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Chris Beier
Piano Works VIII: Aeolian Green

Chris Beier - ©ACT
Chris Beier - ©ACT

Produktinformationen

Besetzung

Chris Beier - piano


Aufnahmedetails

Recorded by Michael Hanf at Kammermusiksaal der Hochschule für Musik, Würzburg on April 21 and 22, 2007
Mixed by Michael Hanf at Kraftstrom, Würzburg on May 4 and 5, 2007
Masterd by Andreas Balaskas at masterlab, Würzburg, June 18, 2007
Produced by Chris Beier
Executive Producer: Siegfried Loch


Als ich meine erste Stunde am Konservatorium in Würzburg bei Chris Beier nahm, war ich fünfzehn Jahre alt; meine letzte Abschlussprüfung spielte ich am gleichen Ort ungefähr zehn Jahre später. Man könnte wahrscheinlich sagen, dass Chris mein wichtigster Lehrer gewesen ist, der Mensch, der ganz fundamental mein (nicht nur musikalisches) Denken geprägt hat - so sehr, dass mir heute noch so manches Musikalisches wie Außermusikalisches gleichermaßen Anlass zu der Überlegung gibt: Was würde Chris dazu sagen? Umso überraschender nun die umgekehrte Fragestellung. Was würde Michael dazu sagen? (Lange hat dieser überlegt, ob er der Musik vielleicht einzig ein Gedicht als liner notes zur Seite stellen sollte, um auf diese Weise seinem Glück über das Album ganz still und leise Ausdruck zu verleihen; aus dem Gedichtschreiben wird jedoch nichts, überhaupt jeder Versuch, der Musik irgendwie mit Worten beizukommen scheitert, und so faßt er am Ende einfach den Entschluss, jene grenzenlose Bewunderung walten zu lassen, die in Covern so oft bemüht wird und dabei immer so pathetisch klingt und doch angesichts einer Aufnahme wie dieser so unvermeidbar wie angebracht ist.)
Chris Beier hat immer und immer wieder seinen Klang erforscht, hat dabei und zu diesem Zweck komponiert, improvisiert, philosophiert und ganze Musiktheorien geschrieben (allein dafür verneigt sich sein Schüler tief); hat neue Instrumente erfunden, gebaut und gesampelt, hat Musik fürs Theater und für Filme, fürs Fernsehen und fürs Radio gemacht, und dabei immer mehr aus dem Fundus eines virtuosen Pianisten und Komponisten die musikalische Essenz destilliert, bis da nur noch das Wesentliche, das Wahre und der Wohlklang zurückgeblieben ist. Der souveräne Harmoniker ist bei der absoluten Resonanz angekommen und lockt mit diesen wenigen, genau gesetzten, magischen Tönen in ein Universum, aus dem so bald nicht wieder zu entkommen sein wird.
Ich hörte Aeolian Green zum ersten Mal am Ende des Sommers 2007. Ich hörte und traute meinen Ohren nicht. Ich hörte die Platte ein zweites Mal von vorne bis hinten, ein drittes Mal. Tatsächlich höre ich sie bis heute jeden Tag, und frage mich, ob das wohl irgendwann einmal enden wird - ich will es nicht hoffen. Denn selten haben Töne für mich eine solche Weisheit und Güte ausgestrahlt, und selten hat mich eine Aufnahme auch nach dutzendfachem Hören immer wieder so glücklich gemacht.
Ich sage jetzt ganz einfach mal: Danke, Chris.
Michael Wollny - Berlin, Dezember 2007
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Wer glaubt, schon alles gehört zu haben, was der Jazz und seine angrenzenden Gebiete hergeben, der sollte sich nur die ersten Takte des Titeltracks von Chris Beiers Aeolian Green anhören, und ihm wird wahrhaft „unerhörte“ Musik begegnen. Jeder Ton ist hier in der Kirchentonart äolisch, dem „natürlichen Moll“ gehalten - alles andere als eine im Blues und Jazz gebräuchliche Tonart. Trotzdem entwickelt sich eine bluesartige Impression, deren verblüffender Kraft und Stringenz man sich nicht entziehen kann. Fast wie eine Gnossienne von Erik Satie wiederum klingt „Aigues-Mortes“, freilich um den improvisatorischen Ansatz des Jazz erweitert.
