleicht kommt es daher, dass die international erfahrenen Mitglieder mit ihren deutschen Wurzeln sehr bewusst umgehen und die Musik zu etwas machen, das nur aus einem Land kommen kann, das eine zentrale Stellung in Europa hat, sowohl historisch als auch geographisch.

Sie haben alle drei lange mit großen Musikern der Jazz- und Improvisationsmusik-Welt gearbeitet und auch die Wiege des Jazz, die U.S.A., von innen kennen gelernt. Somit können sie, wenn sie als deutsche Musiker zusammentreffen, ihr Erbe in den Klang einbringen und es auch effektiv vermitteln. Frank Möbus zum Beispiel arbeitet regelmäßig mit dem Portugiesen Carlos Bica und saugt ständig neue Klänge und Einflüsse in sich auf. Schröders feinfühlige und breit gefächerte Musikalität spiegelt wohl auch seine Kunstfertigkeit auf so vielen Instrumenten – er ist nicht nur Drummer, sondern auch ein Gitarrist und Pianist mit großer Phantasie. Rudi Mahall schließlich hat sich als Meister seines Instruments in vielen Kontexten erwiesen – wie etwa in seinem Duo mit Aki Takase.

Ein Ergebnis von all dem ist, dass Der Rote Bereich mittlerweile einen legendären Status bei musikalischen Verbündeten und Zeitgenossen erlangt hat. Als die Band das erste Mal in London spielte, war das Publikum ein "Who’s Who" des zeitgenössischen Jazz im Vereinigten Königreich und kämpfte um die besten Plätze im Haus. Eine fesselnde Spannung und Erregung entsteht, wenn diese Musiker ihren wilden Slalom zwischen Melodie, Groove und frei improvisierten Episoden vollführen. Und mit dieser CD kann der Zuhörer die Hör-Reise noch einmal durchleben, wenn sie vorbei ist – indem er die CD noch einmal (und wieder und wieder) auflegt.

Wir haben mit dieser Aufnahme den Beleg dafür, dass Der Rote Bereich eine Bahn bricht für neue und einzigartige Klänge aus Deutschland. Wir können uns glücklich schätzen, solche Reiseführer zu haben, die uns auf einen musikalischen Mount Everest hinauf lotsen (oder eher auf eine Zugspitze?), aber uns dabei glauben machen, wir würden mit ihnen durch einen Park bummeln.