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Erna Rot
Angst & Weltschmerz

Produktinformationen

Besetzung

Erna Rot / vocals & glockenspiel
Simon Doetsch / trumpet, flugelhorn & accordion
Peter Kowal / guitar
Stefan Rey / double bass
Felix Günther / drums
Constantin Krahmer / piano & organ
Joon Laukamp / violin & mandolin
Georg Schaller / flute (10)


Aufnahmedetails

Recorded by Georg Schaller, Cologne
Mixed and mastered by Klaus Scheuermann
Produced by Erna Rot


Die Lieder von Erna Rot locken immer wieder mit unverhofften Wendungen und nehmen damit ihr Publikum gefangen. (Jazz thing)

Erna Rot mag zwei englische Wörter besonders, denen sie gleich ein ganzes Album gewidmet hat. Nicht ohne Grund, verschmelzen sie doch das Deutsche mit dem Englischen so wie Erna Rot den Jazz mit dem Chanson. „Angst & Weltschmerz“, das ACT-Debüt der in Berlin geborenen Sängerin und Songwriterin vereint Sounds, die aus den tiefsten Gestaden der amerikanischen Südstaaten zu stammen scheinen, mit europäischen Liedermacher-Traditionen. Doch was dieses Album so besonders macht, sind die Texte: melancholische, ernste Songs von Verlust und Verzeihen, und sanft schwebende Lieder über die Schwere des Lebens, die von alltäglichen Begegnungen erleichtert wird. Schräge Texte über merkwürdige Gestalten komplettieren ein lyrisches Gesamtkunstwerk, wie man es in der deutschen Sprache nur selten findet – schon gar nicht im Jazz.

Als Erna 10 Jahre alt war, sagte ihre Tante einmal: „Du bist nicht krank, du hast einfach nur zu viel Phantasie.“ Das hat sich Rot zu Herzen genommen und die Phantasie zu ihrem Lebensmotto gemacht. Erna Rot ist nicht bloß Musikerin, sondern auch Filmemacherin und Autorin. Die Wahlkölnerin studierte zunächst Germanistik, dann Jazzgesang, dann Regie. „Ich verstehe mich vor allem als Geschichtenerzählerin“, sagt Erna. „Musik und Film sind ähnlich bildstark und beide verbindet Melodie und Rhythmus.“

„Erna Rot paart den Jazz mit Indie, mit Element of Crime, Judith Holofernes mit Max Raabe“, schrieb die Neue Osnabrücker Zeitung über ihr 2015 erschienenes Debüt. Mit ihrem Quintett hat die Sängerin erneut ein wunderbar eingängiges Album mit verschiedensten Einflüssen eingespielt, von beschwingtem Bluegrass über Delta Blues mit Steel Guitar bis hin zur klassischen Jazzballade mit luftig-hauchendem Flügelhorn. Doch wie bringt man all diese Einflüsse zusammen? „Der rote Faden bin ich“, lacht Erna. „Ich bin gar nicht so scharf darauf, eine Schublade dafür zu finden.“

Sie komponiert alle Songs am Klavier und legt dabei mindestens genauso großen Wert auf die harmonische Struktur wie auf die Melodie, die ihre Texte trägt. „Mir war wichtig, dass mein zweites Album reifer klingt, mehr ruhige Töne anschlägt und viele instrumentale Klangfarben vereint“, sagt Rot. Das Ergebnis: Bass, Schlagzeug, Gitarre, Trompete. Aber auch: Akkordeon, Banjo, Orgel, Glockenspiel, Klavier und Violine.

„Wir haben alle Jazz studiert, aber wir lieben es, unsere Wurzeln einzubringen. Das macht es persönlicher, und nimmt dem Ganzen den typischen Jazz-Projekt-Charakter.“ Gitarrist Peter Kowal setzt in „Der Traum ist aus“ schon einmal auf psychedelische Sounds der 70er (Rots deutsche Adaption von „The Thrill Is Gone“), im Manfred-Krug-Cover „Auf der Sonnenseite“ ist er dagegen mit lässigstem Django-Reinhardt-Style zu hören. Der 2016 verstorbene Sänger und Schauspieler Krug war einer der wichtigsten Künstler in Ernas Ostberliner Jugend. „Auf der Sonnenseite“ könnte man als ostdeutsche Variante des Broadway-Schlagers „On The Sunny Side Of The Street“ betiteln.

Drei Lieder später setzt sich Erna mit einem real existierenden Jürgen auseinander – und zeigt damit ihren Sinn für Humor, den sie allemal hat – wie auch die Wahl des Albumtitels zeigt. „Humor tut dem Jazz gut“, sagt die Bandleaderin. „Es muss nicht alles schwer verdaulich sein, um gut zu sein.“

Doch nicht alle Lieder haben den ironischen doppelten Boden, der swingt und leicht mit Harmonie verwechselt werden könnte, wenn man sich allzu sehr von der Musik verführen lässt.  Lieder wieder „P wie P“ lassen die ernste Seite der Komponistin anklingen. „Es gibt keinen persönlicheren Song als genau ebendiesen und es war längst Zeit, ihn zu schreiben“, sagt sie – und schweigt.

„Angst & Weltschmerz“ ist nicht vordergründig, mitunter auch eckig und kantig, mit garnierten verschroben-kuriosen Texten. Ein Album, das amüsiert, irritiert und einen Schlucken lassen kann. Das heutige Leben mag hart sein, der Alltagsstress immens, die Furcht vor Tod und Krankheit omnipräsent. Doch am Ende ist es die Kunst, die uns überleben lässt.