Schon seit den frühen Achtziger Jahren, als er als Sideman mit Größen wie Albert Mangelsdorff, Aladar Pege, Bill Elgart, Jörg Widmoser oder John Etheridge, als feste Größe in den Ensembles von Leszek Zadlo und verstärkt mit eigenen Formationen wie „Space“ (mit Zadlo und dem Bassisten Rainer Glas) arbeitete, hat Beier einen ureigenen Stil entwickelt: Eine betont europäische Musik, in dem das amerikanische Jazz-Idiom mit der klassischen Moderne verschmilzt. McCoy Tyner ist da ein ebenso entscheidender Einfluss wie Debussy, Ravel oder Bartok. Dementsprechend spielt die im Jazz meist dominierende Rhythmik eine eher untergeordnete Rolle: Beier ist ein Harmoniker.
Kein Wunder also, dass er mit der Suite „Angel Memory“ nach Motiven von Alban Bergs Violinkonzert, mit dem Saxophonkonzert „Ratisbona“ für symphonisches Orchester und den zweistündigen Suiten „Ragas & Sagas“ sowie „Winds of Akasha“ für das 17-köpfige Overtone Orchestra narrative Werke schrieb, die man rein formal und wegen ihrer Opulenz eher der Klassik als dem Jazz zuordnen möchte. Außerdem glänzte Beier bei den weithin beachteten Produktionen des Staatstheaters Nürnberg von 1997 bis 2001 als deren musikalischer Leiter. Angesichts dieses vielfältigen Fundaments wird auch erklärlich, welch wichtiger Lehrer Chris Beier wurde.
Seit 1987 leitete Beier den Fachbereich Jazz an der Musikhochschule Würzburg. Gleich mehrere seiner eigenen Schüler sind heute nicht mehr aus der Jazzszene wegzudenken: Bernhard Pichl, Michael Flügel, Peter Fulda und - allen voran - Michael Wollny. „Er war der beste Student, den ich je hatte“, erzählt Beier, „bei ihm kam alles zusammen. Ich unterrichtete ihn schon, seit er 15 Jahre alt war. Als er dann mit 20 das Vollstudium aufnahm, hatte er schon fünf Jahre bei mir im Kreuz.“ Wer die bahnbrechenden CDs des ACT-Künstlers Michael Wollny, dem schon jetzt wohl wichtigsten deutschen Jazzpianisten, genau anhört, der kann darin Beiers Schule und Credo wiederfinden: Die kompromisslose Konzentration auf den eigenen Ton und die Verschränkung der europäischen Musikgeschichte mit dem Jazz.
Beier selbst war damit seiner Zeit - in der die Jazzpolizei mit ihrer indifferenten Bevorzugung amerikanischer Interpreten regierte – voraus, bislang fuhren nur seine Schüler die Ernte ein. Mit Aeolian Green tritt er nun selbst spät, aber umso eindrucksvoller ins Rampenlicht. Zumal Beier, wie er selbst meint, erst mit diesem Soloprojekt ganz zu sich selbst gekommen ist. Dabei spielt ein tragischer Einschnitt in seine Karriere eine wichtige Rolle. Seit 2001 leidet Beier an „fokaler Dystonie“, einer neuronalen Bewegungsstörung, die normalerweise die Halsregion oder die Augenlider betrifft, aber sehr selten eben auch die Finger von Pianisten. Die als feinmotorisches Gedächtnis wirkenden Synapsen im Gehirn geraten hier gewissermaßen aneinander, und es kommt zu einer Art Kurzschluss: Ohne Vorwarnung und in nicht vorherzusagenden Abständen verkrampfen oder erschlaffen die Finger, fehlerfreies Spielen wird dann unmöglich. Beier musste sich deshalb vom Konzertbetrieb verabschieden. „Es ist ein Fluch, aber auch ein Segen“, sagt Beier, „denn so musste ich mich ganz auf die Töne konzentrieren, die ich wirklich meine. So kamen diese Aufnahmen zustande.“
Tonmeister Michael Hanf setzte das in der Würzburger Musikhochschule professionell aufgenommene Material perfekt zusammen. Zwar dachte Chris Beier von vorneherein an eine Veröffentlichung, ebenso sehr diente Aeolian Green aber auch seinem Hausgebrauch: „Ich bin inzwischen ein bisschen autistisch und will nur noch die nach meiner Vorstellung ideale Musik hören. Da ich sie sonst nirgendwo finden konnte, habe ich sie selbst eingespielt. Ich freue mich wohl selbst am meisten, wenn ich meine CD höre.“ Wenn nicht Michael Wollny ohne Beiers Wissen eine Kopie dem ACT-Chef Siggi Loch zum Geburtstag geschenkt hätte - die Welt hätte womöglich nicht so schnell von dieser einzigartigen Musik erfahren, die ruhig, aber energetisch fließt und dabei stets neue Farben und Harmonien erfindet.