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Dieter Ilg
Otello Live At Schloss Elmau

Dieter Ilg - ©Margrit Müller
Dieter Ilg - ©Margrit Müller
Dieter Ilg - ©Margrit Müller
Dieter Ilg - ©Margrit Müller

Produktinformationen

Besetzung

Dieter Ilg / bass
Rainer Böhm / piano
Patrice Heral / drums


Aufnahmedetails

Produced by Dieter Ilg

Recorded February 3 - 4, 2011 at Schloss Elmau by Florian H. Oestreicher.
Mixed by Florian H. Oestreicher & Dieter Ilg.
Mastering: F. H. Oestreicher.

Cover art: © Georg Baselitz, “Volk Ding Zero - Folk Thing Zero”, 2009


IV. Akt von Giuseppe Verdis Oper „Otello“, das Geschehen kulminiert: Der schwarze Admiral geht rasend vor Eifersucht daran, seine Gattin Desdemona zu meucheln. Verdi hat hier einen genialen musikalischen Einfall: Ein dräuendes Bass-Motiv, das durch Mark und Bein geht. Eine Stelle, die seither für Bassisten zu den Höhepunkten der klassischen Literatur gehört. Auch der Bassist Dieter Ilg entdeckte diese Passage früh. Seither beginnt er seine täglichen Übungen damit…

Der Weg zu Ilgs erstem ACT-Album „Otello – Live at Schloss Elmau“ war trotzdem ein langer. Denn seine außergewöhnliche Karriere, die ihn heute zu einem der international renommiertesten Bassisten werden ließ, machte Ilg mehr als 20 Jahre lang abseits der Klassik. Über Blockflöte, Geige und Bratsche war der Offenburger mit 13 zum Kontrabass gekommen. Zwar nahm er 1981 ein klassisches Studium in Freiburg auf, doch die Weichen waren schon zuvor in Richtung Jazz gestellt: Joe Viera hatte das 17-jährige Talent noch am Gymnasium entdeckt und als festes Mitglied in sein Sextett geholt. Inspirationen und Instruktionen erhielt er als junger Mann bereits von Eddie Gomez, Ron McClure, Adelhard Roidinger, Rufus Reid und Miroslav Vitous. Parallel zum Studium an der berühmten Manhattan School of Music - Mentor war Dave Liebman - konzertierte Ilg bereits mit den Großen des Fachs. Kaum aus den USA zurück, ging es Schlag auf Schlag: Ilg gründete mit John Schröder und Wolfgang Haffner sein erstes erfolgreiches Trio und wurde zugleich festes Mitglied des Randy Brecker Quintets. Es folgten einige der begehrtesten Sideman-Jobs: Im Quintett von Albert Mangelsdorff, im Trio von Ngyuên Lê, bei Rebekka Bakken sowie später in Till Brönners Band. In eigener Sache bereiste Ilg mit Christof Lauer fürs Goethe-Institut die Welt und baute musikalische Freundschaften aus, unter anderem mit dem Saxophonisten Charlie Mariano, dem Pianisten Marc Copland und dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel.

Auf der Suche nach einem für ihn charakteristischen, wiedererkennbaren Projekt aus der Mitte des Herzen blickte Ilg in die Vergangenheit zurück, erinnerte sich seiner alten Liebe Verdi und begann sich ihm neu zu widmen: „Otello ist eine Inspiration“, erzählt Ilg, „ein ständiger Entstehungs- und Entwicklungsprozess. Schauen wir uns die harmonischen Wendungen Verdis an, die speziell im modernen Jazz wieder auftauchen, nur in einem anderen Gewand. Musterbeispiele des Brückenschlagens. Ebenso bedeutsam ist das dramatische Moment dieser Musik, das sich wie die lyrischen Anteile durch individuelle Interpretationen und Improvisationen wunderbar gestalten lässt.“ Dafür kehrte Ilg nicht nur zu der bei seinen ersten eigenen Projekten bevorzugten Trio-Besetzung zurück, er fand dafür auch die zwei idealen Begleiter:

Pianist Rainer Böhm war Ilg erstmals 2007 aufgefallen, als Juror beim Internationalen Jazzhaus-Piano-Wettbewerb, den Böhm gewann. Inzwischen hat Böhm nicht nur etliche andere und bedeutendere Preise eingeheimst – zuletzt sozusagen als Ilgs Nachfolger den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg -, er ist ein in den USA gestählter Ausnahmepianist geworden, der über einen der zartesten Anschläge der Szene verfügt, es aber auch wuchtig und rasant krachen lassen kann. Beides hat er soeben auch an der Seite von Ben Kraef in der ACT-Reihe „Young German Jazz“ mit „Berlin – New York“ (ACT 9669-2) bewiesen. Unvergleichlich ist schließlich auch der Stil des französischen Schlagzeugers und Perkussionisten Patrice Heral: Von filigranen Streicheleien geht es bei ihm bis zu stürmischen, mit Loops und Mouth-Percussion angereicherten Soli.

Beide korrespondieren damit perfekt zu Ilgs singendem Bass wie zu seinem Konzept der dramatischen Verdichtung. Das Trio zeichnet sich durch eine überzeugende Ökonomie der Mittel aus, hat die Bedeutung von Pausen und die Kraft der Ruhe erkannt. Und setzt dies spieltechnisch genial um, wie man zum Beispiel an dem zart hingetupften „Ave Maria“ oder – gewissermaßen das andere Ende der Skala - am schwer groovenden berühmten Feuerchor „Fuoco di Gioia“ erkennen kann.

So überzeugt war Ilg von seinem Otello-Projekt, dass er eine Studioproduktion davon im März 2010 auf seinem eigenen Label Fullfat veröffentlichte. Prompt erhielt er dafür den Echo Jazz 2011 als bester Bassist national. In der Zwischenzeit, nach zahlreichen Tourneen und Konzerten ist das Trio eingespielter denn je. Zudem erweiterte Ilg das Repertoire - Gründe genug, um das ausgereifte Live-Programm bei einem Konzert auf Schloss Elmau festzuhalten: „Es sind fünf neue Arienbearbeitungen dabei, die anderen sind nach zwei Jahren aktivem Spielen verändert. Außerdem beeinflusst der Ort und die Wechselwirkung mit dem Publikum die Musik stärker als man denkt.“ Und so ist „Otello live at Schloss Elmau“ alles andere als Zweitverwertung, sondern eine beeindruckend eigenständige Variation von Ilgs Otello-Bearbeitungen.

„Otello live at Schloss Elmau“ ist ein herausragendes Beispiel für die aktuell wieder verstärkten Aktivitäten von Jazzern geworden, Klassisches auf neue Weise in die improvisierte Musik zu überführen. Ebenfalls ist das Album ein weiteres Exempel für die außergewöhnlich inspirierende Kraft, die von Schloss Elmau auf Musiker einwirkt. Man darf wohl sagen, dass dieser Kultur-Fluchtpunkt inmitten der bayerischen Berge im Klaistal als Katalysator für ein Meisterwerk diente – eines, das für Ilg die ganz persönliche Krönung seiner Verdi-Leidenschaft bedeutet, und für alle anderen eine spannende musikalische Grenzüberschreitung