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© ACT / Gregor Hohenberg
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Produktinformationen

Besetzung

Diego Pinera / drums, percussion & steel drum
Tino Derado / piano & accordion
Omar Rodriguez Calvo / bass
Daniel Manrique-Smith / flutes
Julian Wasserfuhr / trumpet & flugelhorn


Aufnahmedetails

Produced by Siggi Loch

Recorded by Klaus Scheuermann
at Hansa Studios Berlin, April 24 & 25, 2017.
Assistant: Nanni Johansson
Mixed and mastered by Klaus Scheuermann

Cover art by Nathan Carter, Fascinator For For Gene Genie, 2016
Acrylic on aluminum, 74 x 63.25" / 188 x 160.7cm
Courtesy the artist and Casey Kaplan, New York


Es war das „Erwachen“ (Despertando) einer kleinen Sehnsucht, die Diego Pinera zur Aufnahme dieses Albums inspirierte. Nach über 17 Jahren, seit er seine Heimat Uruguay verlassen hat, kehrt er zurück zu jenen Wurzeln und Einflüssen, die ihn geprägt und zu dem Musiker von heute gemacht haben.

Das ACT-Debüt des 2017 mit dem ECHO Jazz als bester Schlagzeuger prämierten Pinera ist ein rückblickendes aber auch vorwärtsgewandtes Künstlerporträt. Pinera schwelgt nicht in nostalgischen Heimaterinnerungen, vielmehr erfindet er seinen Sehnsuchtsort neu. All seine Begegnungen mit der Musik Lateinamerikas und der Bandbreite des Jazz dienen ihm als künstlerischer Filter für die Kompositionen und Arrangements auf „Despertando“. Pineras Stückauswahl und Personalstil aus einem avanciert rhythmischen Spielkonzept, einem Jazz-Sound mit Latin-Touch und der Freiheit der Improvisation verschmelzen auf diesem Album zu einer charakterstarken Signatur.

Mit „Despertando“ hat der 1981 in Montevideo geborene Diego Pinera ein komplementäres Gegengewicht zu seinem von der Fachpresse hochgelobten Vorgängeralbum „My Picture“ mit Mark Turner und Ben Street geschaffen. Lag der Fokus bei der in New York entstandenen Produktion auf dem Moment der Improvisation und einer freien, avantgardistischen Spielhaltung, konzentriert sich Pinera auf „Despertando“ stärker auf seine rhythmischen Facetten und lateinamerikanische Prägung. Dies verdeutlicht schon der Album-Opener „Osvaldo por Nueve“ in mehrerer Hinsicht: Die Hommage an seinen frühen Lehrmeister Osvaldo Fatturoso besinnt sich auf den folkloristischen, in Uruguay populären Candombe. Die komplexe Leichtigkeit eines virtuosen Schlagzeugers sowie die perkussionsartige Orchestrierung seines Drumset verleihen dem Stück eine besondere Stilnote.

„Ich wollte herausfinden, wie diese ‚alten‘ Songs klingen, wenn ich sie als der Diego von heute spiele.“ Die Originale von Gato Barbieri und Ernesto Lecuona sind als kultureller Querverweis nach Argentinien und Kuba (wo er in Havanna studierte) zu verstehen. Eine weitere persönliche und kulturelle Notiz hat Pinera mit „Yakarito Terere“ hinterlassen. Diese Komposition seines Vaters ist inspiriert von einer Kindheitserinnerung, den regelmäßigen Ausflügen ins Hinterland von Montevideo. Auch die Auseinandersetzung mit der Jazztradition, wie bei Sonny Rollins‘ Karibik inspirierten Titel „St. Thomas“ und Ellingtons Caravan, stellt für Pinera die Möglichkeit dar, bewährtes in ein neues, in sein eigenes, Licht zu stellen. Das Titelstück „Despertando“ verdeutlicht, neben seiner instrumentaltechnischen Virtuosität, eine weitere Stärke Pineras: sein Feingefühl für in sich ruhende Balladen. Hier trifft das Flair einer Jazzballade á la Miles Davis auf ein argentinisch gefärbtes Akkordeon und das folkloristisch anmutende Schlagzeug.

Wie Diego Pinera stehen auch seine Mitmusiker in einem künstlerischen Spannungsfeld verschiedener Musikeinflüsse. Tino Derado gehört zu einem gefragten Mitglied der Jazz- und Latin-Szene, pflegt insbesondere zu vielen Protagonisten aus New York einen engen Kontakt. Als gebürtiger Kubaner ist Omar Rodriguez Calvo als Bassist nicht nur prädestiniert für ein solches Projekt, sondern auch seine große Erfahrung im Jazz (u.a. als Mitglied des Tingvall Trios) macht ihn zu einem wertvollen Mitglied. Mit dem Flötisten Daniel Manrique-Smith mit peruanischen Wurzeln und dem deutschen Modern-Mainstream-Trompeter Julian Wasserfuhr setzen zwei Gäste auf „Despertando“ persönliche Akzente. Die spezielle Chemie unter den Musikern und ihr außerordentliches Können verleihen der Musik eine besondere Frische und Leichtigkeit, in der musikalische Komplexität sowie Virtuosität subtil bleiben. Und so ist mit „Despertando“ ein Latin-Jazz in eigenständiger, tiefgründiger Gestalt entstanden, fernab von Folklore, Fassade und Klischee.