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Christof Lauer
Fragile Network

Fragile Network
Fragile Network

Produktinformationen

Besetzung

Christof Lauer - tenor & soprano sax
Marc Ducret - guitar
Michel Godard - tuba and serpent
Anthony Cox - electric und acoustic bass
Gene Jackson - drums


Aufnahmedetails

Recorded at CMP Studio, Zerkall, Germany
on September 23 - 28, 1998
Engineer: Walter Quintus
Produced by Walter Quintus and Christof Lauer


Christof Lauer zählt längst zu den bedeutendsten Saxophonisten des Europäischen Jazz. Seine Tenorsoli in "Flying Carpets" und "Facing Interviews" und die Sopransoli in "Ferma L’ Ali" und "Human Voice" sind nur einige von vielen Beispielen Für seine Fähigkeiten als entspannter Storyteller einerseits und an der Grenze des physischen Limits blasenden Energiebündels andererseits.

Weil Christof Lauer die Vergangenheit des Jazz und der europäischen Klassik kennt, hat er aus der Fülle von Elementen, die viele Vorgänger entwickelt haben, das herausgepickt, was am besten zum eigenen Charakter paßt. In diesem Sinn ist er Traditionalist, der Stars von Früher zwar zitiert, aber nie kopiert. Dieser weite Horizont verleiht Christof Lauers Musik ihren eigenen, an die Persönlichkeit von Lauer und seinen Bandmitgliedern gebundenen Charakter.

In Michel Godard hat Christof Lauer einen Virtuosen als Partner, der sich mit den dunklen Tubaklängen nicht auf die Baßrolle beschränkt, sondern Tuba und das mittelalterliche Serpent als vollwertige Melodie-Instrumente einsetzt. Bemerkenswert sind vor allem sein agiles Tubasolo in "Vernasio" und melancholisch-mystisches Serpent solo in "Ferma L’Ali".

Der Gitarrist Mark Ducret stammt wie Michel Godard aus Frankreich. Er zählt zu den wichtigsten - und sperrigsten - Avantgarde-Virtuosen des aktuellen europäischen Jazz, der sehr Filigran mit Mustern aus Rock, Funk und Jazz umgeht und sie brillant Fortentwickelt und verfremdet.

Die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Bassisten Anthony Cox begann Christof Lauer bereits bei den Vorbereitungen zu seiner vergriffener Platte "Evidence". Er sorgt an Elektro- und Kontrabaß für einen kraftvoll pulsierenden Untergrund. In "Facing Interviews" hat er ein großartiges Solo auf dem Kontrabaß. Auf fünf der neun Titel spielt er Elektrobaß.

Den amerikanischen Schlagzeuger Gene Jackson, seit 1990 fester Schlagzeuger bei Herbie Hancock’s Akustik-Projekten, "zeichnet aus, daß er unglaublich flexibel ist", lobt Christof Lauer. "Er ist für alles offen und spielt, ohne in Kästen zu denken." In "Werther", einer schön durchgestalteten Reminiszenz an Christof Lauers Anfänge in Rhythm-And-Blues-Bands und Rockbands, schlägt er eher funky Rhythmen, während er in "Human Voice" für einen warmen Gegenpol zu Marc Ducrets Gitarre sorgt.

Christof Lauer kneift die Augen zu. Tief in seinem Innern tobt die Musik, und doch steht er äußerlich still auf der Bühne. Das Tenorsaxophon fest in beiden Händen, läßt er sich Zeit, saugt auf, was um ihn herum geschieht. Irgendwann setzt er das Instrument an die Lippen: Jetzt ist der richtige Moment erreicht. Ruhig und warm ist sein Ton zunächst, dann wird er immer intensiver." So beschrieb die "Wochenpost" 1996 ein Konzert des Tenor- und Sopransaxophonisten Christof Lauer. Für den Frankfurter Jazzmusiker ist in einem Konzert der "optimale Zustand" erreicht, wenn ihn die Musik "besitzt" und aus ihm "herausläuft". "Das muß gar nicht ekstatisch sein. Das kann auch sonst sehr dicht sein." Bei der Frühjahrstournee 1999 des Quintetts wird sich dies erneut zeigen.

