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Electricity
Electricity

Produktinformationen

Besetzung

Bob Brookmeyer – valve trombone
Rainer Brüninghaus – keyboards
Frank Chastenier – keyboards
Dieter Ilg – bass
Danny Gottlieb – drums
John Abercrombie – guitar

The WDR Big Band:
Andy Haderer - Trumpets
Klaus Osterloh - Trumpets
Rick Kiefer - Trumpets
Dave Horler - Trombones
Bernt Laukamp - Trombones
Roy Deuvall - Trombones
Heiner Wiberny - Saxophones
Olivier Peters - Saxophones
Rolf Römer - Saxophones
Paul Peucker - Saxophone


Aufnahmedetails

A Recording of Westdeutscher Rundfunk Köln
Recorded at the WDR Studios, Cologne, Germany in March 1991
Recording Engineer: Wolfgang Hirschmann, Frank Schneider, Bardo Kox, Angela Plogmaker
Remixed by Wolfgang Hirschmann, Bob Brookmeyer, Ruth Witt
Produced by Wolfgang Hirschmann


Seine sechsteilige Suite ELECTRICITY- hervorgegangen aus einer Komposition für Mel Lewis und Jim Hall aus dem Jahre 1989 - ist eine untypische Big Band-Komposition Bob Brookmeyers: Sie spiegelt nicht nur einen Abschied ("Farewell New York"), sondern ebenfalls eine veränderte Haltung zum Klangkörper Big Band, ja, zur Musik selber wider: Der Verzicht auf eine voluminöse Stimmführung betont den horizontalen Charakter der Stücke, bewirkt deren stärkeren Fluß.

Es gibt nie mehr als 5 Stimmen, die zudem als Mischung synthetischer und natürlicher Klangfarben in Erscheinung treten und ein Klangbild miterzeugen, das stilistisch lediglich einer einzigen Maxime unterliegt: Dem Grundsatz absoluter künstlerischer Freiheit, von Bob Brookmeyer als "freedom of speech" bezeichnet. Bereits Mitte der 50er Jahre von Sound und Spielweise der Gitarristen Jimmy Raney und Jim Hall angezogen, verspürte Bob Brookmeyer 30 Jahre darauf eine ähnliche Faszination für synthetisierte Klänge. Vorlieben, die ihn - fast schon zwangsläufig - mit John Abercrombie zusammentreffen ließen: "Ich bewundere seine konzentrierte Energie. Auch er ist ein vielsprachiger Künstler, ein Verfechter künstlerischer Freiheit. Im Unterschied zu vielen Coltrane-Epigonen ist er jemand, der sehr stark auf seine jeweilige musikalische Umgebung reagiert".

Bei ELECTRICITY bestand diese aus der WDR BIG BAND plus Dieter Ilg (bs) und Danny Gottlieb (dr), sowie Rainer Brüninghaus und Frank Chastenier (key), deren Synthesizer-Texturen hier besondere Erwähnung verdienen. Eine Besetzung mit lyrischem Vorzeichen, die sich jedoch in den stilistisch sehr unterschiedlich geprägten Strukturen von ELECTRICITY sicher zu bewegen weiß. Zu hören ist ein umfassender Kosmos Brookmeyerscher Musik, ein Zyklus mit Anlehnungen an die europäische Konzertmusik - von impressionistischen Anleihen bis hin zur 12-Ton-Technik -, dessen jazzmusikalische Wurzeln maßgeblich von der Kansas City Szene (Count Basie, Lester Young, Charlie Parker), von Gil Evans und Gerry Mulligan geprägt sind, ohne ELECTRICITY auf diese Einflüsse festlegen zu wollen.

Denn Einflüsse sind für Bob Brookmeyer keineswegs statisch, sondern ständigen Wandlungen unterworfen: "Die bloße Rekreation von Vergangenem ist in meinen Augen nicht nur unnötig und reine Zeitverschwendung, sondern auch eine Falle. Man kann keine völlig neue Sprache erschaffen. Aber man kann in seiner Sprache durchaus zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten finden. Es geht darum, seine Persönlichkeit auf adäquate Weise zu reflektieren. Und dies erreicht man mit Auseinandersetzung, nicht mit Formeln."

Ursprünglich wollte Bob Brookmeyer - geboren am 19.12.1929 in Kansas City - sich ausschließlich der sogenannten E-Musik widmen. Inspiriert von den Werken Strawinskys und Debussys ("Ich war völlig schockiert, weil ich solch eine Musik nicht für möglich hielt") studierte er am heimischen Konservatorium zunächst für drei Jahre Komposition, Klarinette und Klavier. Doch studienbegleitende Engagements in Tanzbands und der Militärdienst ließen Bob Brookmeyer in den Jazz und ebenfalls zur Posaune überwechseln.

Nach Verpflichtungen bei Louis Prima und Woody Herman (1952), siedelte Bob Brookmeyer nach Los Angeles über, avancierte 1953 zum "new star" im DOWNBEAT-POLL um ein Jahr darauf Mitglied im Gerry Mulligan-Quartett zu werden. Eine Zusammenarbeit und Freundschaft, die bis zum heutigen Tage anhält und die 1960/61 Bob Brookmeyer das erste Mal als Arrangeur einer Big Band, der Gerry Mulligan Big Band in Erscheinung treten ließ. Obwohl Bob Brookmeyer - neben vielen Beteiligungen in anderen Formationen - immer wieder MIT und IN Big Bands arbeitete (Thad Jones/Mel Lewis) und dort außergewöhnliche Fähigkeiten bewies, sollten erst die 80er Jahre zum "goldenen" Jahrzehnt des Komponisten und Big Band-Arrangeurs werden, den Mel Lewis ohnehin für einen der "meistunterschätzten Musiker" des Jazz hält.

Neben seinem allgemeinen Comeback im Jahre 1978, trat Bob Brookmeyer erneut mit der reaktivierten Mel Lewis Big Band in Erscheinung, deren Hauptarrangeur er ist. Darüber hinaus arbeitet er seit 1981 regelmäßig mit der WDR BIG BAND und deren Produzenten Heiner Müller Adolphi und Wolfgang Hirschmann (seit 1987) zusammen. Es entstanden bis dato 14 Kollaborationen, wobei ELECTRICITY die letzte in New York geschriebene Komposition ist.

Die lebensfeindliche Umgebung des "big apple" und ein verlockendes Musikhochschulprojekt mit neuartigem pädagogischen Konzept verschlugen den Professor der Manhattan School Of Music nach Rotterdam. Ein Projekt, das trotz immensen Aufwands aufgrund mangelhafter Rahmenbedingungen scheitern sollte und den engagierten Pädagogen nicht nur als Lehrenden zurückwarf. Glücklicherweise nur für kurze Zeit: Nachdem er in diesem Sommer die Big Band des Schleswig Holstein Musik Festivals betreute, wird Bob Brookmeyer ab Januar 1996 die dänische Radio Big Band leiten, und Ende 1996 steht dann in Wuppertal die Premiere seiner ersten Oper an.

Obwohl er in Europa ebenfalls mit einem Quartett aktiv ist und "ein Teil seines Herzens zu Europa gehört", zieht es ihn in Kürze wieder in die amerikanische Heimat.  Allerdings nicht nach New York, sondern in die Wälder New Hampshires, nahe der Grenze Vermonts. "Wundern Sie sich also nicht", kommentiert Bob Brookmeyer diesen Umstand, "falls Sie von mir in Zukunft auch ein paar Dur-Akkorde zu hören bekommen."