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Near Gale
Near Gale

Produktinformationen

Besetzung

Paolo Paliaga – piano
Dino Contenti – double bass
Gigi Biolcati - drums


Aufnahmedetails

Recorded, mixed and mastered by Stefano Amerio at Artesuono Recording Studios, Cavalicco (Udine), Italy, November 2 - 3, 2007
Produced by the Alboran Trio


Wenn man nach Gründen sucht für die erstaunliche Renaissance des klassischen akustischen Klaviertrios im Jazz der vergangenen Jahre, dann bekommt man sie beim Alboran Trio auf dem Präsentierteller serviert: Das ideale Verhältnis etwa zwischen einem definierten Gruppenklang und der größtmöglichen Freiheit des einzelnen Musikers. Die bezwingend harmonische Mischung traditioneller Jazzformen mit Elementen der Weltmusik. Oder auch die Selbstverständlichkeit, mit der das ganz Einfache mit dem höchst Komplexen einhergeht. Schon auf ihrem ACT-Debüt Meltemi (ACT 9448-2) gelang dem Pianisten und Komponisten Paolo Paliaga, dem Bassisten Dino Contenti und dem Schlagzeuger Gigi Biolcati ein stilistisch offener Jazz, der zeitlos klingt. Daran hat sich auf Near Gale nichts geändert.

Segeln ist die zweite große Leidenschaft von Paolo Paliaga, und so ist nach Meltemi - dem Namen eines Windes - auch Near Gale der Seglersprache entlehnt. Es bezeichnet den Bereich auf der Beaufort-Windskala kurz vor dem Sturm. Eine frische Brise vom Mittelmeer, stark und warm - das ist in der Tat die ideale Metapher für die Musik des Alboran Trios.

„Wir sind in dieselbe Richtung wie bei Meltemi gegangen“ erklärt Paliaga, „aber wir haben noch härter daran gearbeitet und waren viel wählerischer bei der Auswahl der Kompositionen, um unseren Sound zu finden, präziser und definierter nach uns zu klingen. Wir hätten auch ein Standards-Programm folgen lassen können, das habe ich schon im Kopf. Aber jetzt ging es darum, unser eingeführtes Projekt zu konsolidieren.“ Wieder stammen alle Kompositionen von Paliaga (mit Ausnahme der letzten, die Biolcati geschrieben hat). Und wieder atmen sie nicht nur kosmopolitischen Flair und schöpfen aus seiner Arbeit mit italienischen, französischen, spanischen und lateinamerikanischen Musikern, sie suchen und finden auch ganz neue Wege. Die ausdrucksvoll abgedämpft angeschlagenen Saiten des Flügels auf „Autumn Mist“, die federnde, ungewöhnliche Färbungen erzeugende Percussion des afrikaerfahrenen Biolcati auf „Also Sprach Raul“ oder der singende, an moderne Klassik erinnernde Bass Contentis bei „Invariable Geometries“ – dieses Trio liebt außergewöhnliche Einfälle.

Vieles findet sich in ihrem mediterran durchdrungenen Klangkosmos: Lyrischer Wohlklang, aber auch spannungsreiche Pausen und harsche Brüche; pulsierende dynamische Schleifen voll epischer Dramatik, wie sie seit Esbjörn Svensson Eingang in den breitenwirksamen Jazz neuer Prägung gefunden haben, aber auch stoisch ruhige Miniaturen; wirbelnde Interaktion, aber auch introvertierte Soli. Und doch bleiben alle dynamischen, rhythmischen oder klangmalerischen Experimente ganz in Diensten der Melodie oder des Themas.

Manches erklärt sich aus Paliagas Art zu komponieren: „Ich komponiere nie ein Stück allein, sondern immer zwei bis drei gleichzeitig, ich kann nicht anders. Die Ideen können aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen; mal sind sie melodischer, mal rhythmischer, dann wieder harmonischer Natur. Ich kann mir das nicht aussuchen: Ich denke nie an etwas Bestimmtes, die Musik kommt vielmehr einfach zu mir. Es ist ein natürlicher Prozess, bei dem ich nur das Instrument bin.“ Kein unbedingt angenehmer Prozess übrigens: „Es ist meist schmerzhaft, man kommt beim Komponieren zwischendurch immer in Schwierigkeiten. Erst ganz am Schluss kann ich mich entspannen.“ Dann geht es an die Arbeit mit der Band: „Am Anfang ist es ein Entwurf, jeder trägt dann seinen Teil bei und wir probieren so lange, bis jeder zufrieden ist. Wir sind das Alboran Trio, nicht das Paolo Paliaga Trio, das ist auch unsere Besonderheit, meine ich: Es gibt in Italien viele exzellente Solisten und Leader, aber wenig gleichberechtigte Projekte.“

Auch Paliagas Erfahrungen mit dem Vertonen von Stummfilmen spielen gewiss eine wichtige Rolle: Dem Alboran Trio gelingt es wie wenigen, mit Tönen Bilder zu erschaffen. Der sensible Impressionismus dieser Musik berührt, dringt tief in die Gefühlswelt des Hörers. Near Gale ist eine mediterrane Seereise dreier Klangforscher vom Kopf ins Herz.