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Es gibt einige gute Gründe, warum der Berner Andreas Schaerer einer der interessantesten Gesangskünstler der Musikszene weltweit ist. Was damit beginnt, dass er weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt. Schaerer ist vielmehr ein Stimm-Jongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern damit auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Beatbox-Schlagzeug imitieren und auf buchstäblich unglaubliche Weise polyphon übereinander türmen kann. Er ist darüber hinaus ein glänzender Komponist und Improvisator, der diese Fähigkeiten für die verschiedensten Projekte variabel einsetzen und rhythmisch wie melodisch virtuos gestalten kann. Und er verfügt schließlich in reichem Maße über Bühnen-Charisma und die in der „ernsten Musik“ eher seltene Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard Lernt Fliegen zur Geltung kommt.

Der Berner Andreas Schaerer hat sich mit seinen jüngsten Projekten - von seinem ACT-Debüt, dem revolutionären Orchesterwerk “The Big Wig” für die Luzern Festspiele, über die Kooperationen mit Michael Wollny und Vincent Peirani bis zu seinem Quartett A Novel of Anomaly - als einer der herausragenden jungen Jazzer Europas etabliert. Als Komponist wie als Sänger, wobei Schaerer kein Jazzsänger im herkömmlichen Sinn mehr ist: Er ist ein Vokalartist, der mit seiner Stimme nahezu jedes Instrument und Geräusch imitieren, vom Crooner bis zum Heldentenor alle Gesangsparts einnehmen und dies auch auf völlig einmalige Art mehrstimmig übereinanderschichten kann. Das Bandprojekt, das ihn damit bekannt machte, das aber zugunsten der anderen Aktivitäten einige Zeit brach lag, ist jetzt wieder am Start: Hildegard Lernt Fliegen.

Ein Auftritt bei der Jazzahead in Bremen und der Gewinn des BMW Welt Jazz Awards wenig später bedeutete 2012 für das Sextett den Durchbruch in Deutschland. Begeisterung erregten die komplexen, immer überraschenden, völlig stil- und genreüberschreitenden Kompositionen mit Schaerers Eskapaden als Glanzlichtern, die viel Raum für Improvisationen ließen und mit viel Ironie und Humor in Szene gesetzt waren. Bei „The Waves Are Rising, Dear!“ müssen alte Hildegard-Fans jetzt etwas umdenken: Wie der Albumtitel schon andeutet, ist es ein ernsteres Werk, ein Konzeptalbum, auf dem Schaerer das gewohnte instrumentale Vexierspiel der Band mit fast klassisch klarem Gesang ganz ohne Kunststücke koppelt, im Dienste von Poesie und tiefgründigen Gedanken.

„Unser letztes reines Band-Album liegt sechs Jahre zurück. Wir haben uns entwickelt, wir leben in einer spannenden Zeit, voller Möglichkeiten, die aber auch große Fragen und Herausforderungen an uns trägt. Die Resonanz all dieser Umstände beeinflusst die kompositorische Arbeit, den textlichen Inhalt, die Musik wie ich sie heute höre ganz im Allgemeinen“, erklärt Schaerer diesen Stilwechsel. Nach wie vor bewahren sich die Songs allerdings ihre Geheimnisse. „Jedem Stück liegen ganz konkrete persönliche Gedanken zugrunde. Aber ich möchte die ausdrücklich nicht zu explizit kommentieren, sondern dem Hörer seine eigene Interpretation lassen. „Das Album ist bewusst so konzipiert, dass der Hörer mit seinen eigenen Geschichten, quasi seiner eigenen Biografie Teil der Dramaturgie werden kann “ sagt Schaerer, „man kann schon den Titel gesellschaftskritisch verstehen, oder philosophisch, metaphorisch, emotional, selbst erotisch, wenn man will.“

Am eindeutigsten ist die Aussage noch bei „Symptoms, Causes And Treatments“, dessen Text rund um Freiheit und Determination sich Schaerer vom britischen Saxofonisten, Rapper und Crossover-Mastermind Soweto Kinch schreiben ließ. „Wir kennen uns seit Jahren, ich schätze seine Aussagen sehr, und so bat ich ihn um einen Text, zu dem ich ihm Fragen zusandte, die mich beschäftigen. Und ich bin sehr glücklich über das, was er mir geschickt hat.“

Ein ganz anders gepolter Höhepunkt des Albums ist „Embraced By The Earth“, bei dem Schaerer nicht nur seinen Freund, den einmaligen Akkordeonisten Vincent Peirani als Gast begrüßt, sondern auch im ergreifenden Duett mit Jessana Némitz singt, einer aufstrebenden Schweizer Sängerin. Ohnehin ist die Bandbreite der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten noch einmal gewachsen, von neoklassisch dräuenden „Dripping Point“ zum Einstieg, über den energetisch federnden Titelsong oder das dramatisch aufgeladene Sprechgesangs-Sprachspiel „Irrlicht“, bis zur avantgardistischen Miniatur „Water“. Einen großen Bogen schlägt „The Waves Are Rising, Dear!“, dramaturgisch perfekt aufgebaut.

Eine wichtigere Rolle denn je spielt die Band. Das Baritonsaxofon und die Bassklarinette von Benedikt Reising, die Saxofone und Flöten von Mattias Wenger, die Posaune und Tuba von Andreas Tschopp, der Bass von Marco Müller sowie das Schlagzeug und die Marimba von Christoph Steiner – sie alle haben mehr Raum als früher und erzeugen so auf „The Waves Are Rising, Dear!“ ein umso bezwingenderes, spannendes Klanggeflecht. Geknüpft von Virtuosen, die sich zuletzt alle mit ihren eigenen Projekten und Bands in der europäischen Jazzszene etabliert haben. Bei Hildegard Lernt Fliegen kommen sie hörbar zu ihren Wurzeln, zu ihrer aus unverbrüchlicher Freundschaft und langjähriger musikalischer Partnerschaft geformten Kraftquelle zurück. Um beim vierteiligen „Love Warrior“ schließlich Vergangenheit und Gegenwart in eins fallen zu lassen: Da verschmilzt der lyrische, gedankenvolle neue Ansatz der Band mit dem wirbelwilden, ironisch heiteren Sturm und Drang der frühen Jahre. Quasi als Botschaft der Hoffnung, und wie um zu beweisen: Wer die Zukunft des europäischen Jazz hören will, kommt an Hildegard Lernt Fliegen nicht vorbei.