Mit Christof Lauer hat ACT, nach Nguyên Lê und Nils Landgren, einen weiteren "ACT" aus der Spitzengruppe des europäischen Jazz unter Vertrag genommen. Der Saxophonist galt schon lange als "musicians musician", also als Geheimtip unter Musikern, zumal für ihn unbedingte Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Stil, Energie, Disziplin und Durchhaltevermögen mehr gelten als alle Trends und Modeströmungen. So reifte im Lauf der Jahre ein Sound heran, in dem sowohl die Tradition des funky Souljazz und der Honker der 50er Jahre als auch die Herzlichkeit der Balladen von Ben Webster und die ungestüme Energie des späten John Coltrane ihre Fortsetzung finden.

Christof Lauers Debütalbum "Fragile Network" auf dem Label ACT, gleichzeitig sein viertes als Bandleader, unterstreicht seine Qualitäten als einfallsreicher Komponist und Klangregisseur und als exzellenter Solist. Im Quartett- und Quintettbesetzung knüpft er mit seiner Band ein ebenso transparentes wie flexibles Netz. Doch dessen äußerlicher, fragiler Eindruck täuscht, denn die Fäden dieses Netzes sind sehr elastisch und reißfest. Die Band kann dieses thematische Material fast nach Belieben dehnen und wenden. Erst wenn dieses Netz durch sperrige und anschmiegsame Improvisationen gefordert wird, zeigt sich, wie variabel und tragfähig es tatsächlich ist.

"Jazz ist Kommunikation«, erklärt Christof Lauer - und damit ist das Wichtigste gesagt. Für den eigenwilligen Solisten und Bandleader bilden Freiheit und Schönheit entgegen allen landläufigen Meinungen kein Widerspruchspaar, sondern gehören untrennbar zusammen. Die Freiheit im Ausdruck und der Fluß der Gedanken sind für ihn entscheidende Kriterien für gute hörensund spielenswerte Musik. "Natürlich geht das alles nur, wenn man die Tradition des Jazz kennt. Du mußt ja nicht wie ein Dixieland Musiker spielen, wenn Du weißt, was sie vor siebzig Jahren in New Orleans gemacht haben."

Zu Hause höre er fast nur klassische Klaviermusik, sagt Christof Lauer: "Chopin, Beethovens Klaviersonaten, Bachs Wohltemperiertes Klavier und vor allem die Goldberg Variationen mit Glenn Gould. Die würde ich auf die Insel mitnehmen. Das ist, als würde ich Jazz hören. Das ist Musik im Fluß." Auch hier prägen Christof Lauers Klangwelt der musikalische Prozeß, die Gruppendynamik und die beständige, intensive Entwicklung.

Die Grundgedanken von Christof Lauers Musizierweise entstammen der wilden Free-Zeit der 60er Jahre. Die hat Christof Lauer nur am Rande miterlebt, doch sie prägten sein Denken. Als die New Yorker Avantgarde 1964 die "October Revolution In Jazz" ausrief und John Coltrane in himmlische Sphären abhob, übte der Pastorensohn Christof Lauer noch fleißig Cello und bereitete sich an Dr. Hoch’s Konservatorium auf ein Studium an der Musikhochschule vor.

Erst 1971 wechselte er zum Tenorsaxophon, und schon ein Jahr später studierte er an der Hochschule für Musik in Graz. Dort blieb er bis 1974. Danach verbrachte er seine Lehr- und Wanderjahre in Wiener und Münchner Bands und erprobte, was sich ihm an musikalischen Konzepten darbot. In Frankfurt wurde er 1979 Mitglied des Jazz Ensembles des Hessischen Rundfunks: Nun zählte er zu den wichtigsten Musikern Deutschlands. 1993 wurde er zudem Solist der NDR Big Band, 1994 Mitglied des United Jazz + Rock Ensemble und 1996 Mitglied des Albert Mangelsdorff Quintett. Außerdem wurde er 1986 mit dem Jazzpreis des Südwestfunks sowie je einmal mit dem Jahrespreis und dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik sowie dem französischen Schallplattenpreis "Choc de l’année" ausgezeichnet.